Arbeitsmarkt
Wechsel an der Spitze: Das RAV Brugg erfährt Veränderungen

Das Projekt Pforte Arbeitsmarkt, in dem die Invalidenversicherung und das Arbeitsvermittlungszentrum zusammenarbeiten, wird umgesetzt. Eine Aufgabe für Adrian Schmutz, der die Leitung von Linda Baldinger übernimmt.

Janine Müller
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Linda Baldinger ist seit 2007 Leiterin des RAV in Brugg und wird Ende Monat pensioniert. Ihren Posten übernimmt Adrian Schmutz.

Linda Baldinger ist seit 2007 Leiterin des RAV in Brugg und wird Ende Monat pensioniert. Ihren Posten übernimmt Adrian Schmutz.

Claudio Thoma

Auf dem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Brugg kommt es zum Wechsel an der Spitze: Leiterin Linda Baldinger geht per 31. August in Pension, Adrian Schmutz übernimmt am 1. September.

17 Jahre lang war Linda Baldinger beim RAV tätig, seit 2007 in Brugg. Besonders gut in Erinnerung ist ihr die Zeit nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 in New York. «Die Arbeitslosigkeit war bis vor diesem Ereignis sehr tief», erinnert sie sich. «Danach schossen die Zahlen in die Höhe.» Dass die Arbeitslosigkeit in Wellenbewegungen kommt, daran hat sie sich in all den Jahren gewöhnt. «Wie es der Wirtschaft geht, merken wir auf dem RAV jeweils mit Verzögerung», erklärt sie. Beispiel: Bei guter Wirtschaftslage suchen sich zuerst jene einen neuen Job, die mit ihrer aktuellen Stelle nicht mehr zufrieden sind. Erst später kommen dann auch die Stellensuchenden zum Zug.

Die Krise bei General Electric unter anderem mit Standort in Birr hatte nicht grosse Auswirkungen auf die Arbeitslosenzahlen im Bezirk Brugg. Die Erklärung von Baldinger: «Viele Arbeitnehmer wussten schon länger, wie es um das Unternehmen steht, und suchten sich eine andere Stelle.» International tätige Konzerne könnten ihre Zahlen weniger gut verstecken. Hingegen wenn ein KMU in der Region in Konkurs geht, so macht sich das viel eher beim RAV bemerkbar. «Solche kleineren Firmen behalten ihre Zahlen eher für sich, die Belegschaft ahnt nichts. Dann plötzlich stehen die Mitarbeitenden ohne Job da. Das ist ein Schock.» Das Mobile RAV, eine Springereinheit, die bei Massenentlassungen zum Einsatz kommt, reagiert dann mit Grossveranstaltungen, wo die Betroffenen informiert werden über die Möglichkeiten.

Umdenken hat stattgefunden

In die Zeit von Linda Baldinger beim RAV Brugg fällt eine gross angelegte Kampagne gegen die Ü50-Arbeitslosigkeit. Und tatsächlich hat Baldinger festgestellt, dass bei den Personalverantwortlichen ein Umdenken stattgefunden hat. Langsam zwar, aber immerhin. Ein aktuelles Beispiel: Bea Weber, Geschäftsführerin von gutschlafen.ch in Birr, hat kürzlich eine Frau 60plus eingestellt. Die Personalberater fragen heute bei einem Unternehmen auch nach, wenn in einem Inserat steht, dass nur Personen unter 50 Jahren gesucht werden. «Wir machen dann den Arbeitgebern klar, dass wir mehr Personen vermitteln können, wenn es keine Alterslimite gibt», sagt Baldinger.

Im Tandem geht es einfacher

Menschen über 50 Jahre sind nicht häufiger von Erwerbslosigkeit betroffen als jüngere, aber das Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit ist höher und die Anstellungschancen sind geringer. Um 50plus Stellensuchende zu unterstützen, gibt es im Aargau ein Mentoring-Programm für arbeitslose Menschen ab 50 Jahren, die eine Arbeitsstelle suchen und dabei die Unterstützung von freiwillig engagierten Personen in Anspruch nehmen möchten. Die Idee dahinter: Eine berufserfahrene und in der Arbeitswelt gut verankerte Persönlichkeit stellt im Tandem 50plus ihre Zeit, ihr Wissen und ihr Kontaktnetz einem anderen Menschen zur Verfügung. Infos auf: www.tandem-ag.ch/50_plus. (jam)

Ein Grund, warum die Arbeitslosenquote in der Kategorie 50plus dennoch nicht zurückgegangen ist, ist der Fakt, dass es immer mehr Menschen in diesem Alterssegment gibt.
In den Jahren ihrer Tätigkeit praktisch konstant hoch geblieben ist der Fachkräftemangel, sagt Linda Baldinger. Sie erwähnt das Stichwort «Nachholbildung». Heisst: Wer bereits als Hilfskraft in einem Betrieb arbeitet, soll die Chance erhalten, sich in diesem Bereich weiterzubilden. Ein Beispiel ist auch der Pflegehilfe-Kurs des Roten Kreuzes. Dieser wird finanziert, weil im Pflegebereich grosser Mangel an Personal besteht.

Grundsätzlich hätten Handwerker mit Berufslehre gute Chancen, wieder einen Job zu finden. Schwieriger sei es für Hilfsarbeiter in dieser Branche. Immer wieder ein Thema ist der Informatik-Bereich: «Da sind Papiere wichtig. Spezialisierte Leute haben enorm Mühe, einen Job zu finden, wenn sie sonst keine Weiterbildung gemacht haben», sagt Baldinger.

Weiterbilden ist essenziell

Hier hakt Adrian Schmutz ein, betont, wie wichtig es ist, sich ständig weiterzubilden und dieses Wissen zertifizieren zu lassen. «Permanentes Weiterbilden ist essenziell, um die Qualifikation zu erhalten», sagt er.

Mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhalten sollen künftig auch in Brugg Menschen, die allenfalls gesundheitliche Einschränkungen haben und auf Stellensuche sind. Die «Pforte Arbeitsmarkt» läuft zurzeit in Menziken als Pilotprojekt, soll aber im Jahr 2019 im ganzen Aargau definitiv umgesetzt werden. Auch in Brugg. Geplant ist die Umsetzung per 1. August 2019. Entsprechend kommt es auf dem RAV Brugg zu gewissen Umstrukturierungen, da die IV-Berater, die Sozialdienste der Gemeinden sowie die Personalberater enger zusammenarbeiten sollen. «Das wird sicher eine Herausforderung», sagt Adrian Schmutz. «Es ist aber auf jeden Fall ein spannendes Projekt und die grösste Veränderung im nächsten Jahr.»
Das Ziel der «Pforte Arbeitsmarkt» ist, stellensuchende Menschen, die voll oder teilweise arbeitsmarktfähig sind, möglichst rasch und nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Veränderungen wird es auf dem Arbeitsmarkt weiter geben. Und so rät Schmutz jungen Menschen, dass sie einen Beruf erlernen: «Gute Berufschancen gibt es im IT-Bereich, da die Digitalisierung weiter fortschreitet.»

Über all das muss sich Linda Baldinger bald nicht mehr den Kopf zerbrechen. Sie geht per Ende August in Pension. «Mit einem lachenden und einem weinenden Auge», wie sie sagt. Sie freue sich darauf, langsamer zu werden, mehr Zeit zu haben. «Ich möchte mir bewusst wieder Zeit nehmen, beispielsweise die Zeitung richtig zu lesen und nicht nur zu überfliegen.» Auch will sie sich ihrer Fitness widmen, einen Nähkurs machen, im Kochen kreativer werden und sich um die beiden Enkelkinder kümmern. Sie kann sich künftig auch ein soziales, gesellschaftliches Engagement vorstellen. Wie dieses genau aussehen soll, kann sie aber noch nicht sagen.

Nachgefragt

Bea Weber ist Geschäftsführerin von gutschlafen.ch in Birr und hat eine 60-jährige Frau angestellt.

Was hat Sie dazu bewogen, jemanden einzustellen, der 60 Jahre alt ist?

Unsere bisherige Mitarbeiterin, die uns schon seit über 25 Jahren grossartig unterstützt, wird leider im Oktober pensioniert. Entsprechend mussten wir uns für eine neue Fachberaterin umschauen. Ausschlaggebend für uns war die Fach- und Sozialkompetenz.

Was zeichnet Ihre neue Mitarbeiterin aus?

Unsere neue Mitarbeiterin ist Schlaf- und Liegeberaterin, und dies schon seit vielen Jahren. Leider sind nur sehr wenige Personen darin ausgebildet. Wir möchten, dass unsere Kunden erholt aufstehen, und so ist es für uns ein Glück, dass sie uns angeschrieben hat und unser Team wieder komplett ist.

Würden Sie es anderen Unternehmen empfehlen, diesen Schritt auch zu machen?

Anderen Unternehmen, die wie wir viele Kunden beraten, die 40 Jahre und älter sind, würde ich sehr empfehlen, eine ältere Mitarbeiterin einzustellen. Die Lebenserfahrung ist in unserem Bereich sehr wichtig und der Kunde fühlt, dass wir ihn verstehen. Gerade jetzt sind wir perfekt aufgestellt: mit Beraterinnen in drei verschiedenen Jahrzehnten sowie für die Auslieferung mit zwei Männern zwischen 30 und 50 Jahren. (jam)