Birr

Vom Problemschüler zum Vorbild: Zeit im Berufsbildungsheim prägt jungen Schreiner

«Kein Baum ist gleich, jedes gefertigte Stück ist einzigartig», sagt Dean.

«Kein Baum ist gleich, jedes gefertigte Stück ist einzigartig», sagt Dean.

Im Berufsbildungsheim Neuhof Birr hat Dean F. seine vierjährige Lehre als Schreiner absolviert. Die Zeit dort hat ihn verändert. Aus dem schnell an die Decke gehenden Teenager ist seither ein junger Mann geworden, der sich trotz anfänglichen Schwierigkeiten für seinen Beruf begeistern kann.

Ein ruhiger, reifer, reflektierter junger Mann ist Dean F. heute. «Der Neuhof war das Beste, was mir passieren konnte», stellt er fest. «Eigentlich schade, dass ich jetzt gehen muss.» Im Berufsbildungsheim in Birr hat er mit gutem Erfolg seine vierjährige Lehre als Schreiner abgeschlossen.

Früher, kommt beim offenen Gespräch im schlichten Pausenraum im Untergeschoss seines Lehrbetriebs zum Ausdruck, bekundete er immer wieder Mühe, sich zu integrieren, ging wegen Kleinigkeiten an die Decke, hat dann und wann – er erwähnt das Kiffen – über die Stränge geschlagen. Er müsse manchmal den Kopf schütteln, wenn er an sein damaliges Verhalten denke. «Ich hatte keine Ahnung», sagt der aufgestellte 21-Jährige mit einer wohltuenden Portion Schlitzohrigkeit.

Das Berufsbildungsheim Neuhof in Birr bietet Platz für 40 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren, die sich in einer zivil- oder jugendstrafrechtlichen Massnahme oder in einer beruflichen Massnahme der IV befinden. Mit einem breiten Wohn-, Schul- und Ausbildungsangebot werden die Jugendlichen gefördert in der beruflichen und persönlichen Entwicklung. In den neun Ausbildungsbetrieben wird marktorientiert produziert: Gastronomie, Gartenbau, Gärtnerei, Floristik, Malerei, Metallbau, Landwirtschaft, Hausdienst und Schreinerei.

Dean kam als Kind vom Kanton Zürich in den Aargau. Wegen gesundheitlicher Probleme der Mutter wurden er und sein Bruder fremdplatziert. Dean verbrachte den grössten Teil seiner Schulzeit im Heim. Mittlerweile pflege er ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern. «Die Situation hat sich eingerenkt.»

Ein anderer Beruf stand nie zur Diskussion

Früh war klar, dass er Schreiner lernen will auf dem Neuhof. Schon sein älterer Bruder – «er war eine grosse Stütze für mich, wusste, was ich durchmache und wie ich mich fühle» – habe die gleiche Ausbildung absolviert im Berufsbildungsheim in Birr. «Ein anderer Beruf stand für mich nie zur Diskussion.» Nach der zweiwöchigen Schnupperlehre hatte Dean den Lehrvertrag in der Tasche. «Für diese Chance bin ich noch heute dankbar. Ein besserer Lehrbetrieb ist kaum zu finden.»

Dean mag die Arbeit mit dem warmen Material. «Holz ist faszinierend, kein Baum ist gleich, jedes gefertigte Stück ist einzigartig.» Auf dem Neuhof werden – mit einem Team von bis zu zehn Mitarbeitenden – Möbel, Schränke und Innenausbauarbeiten realisiert, ebenfalls werden Umbauten oder Reparaturen vorgenommen. «Wir sind ein Allrounder-Betrieb. Diese Vielseitigkeit und die Abwechslung gefallen mir.» Gut erinnern kann er sich an den Moment, als er einen Tisch fertigen durfte aus Kirschbaum. «Zuerst fluchte ich, weil das Holz nicht so wollte wie ich. Das Resultat hat mich am Schluss aber begeistert. Und hat dann auch der Kunde Freude, ist es umso schöner.»

Grosse Mühe bekundete er zu Beginn, antwortet er auf die entsprechende Frage, mit der Berufsschule. «Ich hatte Ängste und wirklich sehr viele Absenzen.» Ab dem dritten Lehrjahr habe sich das Problem entschärft, die Mitschüler seien zu guten Kollegen geworden. «Ich konnte eine grosse Entwicklung durchmachen, ging dann sogar gerne in die Schule.» Im Lehrbetrieb auf dem Neuhof habe es ebenfalls Phasen gegeben, in denen er richtig durchbeissen musste, gibt er zu. «Es gab Tage, an denen ich einen kompletten Anschiss hatte. Es war nicht immer einfach.»

Als Abschlussarbeit stellte er eine Küche her

Coronabedingt musste Dean keine theoretische Abschlussprüfung ablegen, sondern lediglich eine mündliche an der Berufsschule in Lenzburg sowie eine praktische im Lehrbetrieb. Dieser Umstand sei ihm sehr entgegengekommen, sagt er mit einem sympathischen Lachen, «darüber war ich überhaupt nicht unglücklich».

In der Schreinerei fertigte er eine Küche, die gleich im neuen Ausbildungszentrum für Gärtner JardinSuisse Aargau in der un­mittelbaren Nachbarschaft montiert wurde. Mit seinem Abschluss ist er sehr zufrieden. «Vieles habe ich den fixen Strukturen auf dem Neuhof zu verdanken», ist er sich bewusst.

Im Berufsbildungsheim habe er gelernt, fährt er fort, dass er dann in Ruhe gelassen werde, wenn er seine Sache richtig mache. In seiner Wohn­gruppe 2 habe er mit der Zeit mehr Verantwortung übernehmen können, eine Vorbildfunktion eingenommen für die Jüngeren. «Wir waren ein geiles Team, hatten einen super Zusammenhalt.»

Vielleicht kommt er in Zukunft zurück

Diese Woche stand – im kleinen Rahmen – die Abschlussfeier auf dem Programm für die Lehr­abgänger auf dem Neuhof. Bis morgen Freitag wird Dean sein Zimmer – «dreieinhalb Jahre war es das gleiche, ich habe es heimelig eingerichtet» – räumen. Seine berufliche Zukunft sei noch ungewiss, er sei in der Bewerbungsphase, sagt er zu seinen Plänen. Ein gewisser Respekt sei vorhanden, denn er müsse nun auf eigenen Beinen stehen.

Vorerst möchte Dean Berufserfahrung sammeln. Später könnte er sich vorstellen, eine Ausbildung anzupacken als Sozialpädagoge. «Heimkinder sind die besten Sozialpädagogen», ist er überzeugt, denn: «Sie verfügen über gute Menschenkenntnisse und wissen, wie sie mit den Jugendlichen umgehen müssen.» Vielleicht komme er in dieser Funktion ja einmal zurück nach Birr, sagt er abschliessend gut gelaunt. «Ich habe die Zeit hier trotz gelegentlicher Reibereien genossen. Ich werde den Neuhof vermissen.»

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Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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