Lupfig
Von der Gemeindeschreiberin zur Rechtsanwältin – die Verwaltungsleiterin wird Praktikantin

Die scheidende Lupfiger Gemeindeschreiberin Michèle Bächli steht vor ihrem nächsten Karriereschritt. So wird die studierte Juristin bei der Rechtsanwälte AG in Baden ein Praktikum bestreiten und sich auf die Anwaltsprüfung vorbereiten. Vor dem Wechsel wird sie mit dem Zug durchs Land reisen.

Claudia Meier
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Die scheidende Gemeindeschreiberin Michèle Bächli hat in Lupfig ein starkes Team im Rücken (v. l.): Ueli Hofstetter, Leiter Soziale Dienste; Gemeindeschreiber-Stellvertreterin Sandra Winkler und Sachbearbeiterin Petra Bärtschi.

Die scheidende Gemeindeschreiberin Michèle Bächli hat in Lupfig ein starkes Team im Rücken (v. l.): Ueli Hofstetter, Leiter Soziale Dienste; Gemeindeschreiber-Stellvertreterin Sandra Winkler und Sachbearbeiterin Petra Bärtschi.

Sandra Ardizzone (10. Juni 2020

Als Michèle Bächli 15 Jahre alt war, dachte sie nicht im Traum daran, Rechtsanwältin zu werden. Inzwischen ist die scheidende Verwaltungsleiterin von Lupfig mit ihren 31 Jahren doppelt so alt und steht vor ihrem nächsten Karriereschritt. Bei der Geissmann Rechtsanwälte AG in Baden wird die studierte Juristin ab diesem November während 13 Monaten ein Praktikum absolvieren.

Anschliessend wird sie sich auf die Anwaltsprüfung vorbereiten. Komplexe Rechtsfälle faszinieren Bächli. Sie interessiert sich besonders für öffentliches Recht sowie Migrations- und Menschenrechte. Vor dem Praktikumsstart möchte die umtriebige Frau noch während dreieinhalb Monate per Zug «planlos» durch die Schweiz oder Europa reisen.

«Wir sind sehr traurig, dass sie geht», sagt Ueli Hofstetter, Leiter Sozialer Dienst, beim Fototermin vor dem Gemeindehaus. Die beiden Kanzleimitarbeiterinnen Sandra Winkler und Petra Bärtschi pflichten ihm bei. Sie beschreiben Bächli als sehr kompetent, pflichtbewusst und loyal. Das habe sich auch während der Coronakrise gezeigt, als das Team das Versammlungsverbot auf dem benachbarten Schulareal kontrollieren und durchsetzen musste, ergänzt Sandra Winkler. Bächlis ruhige und konstruktive Arbeitsweise wird von allen geschätzt.

In Scherz bot sich Bächli eine einmalige Chance

Ähnlich tönt es bei SVP-Gemeindeammann Richard Plüss, der von einem grossen Verlust spricht. «Michèle Bächli hat sich vor, während und nach der Fusion von Scherz und Lupfig enorm stark für die neue Gemeinde engagiert», hält er fest. Von ihrem juristischen Hintergrund habe der Gemeinderat oft profitiert. Im Umstand, dass Gemeinden vermehrt mit Rechtsfällen konfrontiert sind, sieht die Juristin auch Positives: «Die Leute haben die Furcht vor den Behörden verloren und trauen sich, ihr Recht auch vor Gericht einzufordern und nicht einfach alles hinzunehmen.»

Zwei Geschäfte wird Bächli in den nächsten Monaten auf Mandatsbasis für die Gemeinde Lupfig weiter betreuen: der gemeinsam mit der Gemeinde Birr geplante Werkhof und das neue Baugebührenreglement. Ursprünglich absolvierte Bächli eine KV-Lehre auf der Gemeindeverwaltung in Waltenschwil, wo sie aufgewachsen war. Nach der Lehre wurde sie auf Grund der Pensionierung ihres Chefs Werner Müller Gemeindeschreiber-Stellvertreterin.

Mit der Arbeitserfahrung nahm auch ihr Wissensdurst zu. Berufsbegleitend packte Bächli ein Studium in Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule in Winterthur an. Daneben arbeitete sie Teilzeit im Verbandsmanagement in Zürich, was sie aber nicht ausfüllte. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung wurde sie mit 22 Jahren Gemeindeschreiberin von Scherz. Die Stelle bekam Bächli, obwohl sie anstelle der geforderten 80 bis 100 Prozent während des Semesters nur 60 Prozent arbeiten konnte. Dafür ist sie heute noch dankbar. Der Rest ist schnell erzählt: Nach dem vierjährigen Bachelorstudium wurde sie über die Passerelle für das Masterstudium an der Universität Luzern zugelassen.

Team bietet Reichen und Armen den gleichen Service

Der Zeitplan ging perfekt auf: Mitte 2017, als Bächli ihr Studium abschloss, stand die Gemeindefusion von Scherz und Lupfig an. Als neue Verwaltungsleiterin gelang es Bächli, das Team mit Angestellten aus den beiden Verwaltungen zusammenzuschweissen. «Wir hatten sehr viel Mitspracherecht und durften die neue Gemeinde mitgestalten.» Die Freiämterin steht für pragmatische Lösungen. So habe man der Bevölkerung auch mehrmals einen Taxi-Dienst angeboten, weil die beiden Ortsteile nicht via ÖV miteinander verbunden sind. Das Angebot wurde aber selten genutzt. «Die Leute im Dorf helfen sich gegenseitig», so Bächli.

Dass die Stimmung unter den Gemeindeangestellten so gut ist, hat damit zu tun, dass man einander vertraut, auf Augenhöhe begegnet und sich selbst nicht allzu ernst nimmt. «Wir behandeln auch alle Personen gleich, egal ob jemand 300000 Franken Steuern zahlt oder Sozialhilfe bezieht», lautet Bächlis Credo. Ihr Nachfolger wird der Fricktaler Heribert Meier. Er tritt seine neue Stelle am 1.Juli im Eigenamt an.

Als Freiwillige an Schule in Tansania unterrichtet

Nach den intensiven Studien- und Berufsjahren freut sich Michèle Bächli nun auf die Zugreise. In den vergangenen Jahren verbrachte sie ihre Ferien oft in Tansania, wo sie für die Organisation Help2kids.org auch schon Freiwilligeneinsätze an einer Grundschule leistete.

Nicht ganz einfach war die Suche nach einer Praktikumsstelle auf einer Anwaltskanzlei. «Weil ich schon etwas älter bin, betrachteten mich viele als eine Quereinsteigerin. Dabei war ich mit 15 Jahren einfach noch nicht bereit, diesen Berufsweg schon einzuschlagen», hält Bächli fest. Dass sie zuerst eine KV-Lehre absolvierte, hat sie nie bereut.