100 Jahre Landesstreik

Vom Streik wollte der Aargauer Heinrich Baumann nichts wissen – er arbeitete weiter

Heinrich Baumann war 1918 als Rangierarbeiter im Bahnhof Brugg tätig. Dem Aufruf seiner Vorgesetzten, seine Arbeit auszuführen, folgte er und sträubte sich so gegen den Streik vor 100 Jahren.

Das dünne Durchschlagpapier ist vergilbt, feine Linien zeugen davon, dass es einst sorgsam gefaltet war. Die Schrift aus königsblauer Tinte ist leicht verblasst. Die Worte aber, mit Schreibmaschine geschrieben, die sind klar und deutlich: «Sie erhalten hiermit den Befehl, sich zur Uebernahme des Dienstes am 13. November Mittags einzufinden. Bei Nichtbeachtung des Befehles haben Sie die im Bundesratsbeschluss vom 11. November 1918 erwähnten Folgen zu gewärtigen.»

Das Papier ist der Kriegsbetriebs-Marschbefehl für Heinrich Baumann, Rangierarbeiter in Brugg. Unterzeichnet hat ihn der Bahnhofvorstand Füllemann von Hand. Signiert ist er vom Betriebsgruppendirektor Bertschinger. Ein konkretes Datum findet sich auf dem 100-jährigen Marschbefehl nicht. Er dürfte aber am 12. November 1918 ausgehändigt worden sein. Wer als Eisenbahner streikte, musste mit einem Strafverfahren der Militärjustiz rechnen. So wollte es der Bundesrat.

Nicht einschüchtern lassen

Heinrich Baumann war der Grossvater von Andreas Baumann, Anwalt in Aarau. Der 62-Jährige hat den Marschbefehl nach dem Tod seines Grossvaters in dessen Nachlass gefunden. «Für Grossvater war dies offenbar ein wichtiges Dokument. Jeden Zettel bewahrt man ja nicht auf.» Umso spezieller, dass Heinrich Baumann zu Lebzeiten offenbar kaum über die Ereignisse im November 1918 sprach. «Er hat sich auch nie darüber geäussert, ob er den Streik sinnvoll fand oder nicht.» Nur eines sei ihm enorm wichtig gewesen, sagt sein Enkel: «Er betonte, dass er immer zur Arbeit ging, trotz Streik.» Von «den Roten» hätten er und seine Arbeitskollegen sich nicht einschüchtern lassen. Entsprechend traten Heinrich Baumann und seine Kollegen den Dienst am 13. November wie gewohnt an.

Um zu verstehen, warum Heinrich Baumann dem Aufruf zum Streik nicht Folge leistete, ist ein Blick in seine Biografie nötig. 1889 wurde er in Mülligen geboren und wuchs in einem bäuerlichen Umfeld an der Birrfelderstrasse 1 auf. Geschlafen wurde damals in Laubsäcken, aufgewachsen ist Heinrich Baumann ohne Strom.

«Er war ein richtiger Bähnler»

Als junger Erwachsener arbeitete er nach einer SBB-Lehre zunächst als Rangierarbeiter in Brugg. Einerseits aufgrund der Jobsicherheit und andererseits wegen des Lohns, der gut war und vor allem auch regelmässig eintraf. Die Treue zu seinem Arbeitgeber war gross. «Er war ein richtiger Bähnler», sagt sein Enkel Andreas Baumann über ihn.

Als dann Mitglieder des Streikkomitees oder deren Gefolgsleute im November 1918 Heinrich Baumann und seine Arbeitskollegen vor Ort in Brugg zum Streik aufforderten, widersetzten sich diese. So jedenfalls erzählt es Andreas Baumann. «Mein Grossvater fand, dass es nicht seine Sache ist. Dass er sich widersetzt hat, war nicht zwingend eine politische Aussage.» Es seien der Berufsstolz und die Treue zu seinem Arbeitgeber gewesen, die Heinrich Baumann antrieben, den Streik zu brechen. Zudem stand der damals 29-Jährige kurz vor seiner Heirat mit der Lupfigerin Emilie Gysi. Zusammen wollten sie eine Familie gründen. 1920 zog er mit seiner Frau nach Buchs, zwei Kinder wurden geboren.

Treu blieb Heinrich Baumann den SBB bis zur Pensionierung und als reger Bahnnutzer über diese hinaus. Aus dem Rangierarbeiter wurde später ein stolzer Zugführer. In dieser Funktion war er bei den SBB für die Sicherheit und Pünktlichkeit der Züge verantwortlich. Damals war mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe eine besondere Person betraut, die mit dem Zug mitfuhr und an der roten Ledertasche zu erkennen war. Tätig war er hauptsächlich auf der Goldauer-Linie, der Bahnlinie zwischen Aarau und Goldau. Im Jahr 1954 wurde Heinrich Baumann pensioniert.

Häufig in der «Burestube» Buchs

Sein Enkel hat ihn als Mann mit Schnauz, grossem Hut, schwerem Mantel und schweren Schuhen in Erinnerung. «Auch seine Kollegen haben sich so gekleidet. Mit diesen hat er sich jeweils an Samstagnachmittagen in der Wirtschaft zur Burestube in Buchs getroffen», erinnert sich Andreas Baumann. «Es war eine total andere Generation. Der Umgang und die Disziplin zeugten davon, dass sie vor dem Ersten Weltkrieg geboren wurden.»

Einen Teil seiner bäuerlichen Herkunft konnte Heinrich Baumann nie ganz ablegen. Sie kam darin zum Ausdruck, dass er im Garten seines Hauses am Parkweg 1 in Buchs Gemüse und Früchte anpflanzte und die Familie sich teilweise selbst versorgte. Die grosse Leidenschaft aber galt – neben den SBB – den Rosen, die Heinrich Baumann mit viel Aufwand hegte und pflegte. Heinrich Baumann starb 1982 im Alter von 93 Jahren.

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