Wo man sich umhört: Die Besucher sind beeindruckt und begeistert, sprechen von einer genauso erlebnis- wie lehrreichen Reise in die Vergangenheit. Auf dem Legionärspfad Vindonissa können sie mit allen Sinnen eintauchen in die faszinierende Welt der antiken Römer, lernen hautnah den Alltag eines Legionärs kennen.

Einer von ihnen ist Rochus. «Vor 2000 Jahren haben viele Helvetier in den Hilfstruppen angeheuert», erzählt er. «Am Schluss ihrer Dienstzeit als sogenannte Auxiliarsoldaten erhielten sie das römische Bürgerrecht. Dieses ging von den Vätern auf die Söhne über, die dann Legionär werden konnten.» So sei aus ihm, Rochus aus Lucerna, ein Legionär geworden in der Legion XIII in Vindonissa, dem einzigen Legionslager auf dem Boden der heutigen Schweiz. Als Tubicen, als Tuba-Bläser, erfüllt er eine wichtige Funktion und gibt mit seinen Signalen den Tagesrhythmus vor. «Ich habe ein wunderbares Leben in dieser Gemeinschaft, verdiene Sold, habe Kost und Logis», schwärmt der Unteroffizier.

In die Rolle von Legionär Rochus schlüpft Roger Pfyl, der zum Team der Geschichtsvermittler gehört auf dem Legionärspfad Vindonissa. Der aufgestellte, gross gewachsene 48-Jährige hat ursprünglich eine Ausbildung als Primarlehrer absolviert, war Theatermacher und hat Kulturmanagement studiert. Ein Spektrum, das wunderbar passe für diese Aufgabe auf dem Legionärspfad, stellt er mit einem sympathischen Lachen fest. Deshalb habe er sich vor sieben Jahren beworben auf die ausgeschriebene Stelle in Windisch. «Das Interaktive, das Handlungsorientierte hat mich gleich gepackt», erklärt er. «Hier sind immer auch Emotionen im Spiel.»

Es ist ein prägendes Erlebnis

Der Legionär bringe den Besuchern die römische Kultur mit all ihren Facetten näher, nicht nur die Kampftechnik, sondern auch Aspekte des Essens, der Körperpflege oder des Zusammenlebens, fährt Pfyl fort. Auch die Multikulturalität des Römischen Reichs bilde sich ab in der Legion. «Es kamen Menschen aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Glaubensrichtungen zusammen. Man liess einander leben, hat einander akzeptiert. Ein Legionär ist nie alleine unterwegs, er ist nur in der Gemeinschaft stark. Dieses Schöne versuchen wir unseren Besuchern zu zeigen.» Nicht zu vergessen seien die geniale Bautechnik oder das fortschrittliche medizinische und handwerkliche Können.

Pfyl mag die Vielfältigkeit, die Abwechslung seiner Tätigkeit. Er ist im Einsatz am Gastmahl, bei dem er Speisen serviert, an Workshops oder an den grossen Publikumsanlässen, hat zu tun mit Primarschülern, Maturanden, Lateinklassen oder Erwachsenen. «Das macht es sehr spannend.»

Für die Kinder sei eine Übernachtung in den originalgetreu rekonstruierten Contubernia samt der Ausbildung zum Legionär ein prägendes Erlebnis, nahe beim damaligen Leben, bei dem aber nicht nur gelacht wird, stellt Pfyl fest. Einige kämen auch an ihre Grenzen, ohne Strom und fliessend Wasser, der Witterung ausgesetzt, mit dem militärischen Rollenspiel. Doch am Schluss überwiegen jeweils die Glücksgefühle, regelmässig erhalten die Legionäre Fanpost, auf die sie mit eigenen Autogrammkarten antworten. Schön sei, erzählt Rochus, wenn er Monate später – zivil gekleidet als Roger Pfyl – auf die Kinder treffe, die ihn sofort wiedererkennen und herzlich begrüssen. «Die Wirkung ist also durchaus nachhaltig», fügt er mit einem Schmunzeln an.

Nur hungrig ist er angesäuert

Hat er seine Traumstelle gefunden? «Auf jeden Fall», sagt Pfyl ohne zu zögern. Seine blauen Augen leuchten. «Ich bin total glücklich hier.» Trotzdem: Welches sind die weniger erfreulichen Momente? Kälte oder Nässe könnten unangenehm sein und auf die Stimmung schlagen, antwortet er. Oder wenn Besucher mit falschen Erwartungen auf den Legionärspfad kommen, sich nicht auf das Rollenspiel einlassen wollen. «Dann müssen wir das Programm anpassen.»

Das Team der Geschichtsvermittler besteht aus ausgebildeten Lehrern wie Roger Pfyl, aber auch aus Archäologen, Theater-, Zirkus- und Sozialpädagogen, alles in allem 13 Fachpersonen. Gefragt sei eine Leidenschaft für Geschichte und szenische Darstellungen, hebt Pfyl hervor. «Wir sind immer als Figuren unterwegs und entsprechend gewandet. Alle haben eine Identität, einen eigenen historisch inspirierten und basierten Hintergrund, um mit dem Publikum interagieren zu können.»

Rochus wird beschrieben als sanftmütig und ordentlich, aber als laut und angesäuert, wenn er hungrig ist. Sein Lieblingsessen ist Wildschwein. Der Unteroffizier trägt eine beige Tunika, bei tieferen Temperaturen eine zweite darunter sowie eine Hose bis über die Knie. Darüber streift er das rund 10 Kilogramm schwere Kettenhemd. Bei diesem Gewicht, gibt er zu bedenken, sei eine aufrechte Körperhaltung gefragt. Die Füsse stecken in den Caligae, den genagelten Sandalen, in der kälteren Jahreszeit zusätzlich in Socken aus Wolle oder Filz. Bei den Kindern stosse als erstes jeweils das originalgetreu nachgebildete Schwert, der Gladius, auf das grösste Interesse. An seinem Legionärsgürtel, dem Cingulum, hängt zudem der Pugio, der Dolch. Um den Hals gewickelt hat er ein Tuch, ein Focale. Im Sommer braucht Roger Pfyl rund zehn Minuten, um zu Legionär Rochus zu werden.

Die Saison auf dem Legionärspfad dauert von April bis Oktober. Während seine Kollegen im Team der Geschichtsvermittler über die Wintermonate andere Projekte realisieren – ob im Museum oder im Zirkus –, ist Pfyl als stellvertretender Leiter das ganze Jahr anwesend, kümmert sich auch um die Planung und Konzeption der Angebote sowie die Organisation von Publikumsanlässen.

«Diese Doppelfunktion ist für den Legionärspfad und letztendlich für unsere Besucher sehr wertvoll, da die Konzeption der Angebote gleichzeitig aus dem Auge des durchführenden Geschichtsvermittlers erfolgt», sagt Legionärspfad-Leiterin Rahel Göldi. «Als Geschichtsvermittler kennt Roger Pfyl unser Publikum und dessen unterschiedliche Bedürfnisse und kann diese bei der Konzeption von Vermittlungsangeboten, Veranstaltungen oder Ausstellungsprojekten bestens einbringen.»

Wie wärs mit Wagenrennen?

Pflicht ist die regelmässige Weiterbildung, ergänzt Pfyl, denn: «Alles, was wir machen, muss historisch verankert sein.» In Vindonissa bestehe eine wunderbare Ausgangslage. «Es gibt nur wenige historische Stätten mit einer so langen Forschungsgeschichte. Aus den gewonnenen Erkenntnissen können wir schöpfen. Alle Gebäude, alle Kleidungsstücke, alle Requisiten sind nach historischem Vorbild rekonstruiert.» Aufwendig und stimmungsvoll inszeniert sind zudem die Fundstellen wie das Amphitheater, die Therme und die Offiziersküche.

Könnte er auswählen, in welcher Zeit würde er lieber leben, als Roger Pfyl in der Gegenwart oder als Legionär Rochus zur Zeit des damaligen Roms? «Schwierig, sich zu entscheiden», antwortet er. «Hin- und herwechseln wäre ideal», sagt er schliesslich mit einem Lachen. Das Leben in der Antike wäre sicher schön, aber im Winter sei der heutige Komfort mit einer Heizung und einem warmen Bett nicht zu unterschätzen.

In den zehn Jahren seines Bestehens hat sich der Legionärspfad Vindonissa zu einem wahren Publikumsmagnet entwickelt. Mehr als 300 000 Kinder und Erwachsene sind seit der Eröffnung 2009 zu Besuch gewesen. Und die Geschichte des Römer-Erlebnisparks geht weiter. Anfang Jahr hat der Grosse Rat den Kredit für den jährlich wiederkehrenden Bruttoaufwand genehmigt. «Wir hoffen, dass wir weiter wachsen, neues Publikum gewinnen, neue Stationen eröffnen können», sagt Pfyl. Ziel sei es ebenfalls, eine noch engere Verbindung zu schaffen zum Vindonissa Museum in Brugg. Zusammen mit diesem bildet der Legionärspfad das sogenannte Römerlager Vindonissa.

An Themen, die bearbeitet, umgesetzt und abgebildet werden können, mangelt es jedenfalls nicht, wird beim kurzweiligen Gespräch mit dem Legionär klar an diesem sonnigen Nachmittag. Es könnte, nennt Pfyl eine Idee, einmal ein Wagenrennen durchgeführt oder eine ganze Legion mit 6000 Menschen abgebildet werden. «Da ist noch Potenzial vorhanden, noch vieles denkbar.»