Donnerstag, 26. April. Der zweite Tag in der, wie es scheint, grenzenlosen Weite des Po-Deltas. Keine Hügel, keine Berge engen das Blickfeld ein. Die Augen können in die Ferne schweifen, die Sicht ist frei, und die Gedanken werden es auch. So habe ich es heute empfunden: Ich habe mich seit Jahren nie mehr so frei gefühlt, wie in der Weite dieser Landschaft. Nicht nur frei von topografischen Grenzen, sondern auch frei von Zwängen, Terminen, Zeitrahmen, Konventionen und Verpflichtungen.

Das ist wohl einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen unserem Trip und einer 14-Tage-Ferienreise. Bei letzterer sind es schon beim ersten Erwachen am Ferienort nur noch 13 Tage. Bei uns ist der Oktoberbeginn noch so weit weg, dass er als Termin noch nicht fassbar ist, und deshalb auch noch nichts Einschränkendes an sich hat. Ich empfinde zudem, dass die sichtbare Ferne auch das «Entfernen» von der zurückgelassenen Gedankenwelt erleichtert. Es ist mir egal geworden, wie Doris Leuthard den Atomausstieg managen will, oder wie die Superleage gerade läuft. So egal, wie es mir nach 10 Tagen Ferien noch nie war. Ich fühle mich frei in dieser Weite - mir scheint die Freiheit hier mindestens so grenzenlos zu sein, wie sie gemäss dem Lied von Reinhard Mey über den Wolken sein soll.

An der Grenze zwischen Land und Wasser

Wie ist sie nun diese Landschaft? Kurzweilig, trotz der Weite. Durch Buschhecken begrenzte und unterbrochene Binnenmeere in denen sich eine vielfältige Vogelwelt sichtbar wohlfühlt. Endlos scheinende Felder mit bereits hüfthoch stehendem Reis, in denen der frische Wind Wellen wandern lässt - eine nach der andern. Dass uns die Wellen - und damit auch der Wind - entgegen kommen stört uns nicht einmal. Aber auch das Fahren selbst ist angenehm und abwechslungsreich. Velowege werden auch hier immer häufiger und entlasten vom Verkehrsstress. Und wenn die Strasse nicht mehr weiter zu gehen scheint, weil ein breiter Kanal quer dazu läuft, steht da unvermittelt eine fast abenteuerlich wirkende Pontonbrücke, für deren Benützung auch noch Brückenzoll zu bezahlen ist. Allerdings trifft dies nur Motorfahrzeuge.

Ruhe vor dem Sturm auf die Strandsessel

Ein besonderes Stimmungsbouquet hält uns auch der Abend mit der Hotelsuche bereit. Die Fahrt durch die Lidos zwischen dem riesigen Binnenmeer «Valli di Commacchio» und dem Adriastrand ist wie eine Reise durch erwachende Geisterstädte. Die nächste Badesaison naht. Die Strände werden gereinigt, die Strandstühle bereit gestellt. Fassaden werden erneuert, Strassen geflickt, dieweil vor den noch mehrheitlich geschlossenen Restaurants und Strandbars ein paar noch fast winterlich eingekleidete Rentner flanieren. Zusammen mit der kühlen Meeresbrise und dem duftend blühenden Rosmarinbüschen am Strassenrand sorgt das alles für eine seltsame Stimmung, bei der die Vorfreude auf den Sommer noch nicht ganz über die Wintermelancholie gesiegt zu haben scheint.

Die Tourdaten von heute. Von Porto Viro durch das Po-Delta über Porto Tolle und Goro nach Porto Garibaldi: 84 km, 195 Hm, zwei Pontonbrücken.