Eurobus-Crash
Wären sie angegurtet gewesen: Drei der vier Opfer hätten wohl überlebt

Der Untersuchungsbericht zum Bus-Unglück in Norwegen mit vier Todesopfern hält fest: Es ist von menschlichem Versagen auszugehen. Zudem könnten drei der vier Opfer sehr wahrscheinlich noch am Leben sein, wären sie angegurtet gewesen.

Nadja Rohner
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Aargauer Busdrama in Norwegen - drei Schweizer tot, 13 verletzt (TeleM1)
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Der Unglücksbus wird am Tag nach dem Unfall in einer Werkstatt von norwegischen Spezialisten untersucht.
Der verunglückte Schweizer Reisecar und zahlreiche Helfer.
Der Bus knallte frontal in den Hang.
Die Polizei sichert den Unfallplatz.
Der Strassenabschnitt im Unfallgebiet gilt bei Einheimischen als gefährlich.
Der Bus war nach dem Crash in die Felswand völlig zerstört.
Der verunfallte Aargauer Bus von in Norwegen.

Aargauer Busdrama in Norwegen - drei Schweizer tot, 13 verletzt (TeleM1)

Keystone

Am Nachmittag des 29. Juli 2014 verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: In der norwegischen Gemeinde Namsskogan, auf der Europastrasse 6, war ein Bus des Windischer Reiseunternehmens Eurobus verunfallt. Das Unglück geschah am Tag 10 einer zweiwöchigen Rundreise zum Nordkap. Vier der 16 Passagiere – drei Männer und eine Frau – starben.

Gestern hat die norwegische Unfalluntersuchungsbehörde einen detaillierten Bericht veröffentlicht. Die Hauptaussagen: Eurobus und der Fahrer haben alle Gesetze und Richtlinien eingehalten. Die Unfallursache kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden, sehr wahrscheinlich aber hatte menschliches Versagen des Chauffeurs zum Unglück geführt. Und: Drei der vier Toten könnten noch leben, wenn sie ihre Sicherheitsgurte getragen hätten.

Der Bus überquerte ungebremst die linke Fahrspur, geriet in den tiefen Strassengraben und kippte nach links, bevor er einen Felsen touchierte und so wieder aufgerichtet wurde. 13 Passagiere und der Fahrer waren angeschnallt. Sie alle kamen mit leichten Blessuren davon. Die drei Passagiere, die ihre Gurte nicht angelegt hatten, wurden von ihren Sitzen geschleudert, zwei davon aus dem Bus. Sie starben auf der Unfallstelle. «Hätten sie die Sitzgurte getragen, wären ihre Verletzungen sehr wahrscheinlich nicht tödlich gewesen», hält der Bericht fest. Das vierte Todesopfer war zwar angeschnallt, prallte aber mit dem Kopf an eine Fensterleiste. Es erlag den schweren Verletzungen am Folgetag im Spital.

Zwar hatte die Rettung ausserordentlich lange gedauert, so die Untersuchungsbehörde, eine raschere Bergung hätte aber angesichts der schweren Kopfverletzungen wohl auch nicht mehr geholfen. «Wahrscheinlich wären die Verletzungen aber weniger gravierend gewesen, wenn der Passagier eine Dreipunktgurte statt einer Zweipunktgurte getragen hätte.» Bei einer Dreipunktgurte wie im Auto wird auch der Oberkörper fixiert, Zweipunktgurte kennt man aus Flugzeugen. Immerhin: 82 Prozent der Passagiere hatten einen Gurt getragen – ungewöhnlich viele, betonen die Ermittler anerkennend. Das sei wohl darauf zurückzuführen, dass der Chauffeur seine Gäste wiederholt daran erinnert hatte.

Nicht abschliessend feststellen konnten die Ermittler die Unfallursache. Sie schliessen eine technische Ursache und überhöhte Geschwindigkeit aus. Das Wetter sei schön gewesen, die Fahrbahn trocken. Entgegen erster Vermutungen in norwegischen Medien war auch nicht der neue Asphaltbelag das Problem. Es gebe keine Hinweise darauf, dass der Bus erst an der rechten Strassenseite von der Fahrbahn abgekommen und durch ein Gegensteuermanöver auf die linke Seite geraten sei. Die Unfallermittler weisen aber darauf hin, dass der Bus mit Baujahr 2010 kein Spurassistenz-System eingebaut hatte, das den Fahrer warnt oder gar korrigiert, wenn er von der Strasse abkommt. Es ist erst in neueren Fahrzeugen Standard.

Der Bus war laut Augenzeugen bereits zehn Minuten vor dem Unfall durch eine schlingernde Fahrweise aufgefallen. Der Chauffeur – ein Deutscher mit langjähriger Erfahrung als Lastwagen- und Busfahrer – war aber weder betrunken noch konnten in seinem Blut Medikamente festgestellt werden. Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass er den Bus aktiv in den Graben gesteuert hat oder dass er krank war. Er trat die Reise nach zweiwöchigen Ferien an und hielt alle Ruhezeiten ein.

Dennoch hält der Bericht fest, vieles deute darauf hin, dass der Fahrer auf der relativ monotonen Strecke eingenickt sein könnte, erschöpft oder anderweitig abgelenkt war. Gegen ihn läuft in Norwegen ein provisorisches Verfahren wegen fahrlässiger Tötung. Er wurde kürzlich in Deutschland von den dortigen Behörden auf Wunsch der Norweger erneut einvernommen. Nach wie vor kann er sich nicht an den Unfall und die zwei Stunden davor erinnern. Die norwegische Staatsanwaltschaft wird nach Auswertung des Unfall-Ermittlungsberichts und des Einvernahmeprotokolls entscheiden, ob er definitiv angeklagt wird.

Lesen Sie hier den Kommentar.

Lesen Sie hier das Interview mit Eurobus-Geschäftsführer Andreas Meier.

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