Windisch

Was hat die Identität der Schweiz mit Technik zu tun? Ein Soziologe klärt auf

Soziologe Karl Haltiner: «Die Frage ‹Schweiz wohin?› spitzt sich zu.»

Soziologe Karl Haltiner: «Die Frage ‹Schweiz wohin?› spitzt sich zu.»

Das Podium Interface der Fachhochschule für Technik in Windisch widmet sich der «Identität der Schweiz». Soziologe Karl Haltiner erklärt, was diese mit Technik zu tun hat.

Herr Haltiner, das aktuelle Programm des Podiums Interface, das von der Hochschule für Technik der FHNW veranstaltet wird, ist Politik pur. Was hat die «Identität der Schweiz» mit Technik zu tun?

Karl Haltiner: Wer nur etwas von Technik versteht, versteht auch von der nichts! So lautete ein altes Diktum. Keine Ingenieurschule bildet Studierende der Technik aus, ohne Sie gleichzeitig mit dem gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Umfeld vertraut zu machen, in dem sie ihren Beruf ausüben werden. Man will weder Fachidioten noch weltfremde Technokraten.

Die Kritik an der Fragestellung akzeptieren wir natürlich, wenn auch zähneknirschend, als berechtigt. Aber es wird wohl einen Grund geben für Ihr aktuelles Thema?

Die Schweiz befindet sich derzeit offensichtlich in einem beschleunigten Umbruch. Mit der Verdichtung der Aussenbeziehungen durch die Globalisierung und die europäische Einigung sind dem Land neuartige Herausforderungen für den nationalen Zusammenhalt und zu verfolgenden Kurs im internationalen Umfeld erwachsen. Die Dynamik dieser Entwicklung scheint Teile unserer Bevölkerung zu verunsichern. Zur Sprache kommen sollen im Interface 2015 deshalb unter dem Titel «Identität Schweiz – Sonderfall oder besonders?» verschiedene Aspekte der nationalen Identität, die politische, die sozialpsychologische, die kulturelle und die wirtschaftliche.

Identität ist ja die Antwort auf die Frage «Wer sind wir?» Ist nicht eines unserer grossen Probleme, dass viele nur zu gut wissen, was «die Schweiz» ist?

Die knappe Annahme der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar des letzten Jahres offenbarte wie sehr die Schweiz in der Frage, wie man sich selber sieht, ein gespaltenes Land ist.

Nationalkonservative gegen Euroturbos – aber wer noch?

Die Eidgenossenschaft ist heute eine «Drittelgenossenschaft». Ein Drittel beharrt auf einer autonomen, ja autarken Schweiz und beschwört die Werte der Vergangenheit und der direktdemokratischen Selbstbestimmung. Kein Jota nationaler Souveränität soll und darf aus dieser Sicht an über- und internationale Organisationen abgegeben werden. Für ein weiteres Drittel am anderen Ende des Pols kann sich die Schweiz dem Griff der Globalisierung und dem Sog der europäischen Einigung nicht entziehen. Ohne weitere wirtschaftliche und politische Öffnung verbaut sich in dieser Optik das Land seine eigene Zukunft. Deshalb gehört die Schweiz besser schon heute stärker als erst morgen ins sich zusammenrückende Europa. Eingeklemmt zwischen diese beiden Dritteln, sieht sich ein höchst verunsichertes Mitteldrittel, das den Veränderungsdruck mit seinen positiven und negativen Folgewirkungen zwar spürt, sich aber nur schwer von den Sicherheit versprechenden Eckwerten schweizerischer Tradition zu lösen vermag. In der Eigensicht dessen, «was die Schweiz ist», sind wir also völlig blockiert, niemand hat derzeit die entscheidende Definitionsmacht.

Und wie wirkt sich das Ihrer Ansicht nach politisch aus? Müssen wir, um unsere Identität zu klären, zu irgendwelchen Wurzeln zurück oder uns eher neu erfinden?

Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative scheint sich die Frage «Schweiz wohin?» innen- und aussenpolitisch weit schneller zuzuspitzen als erwartet. Der Leidensdruck ist am Steigen, weil die Zeit des für die Schweiz so erfolgreichen Sowohl-als-auch auszulaufen droht. Die bisher kunstvoll verfolgte Balance zwischen dem Innen und dem Aussen ist aus dem Lot geraten. Eine Entscheidung drängt, das sich schon seit längerem abzeichnende Ringen der beiden politischen Pole um das wankende Mitteldrittel verschärft sich deutlich.

Das Ringen um die Mitte ist der Zentralgestus schweizerischer Konsenspolitik. Aber was hat das mit Identität zu tun?

Es geht eben nicht nur darum, die unentschlossene Mitte auf eine Seite zu ziehen. Die Frage «Wer sind wir?» drängt als Basis für das «Was wollen wir?» immer mehr und immer greller in den Vordergrund. Herkunft ist nach dem Philosophen Odo Marquard immer auch Zukunft. Identitätsklärung heisst nicht, sich neu zu erfinden, wohl aber ohne Verleugnung der eigenen Wurzeln sich in neue Rahmenbedingungen realitäts- und zeitgerecht und aktiv mitgestaltend, das heisst mit gesundem Selbstbewusstsein, einzubringen. Dazu werden sich sieben prominente Referenten im diesjährigen Podium Interface an der Fachhochschule Nordwestschweiz kompetent äussern.

Interface 2015 beginnt am Montag, 9. März, 17.15 Uhr in der Aula Windisch.

Das Programm finden Sie hier.

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