«Da war ein kleines unscheinbares Reisebüro, dessen Angebote – aufgrund von Mund-zu-Mund-Propaganda und des Auftritts in sozialen Medien – von vielen türkischen Staatsangehörigen genutzt wurden», stellte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer fest. «Der Inhaber versäumte es aber, eine Rechnung für Werbung zu bezahlen. Es gab eine Betreibung. Aber niemandem war die betriebene Firma bekannt. Eine genauere Prüfung drängte sich auf. Und hier beginnt die zentrale Problematik dieses Falles: Es gab nichts zu prüfen. Es gab zwar eine Werbung auf Youtube und Facebook. Eine Buchhaltung jedoch gab es nicht. Es gab nur Bankkonti. Die Geldflüsse aber waren nicht nachvollziehbar.

Die Prüfung des geheimnisvollen Reisebüros aus der Schattenwirtschaft bescherte dem Inhaber, einem gut 40 Jahre alten türkischen Staatsangehörigen, ziemliches Ungemach. Anhand der Bankkonti konnte hochgerechnet werden, dass er über rund vier Jahre mit dem Reisebüro Einkünfte von monatlich rund 1400 Franken generiert hatte. Diese Einkünfte hatte er im Zuge eines Pfändungsverfahrens dem Betreibungsamt, aber auch der Arbeitslosenversicherung und dem Sozialamt verschwiegen. Dadurch erwirkte er, gemäss Anklage, ungerechtfertigte Bezüge von Arbeitslosengeldern im Betrag von 33'600 Franken sowie von Sozialhilfe im Betrag von 39'200 Franken.

Vorgeworfen wurde ihm zudem, Gelder von Kunden nicht zweckgerichtet verwendet und ein Elektroschockgerät importiert zu haben, das in der Schweiz verboten ist. Wegen Unterlassung der Buchführung, Pfändungsbetrug, betrügerischen Erwirkens von Arbeitslosenentschädigung und unrechtmässigen Erwirkens von Sozialhilfe, betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage, mehrfacher Veruntreuung, sowie Widerhandlung gegen das Waffengesetz hatte er sich vor dem Bezirksgericht Brugg zu verantworten.

«Immer im Minus»

«Ich wollte arbeiten und Geld verdienen», erklärte der Beschuldigte in der Befragung durch Gerichtspräsidentin Kerkhoven. «Leider bin ich selber betrogen worden.» Das Fehlen einer Buchhaltung begründete er mit dem Absturz seines Computers. Danach habe er den Gewinn jeweils auf einem Beleg festgehalten und das Geld in eine Schachtel gelegt. Zur Berechnung der Umsätze seines Reisebüros liess er durch die Dolmetscherin lakonisch ausrichten: «Kann sein.»

Gar nicht einverstanden zeigte er sich dagegen mit der Berechnung des Gewinns. Das, meinte er, seien höchstens 200 bis 300 Franken im Monat gewesen. An einem Flugticket hätte er bloss zwischen 5 und 10 Franken verdient. Zudem habe er Verluste von 40'000 Franken eingefahren, weil Tickets, die er vorfinanziert hätte, nicht abgeholt worden seien. «Das Geschäft war immer im Minus», beteuerte er.

Zum Vorwurf der Veruntreuung erklärte er unter anderem, dass er Gelder von Kunden einem gewissen Hassan anvertraut hätte, der die Reisen hätte buchen sollen, aber leider abgetaucht sei. Zum betrügerischen Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage – dem Missbrauch der Kreditkarte einer Kundin – sagte er, dass er wegen einer Verwechslung der Karte den Betrag versehentlich doppelt abgebucht hätte.

«Wissentliches Handeln»

«Der Beschuldigte hat genau gewusst, was er tat», betonte der Staatsanwalt. «Er wusste genau, welche Pflichten er hatte. Er hat wissentlich und willentlich gehandelt. Aus seinem Verhalten kann nichts anderes geschlossen werden, als dass er sich bereichern wollte.» Der Ankläger forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten sowie eine Busse von 1000 Franken.

Der amtliche Verteidiger dagegen beantragte, dass der Beschuldigte lediglich der Widerhandlung gegen das Waffengesetz schuldig zu sprechen, von einer Strafe aber abzusehen sei. «Das Reisebüro ist bloss ein teures Hobby gewesen», gab der Verteidiger zu bedenken. «Der Beschuldigte wollte Geld verdienen – er hat aber nur Geld verloren.»

Das Gericht sprach den Beschuldigten zwar vom Vorwurf der Unterlassung der Buchführung und des Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage frei, in allen andern Punkten jedoch schuldig. Es verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 13 Monaten sowie einer Busse von 1000 Franken. Er muss zudem sieben geschädigten Kunden insgesamt knapp 9000 Franken Schadenersatz leisten; die Gerichtskosten tragen und zu einem späteren Zeitpunkt die Kosten für die amtliche Verteidigung zurückerstatten. Wie der Beschuldigte in seinem ausgedehnten «letzten Wort» versicherte, habe er sein Reisebüro inzwischen geschlossen.