Schinznach-Dorf

«Waffenhandel ist kein Geschäft im Graubereich»

Martin Eerhard im Empfangsbereich seines Schiesskellers.

Martin Eerhard führt die Swiss Shooting Range in Schinznach-Dorf. Er sagt, warum er Werbung macht für den Waffenankauf, was er vom verschärften Waffenrecht denkt, warum immer mehr Frauen seinen Schiesskeller besuchen und warum er nichts hält von einem Waffenkauf zu Selbstverteidigungszwecken.

Zwielichtige Gestalten mit prall gefüllten Geldkoffern, die im Geheimen ihre dubiosen Geschäfte tätigen: Martin Eerhard schmunzelt. Er kennt die Klischees, die einem Waffenhändler anhaften. Der 41-Jährige ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Swiss Shooting Range in Schinznach-Dorf. Aufmerksam und zuvorkommend führt er durch den schnörkellos eingerichteten, gepflegten und modernen Schiesskeller im Gewerbehaus an der Veltheimerstrasse – etwas ab vom Schuss gelegen, wie er einräumt. An den videoüberwachten Empfang schliesst der Bereich mit fünf Zugscheiben mit Distanzen bis 25 Meter an, daneben befindet sich der Raum, in dem sich die – geübten – Schützen frei bewegen können. An den Wänden hinter Glas sind Waffen ausgestellt, zu haben sind ebenfalls unzählige Ausrüstungsgegenstände, vom Handschuh über das Reinigungsset und das Holster bis zu Munition. Direkt neben dem grosszügigen Lager liegt Eerhards unscheinbares, fensterloses Büro. Er nimmt Platz auf dem schwarzen Sofa, steht ruhig und konzentriert, unkompliziert und offen Red und Antwort.

2015 haben Sie den Schiessstand in Schinznach-Dorf übernommen, die Anlage in der Folge kontinuierlich erweitert. Warum werben Sie jetzt auch für den Waffenankauf?

Martin Eerhard: Immer wieder kommen bei Hausräumungen alte Waffen zum Vorschein, etwa Ordonnanzwaffen der Armee. Viele Besitzer wissen nichts damit anzufangen, sind nicht vertraut mit dem Umgang und haben kein Interesse daran. Wir ermöglichen einen legalen Verkauf und können die Waffen gleichzeitig in den Registrierungsprozess einbinden.

Sie holen die Waffen ab, sorgen für den sachgerechten Transport. Welche Formalitäten müssen berücksichtigt werden?

Für eine korrekte Abwicklung wird immer ein Vertrag erstellt, auf dem die Personalien des Verkäufers enthalten sind, die Daten zum Händler sowie die Angaben zur Waffe wie die Seriennummer und das Kaliber. Der Verkäufer erhält eine Quittung und den Nachweis, dass die Waffe rechtmässig veräussert wurde. Von unserer Seite her senden wir eine Kopie des Vertrags an die Polizei oder an die zuständige Fachstelle des Wohnorts, damit diese nicht nur über diesen Verkauf informiert sind, sondern damit sie diese Waffe in ihren Registern erfassen können.

Es kann später also klar nachverfolgt werden, welche Waffe von wem an wen verkauft wurde?

In dem Moment, in dem wir diese alten, meist unregistrierten Waffen übernehmen, müssen wir sie in unseren Waffenbüchern aufnehmen, die übrigens sowohl analog als auch digital geführt werden. Ab dann kann der Weg aufgezeigt werden. Unser Ziel ist es, den Hobby- und Sportschützen in der Schweiz diese Waffen nach der Aufbereitung und den entsprechenden Kontrollen zugänglich zu machen.

Wie gross ist das Interesse an gebrauchten Waffen?

Alte Ordonnanzwaffen bleiben in der Regel nur kurze Zeit im Laden. Ein Karabiner beispielsweise ist sehr gesucht. Er ist preisgünstig und trotzdem hochqualitativ, kann in einem Schiessstand eingesetzt werden.

Sie importieren auch Waffen. Diese werden ebenfalls erfasst?

Für den Import werden die wesentlichen Waffenbestandteile mit einer Importnummer versehen und registriert. Taucht später irgendwo ein Waffenbestandteil auf, ist nachweisbar, wer diesen in die Schweiz gebracht hat. Bis eine Waffe in der Vitrine oder im Online-Shop in den Verkauf gelangt, sind mehrere Schritte nötig.

Warum sind Sie überhaupt in den Waffenhandel eingestiegen?

Nach der Eröffnung des Schiesskellers kamen die Anfragen, ob Munition gekauft werden kann. Dafür brauchten wir eine sogenannte kleine Waffenhandelsbewilligung. Für unsere Kunden besteht der Vorteil nun darin, dass sie die Munition nicht zu Hause lagern müssen. Später legte ich die Prüfung ab für die grosse Waffenhandelsbewilligung, also für den Handel mit Schusswaffen. Ich muss so nicht mehr jedes Mal wie eine Privatperson einen Waffenerwerbsschein beantragen bei einem Kauf. Eine Sache führte zur anderen. Zuerst mussten wird uns einen Namen schaffen, die Entwicklung verlief anfangs eher schleppend. Mittlerweile sind die Zahlen um ein Mehrfaches gestiegen.

Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen?

Ein Kunde schätzt nicht nur die Vielfalt eines Sortiments, sondern auch die Beratung, den Austausch.

Verkaufen Sie jedem eine Waffe, der Interesse bekundet?

Es gibt gewisse Vorgaben, wenn eine Waffe im Spiel ist. Wer als Privatperson eine Waffe kaufen will, muss einen aktuellen Strafregisterauszug oder einen Waffenerwerbsschein vorweisen können. Der Händler kann den Verkauf aber nach eigenem Ermessen vollziehen. Ich persönlich verwickle das Gegenüber immer gerne in ein Gespräch, versuche herauszuspüren, weshalb Interesse besteht an einem bestimmten Modell, ob dieses geeignet ist. Der Kunde muss sich bewusst sein, was er kauft. Eine Pistole kann eingesetzt werden für das Standschiessen, für das dynamische Schiessen, für das sportliche Schiessen, für das Parcours-Schiessen. Deshalb ist es sinnvoll, sich eine Entscheidung gut zu überlegen. Denn ist der Waffenerwerbsschein erst einmal ausgestellt, ist es relativ aufwendig, eine Waffe wieder zurückzugeben. Habe ich als Händler Bedenken, kann ich mich weigern, den Verkauf durchzuführen, selbst wenn er rechtens wäre. Das liegt in meiner Verantwortung.

Haben Sie sich schon einmal geweigert?

Bisher ist das bei mir noch nie vorgekommen. Aber es ist enorm wichtig, diese Möglichkeit zu haben. Es ist wie bei einem Auto: Als Händler muss ich mir bewusst sein, dass ich etwas verkaufe, an dem eine Person sehr viel Freude haben kann, mit dem sie aber auch sehr viel Schaden anrichten kann.

Wie fallen die Reaktionen aus, wenn Sie jemandem erklären, was Sie von Beruf sind?

Vieles hängt mit Unwissenheit zusammen, viele haben sofort Szenen im Kopf aus einem Hollywood-Film, in dem mit einem Schnellboot Waffen über eine Grenze geschmuggelt werden. Der Waffenhandel ist aber kein Geschäft im Graubereich, sondern eine stark regulierte Branche. Die Auflagen sind hoch, die Zusammenarbeit mit den Behörden eng. Bei uns trainieren Angehörige von Polizeikorps und Grenzschutz. Wir könnten sie nicht zu unseren Kunden zählen, wenn unser Betrieb nicht seriös wäre. Auch ich persönlich als Geschäftsführer darf mir nichts erlauben, muss mir jeweils fünfmal überlegen, wie ich mich verhalte. Ein Eintrag im Straf- oder Betreibungsregister, Alkohol am Steuer, Wutausbrüche: Alles hätte riesige Konsequenzen.

Welche Auswirkungen hat das verschärfte Waffenrecht, das am vergangenen Sonntag angenommen worden ist?

In erster Linie wird der administrative Aufwand grösser, es entstehen erhebliche Zusatzkosten und es gibt gewisse Einschränkungen. Nicht mehr erlaubt sind beispielsweise Magazine für 30 Schuss. Allerdings: Solche sind zu Tausenden im Umlauf, keines ist registriert. Da hat das Gesetz wenig Einfluss.

Die Argumente der Befürworter – Stichwort Terrorbekämpfung – sind für Sie nicht nachvollziehbar?

Ich bin gebürtiger Argentinier, war sieben Jahre bei der Kriminalpolizei in Buenos Aires tätig. Dort ist das Waffengesetz extrem streng, die Kriminalität ist trotzdem hoch. Das scharfe Gesetz hat wenig gebracht, macht alles nur kompliziert. In der Schweiz kann ein Armeeangehöriger sein Sturmgewehr nach Hause nehmen, trotzdem passiert sehr wenig. Die Leute gehen bewusst mit der Waffe um. Diese Kultur ist einmalig, darauf kann die Schweiz stolz sein.

Gibt es keine Vorteile, die für die EU-Waffenrichtlinien sprechen?

Das bisher bestehende Waffenrecht hat gut funktioniert. Es reguliert klar, wie eine Waffe in Umlauf gesetzt werden kann. Meiner Meinung nach hätte es keinen Bedarf gegeben für eine Veränderung. Aber es ist ein demokratischer Entscheid. Wir sind gespannt, wie die Umsetzung erfolgt. Als Betreiber eines Schiesskellers und eines Waffenhandels müssen wir die Entwicklung aufmerksam im Auge behalten. Wir hoffen, dass es keine weitere Verschärfung gibt. Wir passen uns an und werden das Beste daraus machen. Weiterhin werden wir versuchen, den Leuten die Faszination des Schiesssports vermitteln: die Mischung zwischen Technik und Leidenschaft.

Die Schützenvereine haben landauf, landab mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. Bei Ihnen ist nichts zu spüren von einer Krise?

Der Betrieb hat sich enorm entwickelt und vergrössert seit der Übernahme 2015. Es dauerte aber ein Weilchen, bis wir bekannt waren. In den Anfängen führten wir die Buchungen – es war eine Handvoll pro Tag – auf einer Excel-Liste. Heute haben wir eine Online-Buchungsplattform und um die 150 Besucher pro Tag, zählen rund 9300 registrierte Kunden, können Schiesskoryphäen aus dem Ausland begrüssen, sind aktiv auf Social Media. Mittlerweile stossen wir platzmässig an Kapazitätsgrenzen.

Welche Faktoren sind entscheidend für den Geschäftserfolg?

Wir sind flexibel, legen Wert auf einen direkten, ehrlichen Umgang. Beliebt sind wir auch für Firmenanlässe und bei den Frauen.

Worauf ist der hohe Frauenanteil zurückzuführen?

Das Schiessen ist keine Männerdomäne mehr in der Schweiz. Viele Frauen wollen den Sport einmal ausprobieren. Sicher hat auch das Ambiente einen Einfluss. Zudem arbeiten Frauen bei uns als Aufsichtspersonen.

Sie versuchen den Besuchern, ein Erlebnis zu vermitteln?

Wir bieten ein Gesamtpaket. Es geht hier nicht nur darum, erfahrene Schützen zu begrüssen. Unerfahrene Personen erhalten die Möglichkeit, zusammen mit einem Instruktor eine Schusswaffe in die Finger zu nehmen. Viele haben gewisse Vorstellungen aus Filmen. Betreten die Leute unseren Schiesskeller, bitten wir sie, all das zu vergessen. Sie werden seriös unterrichtet, wie sie sich ohne Angst, aber mit dem nötigen Respekt richtig mit der Waffe umgehen müssen. Die Leute sind nachher keine professionellen Schützen. Aber sie wissen, wie sie die Waffe in die Hand nehmen müssen, ohne sich oder jemand anderen zu gefährden.

Haben die traditionellen Schützenhäuser ausgedient?

Im Winter im Schützenhaus zu schiessen, ist nicht so angenehm. Wir sind nicht von der Saison abhängig. Das Einzige, was wir nicht bieten können, ist die Distanz über 300 Meter. Bei uns sind dagegen sämtliche Kaliber zugelassen. Möglich ist dies auch dank der Weiterentwicklung der Kugelfänge. Wir verwenden Gummigranulat. Das ist leiser als Metall, es gibt weniger Rückstände, die Lebensdauer ist länger und die Entsorgung einfacher.

Grosser Kundenstamm, lange Öffnungszeiten, umfangreiche Formalitäten, diverse Sicherheitsrichtlinien: Wie sorgen Sie für den reibungslosen Betrieb?

Unsere Mitarbeiter – mittlerweile sind es zwölf an der Zahl – gibt es nicht von der Stange, die Anforderungen sind enorm hoch, die Verantwortung riesig. Sie müssen kundenorientiert sein und ein technisches Flair haben. Denn sie sind erste Ansprechperson, wenn es ein Problem gibt mit einer Waffe, sie müssen aber auch eingreifen können, sollte sich ein Kunde einmal unsportlich verhalten.

Jeder kann mit jeder Waffe schiessen bei Ihnen?

Jeder, der schiessberechtigt ist, dem der Umgang mit Waffen erlaubt ist. Das wird bei jedem Kunden überprüft. Überdies gibt es vollautomatische Waffen, für die es eine Ausnahmebewilligung braucht.

Sollte jeder eine Waffe zu Hause haben zur Selbstverteidigung, wie es im Ausland teilweise gang und gäbe ist?

Man muss sich immer vor Augen halten, dass Waffen eingesetzt werden, seit es Menschen gibt – sei es für die Jagd oder die Verteidigung. Meiner Meinung nach soll ein Bürger eine Waffe zu Hause haben, um einen Sport, ein Hobby zu verfolgen. Für den Schutz ist dagegen die Behörde zuständig. Denn die Gefahr, dass bei der Selbstverteidigung ein Fehler passiert, ist hoch. Das kann nicht der Sinn und Zweck sein eines Waffenkaufs.

Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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