«Also bin ich jetzt dran?», fragte Eugen Gomringer schalkhaft, nachdem Gabi Umbricht den 93-jährigen Lyriker und sein Schaffen vorgestellt hatte. Eugen Gomringer sei in letzter Zeit in den Medien sehr präsent gewesen, sagte sie und erinnerte dabei an die Auseinandersetzungen, die Gomringers Gedicht «avenidas» wegen seiner angeblich sexistischen Aussage ausgelöst hatte. Doch darum gehe es heute nicht, betonte sie. «Es geht darum, den Wörtern einen tieferen Sinn zu geben durch ihre Beziehung zueinander», sagte Eugen Gomringer, der als Begründer der konkreten Poesie gilt und zu dessen Werken das «Stundenbuch» gehört, ein Gedicht aus 24 Begriffen des Lebens, das – sozusagen als «Landschaftsgedicht» – bei der Umrundung des Weissenstädter Sees im Fichtelgebirge in Deutschland «abgewandert» werden kann. «Ich ordne bekannte Gedichte immer wieder neu», erklärte er. «Ich brühe nichts auf. Das Leben verändert sich. Die Sachen bekommen einen andern Sinn.»

Vier Begriffe, ein Leben

Gebannt folgte das Publikum im Salzhaus dem Vortrag Eugen Gomringers und freute sich über dessen humorvoll-hintergründige Bemerkungen. So etwa wenn er sagte, dass das Gedicht «Nicht wissen wo und warum/Nicht wissen wie wo» keineswegs als Text für Behörden gedacht sei oder wenn er lautmalerisch mit den Namen grosser Mineralölfirmen spielte und die Lautmalerei plötzlich in einer durchaus doppeldeutigen Aussage endete.

«Baum, Kind, Hund, Haus – diese vier Begriffe umfassen mein ganzes Leben», stellte er fest und zeigte, wie sich durch die Anordnung dieser vier Begriffe der Umriss eines Lebens ergibt. Selbstverständlich durfte bei der Lesung das aus vier Wörtern bestehende Gedicht «kein Fehler im System» nicht fehlen, in dem durch die Änderung der Anordnung der Wörter stets neue, zuweilen überraschende Aussagen entstehen. Es blieb Gabi Umbricht vorbehalten, mit dem Zitat von Jean Paul, «Sprachkürze gibt Denkweite», die wohl treffendste Zusammenfassung von Eugen Gomringers Lyrik zu geben.

Keinen Fehler, um mit Eugen Gomringer zu sprechen, gab es jedenfalls im System der Brugger Literaturtage. Der Samstag stand traditionsgemäss im Zeichen der Lesungen. Den Veranstaltern, der Literaturkommission der Stadt Brugg, war es dabei einmal mehr gelungen, dem Publikum einen spannenden Querschnitt durch das aktuelle literarische Schaffen zu bieten. Dafür standen, neben Eugen Gomringer und seiner Tochter Nora, die Autorinnen und Autoren Annette Hug, Angelika Klüssendorf, Monique Schwitter, Thomas Stangl, Antje Ravik Strubel, Michael Wildenhain und Matthias Zschokke.

Literatur spricht alles an

Dass dabei höchst unterschiedliche Genres aufeinanderstiessen, ist zweifellos eine der Qualitäten der Brugger Literaturtage. So etwa der Vortrag der Poetry-Slammerin und Lyrikerin Nora Gomringer. «Ich bin selber ein Produkt der Literatur», sagte sie. «Mein Vater ist Lyriker, meine Mutter Germanistin» – 2015 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Sozusagen einen Kontrapunkt dazu bildeten Annette Hugs biografische Geschichte des phi- lippinischen Nationalhelden José Rizal und dessen Übersetzung von Schillers «Wilhelm Tell» in die philippinische Sprache Tagalog, der sie in ihrem Buch «Wilhelm Tell in Manila» nachgeht. Oder auch Thomas Stangls Bild eines Wiener Architekten, der sich auf einem Kongress in Afrika gewissermassen selbst abhandenkommt, was er in seinem Buch «Fremde Verwandtschaften» minutiös nachzeichnet.

Gar nichts vom Unterscheiden nach Genres hält aber, wie er im Gespräch mit Moderatorin Barbara Schibli betonte, Matthias Zschokke. Er las aus seinem Roman «Die Wolken waren gross und weiss und zogen da oben hin», dessen Held sinnigerweise den Namen Roman trägt und der sich auf die Beobachtung des Lebens und der Menschen um ihn herum beschränkt. «Es ist nicht wichtig, ob eine Geschichte fiktional oder biografisch ist», sagte Matthias Zschokke. «Es gehört zur Literatur, alles anzusprechen.»