Windisch
War er ein Wendepunkt? Neu entdeckter römischer Brunnen gibt Rätsel auf

Ein halbkreisförmiges Brunnenbecken ist in diesen Tagen bei Bauarbeiten freigelegt worden. Möglicherweise bildeten solche Brunnen Wendekreise eines einfachen römischen Circus, auf welchem Pferde- und Wagenrennen ausgetragen wurden.

Edgar Zimmermann
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Jürgen Trumm, Leiter Grabungen Vindonissa, begutachtet den freigelegten römischen Brunnen. NN

Jürgen Trumm, Leiter Grabungen Vindonissa, begutachtet den freigelegten römischen Brunnen. NN

Edgar Zimmermann

Im Vorfeld einer Überbauung gegenüber dem Kindergarten Dohlenzelg stiess der Bagger bei der Humus-Abtragung auf römische Mauern. Es handelte sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um ein halbkreisförmiges Brunnenbecken, wie Jürgen Trumm, Leiter Grabungen Vindonissa, erläuterte.

Gefertigt ist der gut erhaltene Brunnen, der im 1. Jh. erbaut worden war, aus Ziegelschrot-Mörtel, die Innenseiten des Beckens und der Boden sind wasserdicht verputzt und weisen Kalkablagerungen auf, was auf die Wasserfüllung schliessen lässt. Der Brunnen mit einem Fassungsvermögen von mindestens 4000 Litern hätte von der noch bestehenden Wasserleitung aus gespeist werden können. Allerdings fehlen Anzeichen der Einleitung und des Abflusses.

Bisher kaum römische Spuren in diesem Gebiet

Der ebenso seltene wie merkwürdige Fund gibt den Archäologen noch weitere Rätsel auf. Im Gebiet Dohlenzelg sind bislang nur wenige Zeugen aus der Römerzeit bekannt. Der Brunnen hätte im Innenhof einer grossen Villa oder eines markanten Bauwerkes stehen können – doch hiervon gibt es keine Zeugen, wie die Grabungen auf dem weiteren Areal ergaben. Warum aber wurde ausserhalb des überbauten Gebiets ein Brunnen angelegt? Führte einmal die Strasse vom Legionslager Richtung Birrfeld hier durch?

Teil einer Pferderennbahn?

Trumm wie auch der Kantonsarchäologie Georg Matter könnten sich auch eine spektakuläre Deutung vorstellen: den Brunnen als Wendekreis eines einfachen römischen Circus, einer lang gestreckten Arena, auf welcher Pferde- und Wagenrennen ausgetragen wurden. Am andern Ende der Arena hätte sich dann ein zweiter Halbrund-Brunnen befinden müssen.

Man kennt römische Arenen, in denen je ein Brunnen die Eckpunkte (sog. metae) markierten: Pferde und Wagen gelangten bei den Rennen um die Brunnen auf die Gegenbahn. Diese Deutung könnte insofern erhärtet werden, als der neu entdeckte Brunnen nach aussen mit Tuffsteinen eingefasst und gesichert war und sich, dem Brunnen vorgelagert, ein Kieshorizont befand. Die Nähe zum Amphitheater könnte die Annahme ebenfalls stützen.

Hälfte des Brunnens soll erhalten bleiben

Ein genauer Befund lässt sich im Moment aber nicht vornehmen. Wie man einem in Vindonissa gefundenen Schrifttäfelchen entnehmen kann, gab es hier tatsächlich eine Reitbahn – zumindest als Übungsplatz für Pferde und Reiter.

Die Römer hatten den Brunnen beim Abzug aus dem Legionslager mit Bauschutt und Tuffblöcken aufgefüllt und zugedeckt, worauf die Ruinen in Vergessenheit gerieten. Wie Jürgen Trumm erklärte, kann dank dem Entgegenkommen der Bauherrschaft die eine Hälfte des Brunnens vermutlich erhalten bleiben: Sie würde überdeckt und käme unter ein Gewächshaus zu liegen. Die andere Hälfte wird von den Archäologen abgetragen – möglicherweise wird dies weitere Erkenntnisse liefern.