Brugg-Lauffohr

Warum der Rega-Gründer mit Hunden aus dem Flugzeug sprang

Walter Odermatt (87) ist einer der Rega-Gründer und ein Pionier in Sachen Luftrettung. Begonnen hatte alles 1946 mit dem Flugunfall einer Douglas C 53 Dakota der US Air Force auf dem Flug von Wien nach Marseille in einem Schneesturm.

Er hat Angst, Walter Odermatt. Das schon. Aber das Abenteuer reizt mehr. Wir schreiben das Jahr 1954. In England darf der gebürtige Stanser gemeinsam mit drei Dutzend weiteren Schweizer Bergrettern eine Fallschirmspringer-Ausbildung bei der Royal Air Force absolvieren; den bundesrätlichen Segen gab Max Petitpierre, damals Aussenminister.

Und so sitzt Walter Odermatt also in einem Flugzeug. Den Rucksack mit dem Fallschirm hat er umgeschnallt. Was vorher stundenlang in Trockenübungen trainiert wurde, wird jetzt Realität. Der Pilot gibt das Zeichen, Walter Odermatt springt. Wenige Minuten später landet er sicher auf dem Boden. Vielleicht nicht so sanft, wie die heutigen Fallschirmspringer. «Verletzt habe ich mich aber nie», versichert Walter Odermatt.

1952: Bucher gründet die Rettungsflugwacht – Zeitzeugen erinnern sich.

1952: Bucher gründet die Rettungsflugwacht – Zeitzeugen erinnern sich.

Erzählt der heute 87-Jährige von dieser Zeit, lächelt er schelmisch, wirkt auf einmal wieder jung. Stolz und wahrscheinlich etwas Wehmut gesellt sich dazu. Walter Odermatt liebte die Herausforderung, das Adrenalin, das Abenteuer. Er würde noch heute mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springen, wenn er die Möglichkeit hätte.

Der Drang, zu helfen

Für das Gespräch kommt der rüstige Rentner extra ins Büro der az. Mit im Gepäck Dokumente, Fotos und Bücher aus seiner Zeit bei der Rega. Die Rega, sie ist eine Herzensangelegenheit, sein Lebenswerk. «Der Wunsch zu helfen, war meine Triebfeder», sagte er in einem Porträt im Buch «1414 – Die Erfolgsgeschichte der Rega und ihre Gesichter.»

Dieser Drang zu helfen, brachte Walter Odermatt am 27. April 1952 dazu, bei der Gründung der Schweizerischen Rettungsflugwacht (SRFW) mitzumachen. «Als Kind und Jugendlicher habe ich in den Bergen oft gesehen, dass medizinische Hilfe bei Unglücken zu spät kam oder dass diese ungenügend war», erklärt er seine Beweggründe. «Ich habe die Gefahren gesehen; die Hilflosigkeit. Mir wurde klar, dass man da etwas tun muss.» Schon früh war Walter Odermatt ein Abenteurer, vielleicht sogar ein Draufgänger. Er war gerne in den Innerschweizer Bergen unterwegs, fühlte sich in diesem Gelände wohl.

Um den Einsatzbereich erweitern zu können, schickte Rega-Gründer Bucher seine Retter in die Fallschirm-Springer-Ausbildung der britischen Royal Air Force.

Um den Einsatzbereich erweitern zu können, schickte Rega-Gründer Bucher seine Retter in die Fallschirm-Springer-Ausbildung der britischen Royal Air Force.

Begonnen hatte alles 1946 mit dem Flugunfall einer Douglas C 53 Dakota der US Air Force auf dem Flug von Wien nach Marseille in einem Schneesturm. Die Maschine strandete auf dem Gauligletscher oberhalb von Meiringen. Walter Odermatt erfuhr davon, machte sich eigenhändig auf die Suche der Maschine – ohne Erfolg.

Später fanden Schweizer Rettungstrupps die zwölf Personen, von denen drei verletzt waren. 13 Stunden dauerte der Aufstieg der Bergretter. Anschliessend mussten sie vor lauter Erschöpfung eine Nacht auf der Unfallstelle verbringen. Ein Beispiel dafür, wie langwierig Bergrettungen damals waren. In Walter Odermatt begann ein Feuer zu brennen, das bis heute nicht erloschen ist. Das Interesse für die Rettung von Menschen, die in den Bergen in Not gekommen sind, liess ihn fortan nicht mehr los.

Am Wochenende im Einsatz

Trotzdem machte er zuerst eine Ausbildung zum Postbeamten in Luzern. Erst später zog es ihn ins Rettungswesen. Ausschlaggebend war die Militärrekrutierung, wo er zu den Sanitätern eingeteilt wurde. Anschliessend wurde er Sanitäts-Instruktor, reiste dafür in der ganzen Schweiz herum; lebte mal hier, mal da. Bis er dann in der Kaserne Brugg blieb und hier auch eine Familie gründete. «Ich vermisse hier zwar die Berge», sagt Walter Odermatt. «Aber dafür ist es umso schöner, diese jeweils wiederzusehen.» Heute ist Lauffohr seine Heimat, zum Wandern zieht es ihn aber immer wieder in die Berge.

Hauptberuflich war Walter Odermatt also beim Militär engagiert. Doch auch die Wochenenden waren immer ausgebucht. Dann nämlich kümmerte er sich um die Rega (damals SRFW) und deren Aufbau. Von einem kleinen Stützpunkt in Kloten aus koordinierte man die Rettungsflüge. Es folgte der eingangs erwähnte Aufenthalt in England als Fallschirmspringer, um dann in der Schweiz erstmals Rettungen aus der Luft machen zu können. Im Heimatland dann mussten die ausgebildeten Springer noch eine Prüfung ablegen, obwohl ausser ihnen praktisch niemand eine Ahnung vom Fallschirmspringen hatte.

Die Rega wollte Hunde auch bei Fallschirm-Rettungen einsetzen. Ein Absprung aus dem Flugzeug samt Hund – das hatte vorher noch niemand ausprobiert. Die Rega-Pioniere erzählen.

Die Rega wollte Hunde auch bei Fallschirm-Rettungen einsetzen.

Ein Absprung aus dem Flugzeug samt Hund – das hatte vorher noch niemand ausprobiert. Die Rega-Pioniere erzählen.

In verschiedenen Übungen testeten Walter Odermatt und seine Kollegen die neu erworbenen Fähigkeiten. Bald schon versuchte man Absprünge mit Lawinenhunden. Ein erster Versuch misslang gründlich: Die Kiste, in der der Hund versorgt wurde, löste sich zu früh vom Fallschirm. Das Tier stürzte in die Tiefe und starb. «Das tat mir schon sehr leid», gesteht Walter Odermatt. «Aber wir mussten ein gewisses Risiko auf uns nehmen, um uns weiterzuentwickeln.» Später wurden die Hunde am Fallschirm festgemacht. Doch nach der Landung waren sie jeweils so verwirrt, dass sie nicht zu gebrauchen waren. So banden die Fallschirmspringer die Hunde an ihren Brustkorb. Doch dies behinderte die Springer beim Landen. «Wir mussten aufpassen, dass wir nicht auf die Hunde stürzten», erklärt Walter Odermatt. Die vierte Idee funktionierte dann: Die Hunde pendelten an einem Seil unterhalb des Fallschirmspringers. Während des Flugs sprachen diese dann ständig mit den Tieren. Und siehe da: Die Hunde waren nach der Landung beruhigt und die Fallschirmspringer konnten besser landen.

Negativ in Erinnerung bleibt Walter Odermatt ein Ereignis auf dem Flugplatz Birrfeld. «Wir übten einen Tag lang diese Absprünge mit den Hunden», erzählt er. «Alles lief gut. Doch dann wollte der Pilot, der den ganzen Tag für uns geflogen war, starten. Ein plötzlicher Windstoss vereitelte den Start. Die Maschine zerschellte am Boden.» Der Pilot starb. «Das gibt mir heute noch zu denken, dass Menschen, dass Kollegen sterben mussten, damit wir Neues ausprobieren konnten.» Denn der Flugzeugunfall war nicht der einzige. Auch bei Rettungsübungen gab es immer wieder Tote.

Zusammenarbeit TCS und Rega

So manchen Einsatz hat Walter Odermatt danach erlebt, der nicht glücklich geendet hat. «Es kam gelegentlich vor, dass wir die Menschen nur noch tot bergen konnten», sagt er. Mühe bekundete er auch mit Unfällen, in die Kinder verwickelt waren. Beispiele geben mag er nicht. Dafür erzählt er von Leuten, die die Rega auch ausnutzten. Solche, die keine Lust mehr hatten, den Abstieg zu wagen, und dann ein Höhen-Lungenödem vortäuschten, um mit dem Helikopter sicher und gemütlich ins Tal zu gelangen.

Ins Reden gerät Walter Odermatt auch, wenn es um die heutige Luftrettung im Kanton Aargau geht. Ihm sei es wichtig, dass zwischen Rega und TCS eine gute Zusammenarbeit besteht. «Am Ende geht es darum, möglichst rasch ein Leben zu retten. Da ist es egal, wer das macht», sagt er. Eine gute Kommunikation sei essenziell.

Seinen letzten Einsatz absolvierte der Stanser übrigens im Jahr 1988 in Eriwan (Armenien). Er war dort als Helfer nach dem schweren Erdbeben im Einsatz. Heute ist sein Leben gemächlicher. Walter Odermatt lebt von den Erinnerungen von den Erlebnissen bei der Rega. Und die zaubern ihm immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.

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