Brugg-Windisch

Weltwoche-Vizechef: «Kein Artikel der Welt ist absolut objektiv»

Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche, erklärt den Studierenden das Wochenmagazin.

Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche, erklärt den Studierenden das Wochenmagazin.

Philipp Gut von der Weltwoche erklärt Studierenden der Fachhochschule das Handwerk und die Gefahren im Journalismus. Die Studierenden schreiben in Gruppen darüber einen Bericht und die az entscheidet, welcher Text publiziert wird.

Der stellvertretende Chefredaktor der Weltwoche, Philipp Gut, hat an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch einen Gastvortrag gehalten und sich den kritischen Fragen der Wirtschaftsstudierenden und von Kommunikationsdozentin Gunhild Hinkelmann gestellt. Dabei hat er die Position der Weltwoche in der Schweizer Medienlandschaft erläutert.

«Schreiben, was ist»

Die Weltwoche sei überflüssig, wie der Vizechef und Politikchef gleich zu Beginn halb scherzhaft ausführte. Durch Tageszeitungen und Onlinemedien werde man heute in Echtzeit über aktuelle Geschehnisse informiert. Gerade deshalb müsse sich die Weltwoche als Wochenmagazin von anderen Medien abheben. Dies geschehe in erster Linie durch das Aufdecken von Missständen. Als Beispiel nannte Philipp Gut unter anderem die Berichterstattung über den Fall Hildebrand, die den Rücktritt des Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank zur Folge hatte.

Als problematisch im Sinne eines kritischen Journalismus sieht Gut die Nähe vieler Journalisten zum Staat, die freiwillige Verpflichtung zu politischer Korrektheit und das Angleichen der Medienmeinungen. Dieser «Einheitsbrei» ist seiner Meinung nach langweilig und sogar gefährlich, denn er schade einer demokratischen Debatte und führe dazu, dass Missstände ausgeblendet würden.

Es gibt nicht «die» Wirklichkeit

In der Vergangenheit wurde die Weltwoche schon oft wegen ihres polarisierenden Journalismus angegriffen. Die Vorwürfe beziehen sich vor allem auf eine zu einseitige Berichterstattung. Gut widerspricht entschieden: «Die Weltwoche steht für Vielfalt. Neben der Kolumne von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli steht diejenige von SP-Legende Peter Bodenmann.»

Auf die Frage, ob es vollkommene Objektivität im Journalismus überhaupt gebe, antwortete der stellvertretende Chefredaktor, kein Artikel der Welt sei absolut objektiv. Schon durch die Auswahl der Quellen und deren Reihenfolge könne man den Tenor eines Textes beeinflussen. Ausserdem könnten Medien durch ihre Funktion als Gatekeeper Themen selektieren. Durch die Wahl des Titels oder mittels sprachlicher Nuancen gäben die Journalisten einem Text einen bestimmten Drive.

Junge Weltwoche?

Bei der Diskussionsrunde kam die Frage einer Studierenden auf, was denn die Weltwoche tue, um eine junge Leserschaft anzuziehen. Gut meinte, dass die Zeitung 2001, als Roger Köppel sie übernommen hatte, mehr junge Leser ansprach als heute. In den letzten fünfzehn Jahren hat die Zeitung immer mehr politische Themen aufgegriffen und nicht systematisch versucht, für Junge attraktiver zu werden. Als Zielpublikum wird eine überdurchschnittlich gebildete und gut verdienende Leserschaft angestrebt.

Ob Printmedien in Zukunft noch einen Absatzmarkt finden, kann Gut nicht mit Sicherheit sagen. Trotzdem sieht man das Thema Absatzkanäle bei der Weltwoche pragmatisch. Laut Philipp Gut zählen die Inhalte. Ob diese in Printversion oder auf dem iPad gelesen werden, sei irrelevant. Viele Medien würden sich jedoch selber kannibalisieren, indem sie gratis eine Onlineplattform anbieten.

Auch auf andere Fragen, wie etwa den Umgang mit der Informantin im Fall Geri Müller oder Anzeigen wegen Veröffentlichung geheimer Dokumente, fand Gut plausible Antworten. Ganz nach dem Motto: So lange er sich an Fakten hält, kann einem Journalisten nichts passieren.

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