«Was», fragen mich meine Kollegen erstaunt, «Du wohnst im Aargau und warst noch nie bei der Linner Linde?» – Ja, ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung von der Bedeutsamkeit dieses Aargauer Baums habe. Zahlreiche Legenden drehen sich um «d’Lende vo Linn» und trotzdem hat mich noch keine Schulreise dorthin geführt. Spätestens als ich entdecke, dass dieser Baum fast 1200 Fans auf Facebook hat, ist mir klar, dass ich ihn mit eigenen Augen sehen muss.

Der Dorfrundgang in Linn bietet mir die perfekte Möglichkeit dazu, denn die Linde ist der Ausgangspunkt der Wanderung. Der Rundgang durch Linn ist bereits der 23. Jurapark-Spaziergang. Vizeamann Carmen Stahel begrüsst die Teilnehmer am Samstag unter der Linde und lädt zum gemeinsamen Geniessen der Natur ein. Weiter erklärt Stahel, wie die Gegend des Bözbergs zur Zeit der Perimuks ausgesehen habe. Perimuk? Offensichtlich bin ich der einzige Jurapark-Neuling in der Wandergruppe, denn ausser mir scheinen alle zu wissen, dass der Perimuk ein Dinosaurier und gleichzeitig das Maskottchen des Juraparks ist. Auf jeden Fall war die Gegend um Linn vor ca. 200 Millionen Jahren noch heiss, trocken und flach. Sie erinnerte eher an eine Wüste und ein Bözberg war weit und breit nicht zu sehen.

Vierzehn fassen sich an Händen

Dorothea Burkhard, Historikerin, macht mit den Teilnehmenden den Test: «Wie viele Leute braucht es, um die Linde zu umarmen?» Immer mehr Wanderer fassen sich an den Händen und umringen den Baum. Burkhard zählt vierzehn Personen. Die Linner Linde beeindruckt mich.

Anschliessend erzählt Burkhard, dass zur Zeit der Habsburger angenommen wurde, dass die Welt untergehe, wenn der Schatten der Linde auf die Habsburg fällt. Die Historikerin relativiert aber: «Die Linde wirft ihren Schatten zwei Mal im Jahr genau auf die Burg, wir sind aber trotzdem in Sicherheit, glaube ich.»

Weiter erzählt sie von der Bedeutung der Linde als Versammlungsplatz und als Ort der Geselligkeit. Auch Gerichtsverhandlungen fanden unter Linden statt. «Fürs Scharfgericht versammelte man sich jedoch stets unter Eichen», ergänzt Burkhard.

Die Wandergruppe geht weiter Richtung Dorfplatz. Und schon imponiert mir die Linde erneut: Es ist schwer, den gesamten Baum auf ein Foto zu bringen, weil er so riesig ist. Am Dorfplatz erzählt Burkhard einige Anekdoten zum ehemaligen Transitdorf Linn. Das Dorf wirkt sehr idyllisch, aber auch etwas verschlafen. Das mag daran liegen, dass die letzte Gaststätte 1990 geschlossen wurde.

Grösster Wasserfall des Kantons

Wir verlassen nun den Dorfkern und folgen dem Natur- und Kulturpfad. Max Gasser, Biologe, teilt viel Wissenswertes und Unterhaltsames über die Fauna und Flora des Juraparks mit. Beispielsweise wurden vor dem Ersten Weltkrieg viele Obstbäume gefällt, um den Alkoholismus zu bekämpfen. Man nahm an, dass die Bauern so weniger selber gebrannte Schnäpse tränken und mehr arbeiten würden.

Gasser führt die Spaziergänger an Wiesen und Säumen vorbei, unbeliebte Neophyten wie das Springkraut reisst er im Vorbeigehen aus. Nach dem Besuch des Geburtshelferkröten-Teichs beim Steinbruch zeigt Gasser den grössten Wasserfall des Kantons. Der Biologe hat ihn selbst gemessen, 5,4 Meter hoch sei er. «Wenn jemand einen Höheren kennt, soll er sich doch melden.» Die Gruppe durchquert matschige Föhren- und Buchenwälder und ich bemerke, dass ich bei der Auswahl meines Schuhwerks nur an den Dorfrundgang gedacht habe. Glücklicherweise präsentiert sich die Sonne nun spätsommerlich.

Zum Abschluss der Wanderung hält die Gruppe auf einem Aussichtspunkt zwischen Tafel- und Kettenjura und blickt zurück auf Linn. Anschliessend entschwinden die Spaziergänger, unter denen sich auch vier Gemeinderäte von Bözberg befinden, in die Turnhalle, um den «Zobig» einzunehmen.

Ich kehre zur Linde zurück und betrachte sie vom Dorfeingang aus erneut. Sie thront auf dem nun menschenleeren Hügel. Vor dem bewölkten Himmel wirkt sie bedrohlich. Es scheint, als wolle sie mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Hoffentlich fällt ihr Schatten nicht ausgerechnet heute auf die Habsburg . . .