Windisch

«Was dieser Hund tut, kann kein Mensch» – ein flauschiger Unterstützer in Königsfelden

Seit zwei Jahren sind sie ein Team: Seelsorger Martin Schaufelberger und Hund Ludwig.

Seit zwei Jahren sind sie ein Team: Seelsorger Martin Schaufelberger und Hund Ludwig.

«Ausnahmetier» Ludwig hilft am Windischer Standort der PDAG bei der Therapie von Menschen mit Depression, Psychose und Demenz. Dass Ludwig noch lange zum Einsatz kommen kann, ist zu hoffen.

Wo er geht, zieht Ludwig Blicke auf sich. Auch am Donnerstag, als der Labrador still im Eingang des Begegnungszentrums der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) liegt, geht kaum einer ohne ein kurzes Streicheln vorbei. «Meistens begrüssen die Leute zuerst den Hund und dann mich», sagt Martin Schaufelberger mit einem Lachen. Der Wohler arbeitet seit 2002 auf dem Areal Königsfelden und betreut Patienten seelsorgerisch. Seit zwei Jahren begleitet ihn sein Therapiehund Ludwig dabei. «Ein Ausnahmetier», meint Schaufelberger.

Sorgt für besondere Erlebnisse

Das sanfte Gemüt, flauschige Fell und die treuen braunen Augen helfen dem Vierbeiner nämlich bei seiner täglichen Arbeit. Montags, donnerstags und freitags besucht er gemeinsam mit dem Seelsorger Menschen auf den Stationen der PDAG, die von psychischen Erkrankungen wie Depression, Psychose oder Demenz betroffen sind. Zwischen einem kurzen Augenblick und 45 Minuten verbringt Ludwig unter Aufsicht mit den Personen. Er stelle Kontakt zu den Menschen her, spende wenn nötig Trost und ermögliche Berührung, wie Schaufelberger sagt. «Seine Anwesenheit kann einen depressiven Zustand unterbrechen oder Einsamkeit bekämpfen. Ausserdem ist er ein echter Knuddelhund.»

Durch sein «offenes Wesen» sorgt das Tier beim Seelsorger immer wieder für besondere Erlebnisse. Auf einer Demenzstation begegnete Schaufelberger einmal einem alten Mann, der kaum mehr ein Wort sprach. Ludwig sprang ohne Zögern auf ihn zu, setzte sich neben ihn und nahm Kontakt auf. Nach wenigen Minuten begann der Mann den Hund zu streicheln.

Umarmungen auch in Coronazeiten ermöglichen

Ludwig kommt nicht nur in der Seelsorge, sondern genauso bei der Arbeit von Bewegungs- und Sporttherapeutin Valeria Spälty zum Einsatz. Etwa eineinhalb Tage pro Woche ist er bei den PDAG vor allem bei Einzel-, aber auch bei Gruppentherapien von Personen mit bipolaren Störungen dabei. Charakteristisch für diese psychischen Erkrankungen sind manische und depressive Stimmungsschwankungen. «Bei diesen Menschen ist Ludwig ein ‹Türöffner›. Auch immer wieder einmal bei Personen, die sagen, dass sie eigentlich Angst vor Hunden hätten.»

Man lerne klare Kommandos zu geben

So lockt sie schon mal einen Patienten an die frische Luft, indem sie sagt, dass der «Hund jetzt mal raus müsse». Als Resultat fokussiere der Mensch sich eine Weile nicht mehr nur auf sich selbst, weil es beim Spaziergang ja um den Labrador gehe. Die Therapeutin führt aus: «Viele Depressive haben das Gefühl, ‹zu nichts zu Nutze zu sein›. Ludwig gibt Betroffenen die Möglichkeit, einem anderen Lebewesen etwas Gutes zu tun.» Ausserdem reagiere der Hund auf das Handeln der Leute und stelle Kontakt her. Man lerne auf den Spaziergängen das Tier zu führen und klare Kommandos zu geben. Dies falle manischen oder depressiven Personen oft nicht leicht.

Nicht jeder Hund eignet sich für die Therapie

Mithilfe von Ludwig arbeitet Valeria Spälty auch an der Körperwahrnehmung der Patienten. «Beispielsweise können sie ihre Hand auf den Hundebauch legen und den Atem des Tieres spüren. Vielleicht vergleichen sie diesen mit ihrem eigenen und es entsteht eine Atemübung.» Daneben gibt Ludwig den Patienten bedingungslose Zuwendung. Spälty sagt: «Gerade in der Coronazeit ist es wichtig, dass sie jemanden umarmen können.» Sie staune immer wieder, was Ludwig so bei den einzelnen Patienten erreiche. Sie sagt: «Was dieser Hund in der Therapie tut, kann kein Mensch.»

Sein Potenzial wurde schnell erkannt

Ludwig ist nicht der erste Therapiehund von Martin Schaufelberger. Bereits 1994 kam dem Seelsorger und seiner Frau Jacqueline die Idee, ihr Haustier entsprechend zu trainieren. «Weil unsere Kinder noch klein waren, ging das damals aber nicht», erklärt der Seelsorger. Denn ein Therapiehund und dessen Führer müssen sich speziell ausbilden lassen, was Zeit, Geduld und Geld erfordert. Nachdem seine Frau bereits zwei Tiere trainiert hatte, war es beim bald vierjährigen Ludwig nun an Martin Schaufelberger, den Labrador auf seine Einsätze in der Therapie vorzubereiten. Übernommen hatte das Ehepaar ihn von Leuten, die «sich nicht mehr um ihn kümmern konnten». Schnell erkannten die beiden sein Potenzial.

«Sie brauchen einen gewissen Spieltrieb»

Beim «Therapiehundeteam», das beim schweizerischen Schäferhundclub integriert ist, machte der Seelsorger mit Ludwig die Ausbildung. Dabei folgt nach einem Aufnahmetest eine mehrtägige Ausbildung mit Abschlussprüfung. Diese muss jährlich wiederholt und ein regelmässiger Gesundheitscheck beim Tierarzt gemacht werden. Schaufelberger würde die Ausbildung jedem empfehlen: «Man lernt sehr viel über den Hund und über sich.»

Aber nicht jedes Tier eignet sich: «Sie dürfen keine Beisser sein, keine Berührungsängste haben und brauchen einen gewissen Spieltrieb.» Dafür müsse ein Therapiehund nicht immer perfekt «Fuss laufen» wie vielleicht ein Schutzhund.

Auch Freizeit muss für die Vierbeiner sein

Wenn der Labrador nicht auf einer Station unterwegs ist, döst Ludwig unter dem Tisch des Seelsorgers. «Er ist nie im Dauereinsatz. In meinem Büro bei den PDAG hat er seine Rückzugsmöglichkeit.» Schaufelbergers 11-jährige Hündin Djana leistet Ludwig dann Gesellschaft – wenn sie nicht arbeitet.

Damit die Tiere «einfach mal Hund sein» und sich entspannen können, haben sie ihre klar definierte Freizeit. Besonders beim Mittagsspaziergang darf dabei für «Sportskanone» Ludwig Spielzeug nicht fehlen. Das beweist der Labrador auch während des Interviews: Steckt er doch frech seine Nase in Schaufelbergers Tasche – dort wartet das geliebte Spielzeug.

Dass Ludwig noch lange zum Einsatz kommen kann, ist zu hoffen. Schaufelberger sagt: «Hunde wollen arbeiten. Aber wenn sie zeigen, dass sie genug haben, dann zwinge ich sie nicht. Dann darf Ludwig bei uns in Pension.»

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