Brugg

Wegen mangelhafter Übersetzung: Brugger Gericht unterbricht Verhandlung

Der Saal des Bezirksgerichts Brugg, wo hin und wieder Dolmetscher Platz nehmen, um die Verhandlung zu übersetzen.

Der Saal des Bezirksgerichts Brugg, wo hin und wieder Dolmetscher Platz nehmen, um die Verhandlung zu übersetzen.

Kritik an Aargauer Dolmetscherwesen wird laut – der Kanton prüft Schritte zur Professionalisierung.

Ende November am Bezirksgericht Brugg: Für eine Verhandlung wurde eine Französisch-Dolmetscherin aufgeboten, weil die Privatklägerin und der Beschuldigte aus der Westschweiz stammen. Ein Dolmetscher wird beigezogen, wenn eine fremdsprachige Partei bzw. ihr Rechtsvertreter dies verlangt oder das Gericht es zur Wahrung des Rechts für nötig befindet.

Aufgeboten werden die Übersetzenden von den zuständigen Gerichtspräsidien. Im eingangs erwähnten Fall allerdings musste Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven die Reissleine ziehen. Die aufgebotene Dolmetscherin stellte sich als nicht geeignet heraus.

Eine ähnliche Situation

Die Übersetzung war mangelhaft bis schlecht. Die Verhandlung musste unterbrochen werden, innert kürzester Zeit konnte eine Dolmetscherin aus dem Kanton Zürich aufgetrieben werden, die dann mit dem Taxi nach Brugg gelangte.

Einige Monate zuvor eine andere Situation: Ein Beschuldigter brauchte eine Übersetzung auf Portugiesisch für eine Verhandlung am Bezirksgericht Brugg. Der aufgebotene Dolmetscher wusste zu Beginn nicht zu überzeugen.

Aus dem Publikum musste die Frau des Beschuldigten die Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven dar­auf aufmerksam machen, dass die Übersetzungen ungenau seien. Daraufhin schärfte die Gerichtspräsidentin dem Dolmetscher nochmals ein, dass er seinen Job genau zu erfüllen hat. Er fing sich, in der Folge waren die Übersetzungen flüssiger und präziser. Die Verhandlung konnte fortgeführt werden.

Die Rekrutierung soll verbessert werden

Situationen wie die geschilderten sind für alle Beteiligten an einer Verhandlung unbefriedigend. Die Justizleitung des Kantons Aargau prüft momentan Schritte, wie die heute praktizierte Rekrutierung der Dolmetschenden verbessert werden könnte, denn immer wieder wird Kritik an den Übersetzungsleistungen laut.

«Ziel der Justizleitung ist ein professionelles Dolmetscherwesen, das Gewähr bietet, dass die fremdsprachigen Personen der Verhandlung wirklich folgen und das für ihre Argumentation bzw. zu ihrer Verteidigung Notwendige in verständlicher Weise mitteilen können», hält Nicole Payllier, Leiterin Kommunikation der Gerichte Kanton Aargau, fest.

Den Aargauer Gerichten stehen mehrere hundert Dolmetscher zur Verfügung. Die Gerichte führen entsprechende Listen. «In der Regel werden jedoch die erfahrenen, bewährten Dolmetscher aufgeboten», sagt Payllier.

Zulassungsverfahren ist in Abklärung

«Erste Wahl ist grundsätzlich der Dolmetscher, der bereits in vorherigen Verfahrensstadien eingesetzt wurde und sich bewährt hat, sei es bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft oder einem Bezirksgericht.» Bei ganz seltenen Sprachen werde auf die Dolmetscherliste des Kantons Zürich zurückgegriffen.

«Auch wenn es durchaus Unterschiede in der Qualität der Übersetzungen gibt und Fehler nie ausgeschlossen werden können, hat sich dieses System bisher grundsätzlich bewährt», so Payllier.

Aber: Für den Einsatz als Dolmetscher wird im Kanton Aargau aktuell keine Ausbildung und keine spezielle Zulassung vorausgesetzt. Gemäss Payllier wurde von der Justizleitung bereits beschlossen, dass eine Sicherheitsprüfung durchgeführt werden muss.

In Abklärung sei weiter ein Zulassungsverfahren, gemäss dem nur noch Dolmetschende zum Einsatz kommen können, die eine entsprechende Schulung durchlaufen haben. Auch eine innerkantonale Zusammenarbeit mit anderen Einheiten (z.B. dem Departement Volkswirtschaft und Inneres) werde geprüft.

Mimik, Stimme und Körpersprache beobachten

Ob die Übersetzenden den Ansprüchen gerecht werden, wird letztlich immer erst an der Verhandlung klar. «An dieser ist sicherzustellen, dass sich der Dolmetscher und die fremdsprachige Person verstehen und richtig übersetzt wird», sagt Payllier.

«Zu diesem Zweck erkundigt sich die vorsitzende Person des Gerichts bereits vor Beginn der Verhandlung, ob sich die beiden Personen verstehen.» Während der Verhandlung ist es dann die Aufgabe der Richter, die Übersetzung zu beobachten. «Kommt der Eindruck von Unstimmigkeiten auf, muss nachgefragt werden», erklärt Sandro Rossi, geschäftsführender Gerichtspräsident des Bezirksgerichts Brugg.

«Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn ein kulturelles Missverständnis naheliegt oder Informationen über spezifische Gewohnheiten eines Kulturkreises erforderlich sind.» Daher seien Mimik, Stimme und Körpersprache der fremdsprachigen Person, aber auch des Dolmetschers, zu beobachten.

Verhandlung kann unterbrochen werden

«Stimmt ihre Körpersprache mit der Übersetzung nicht überein, ist ebenfalls nachzufragen», hält Rossi fest. «Als Unterstützung wirken dabei beispielsweise auch die Rechtsvertreter einer Partei oder Mitglieder des Gerichts wie die Bezirksrichterinnen oder Gerichtsschreiber, die der entsprechenden Sprache mächtig sind und so dem Gerichtspräsidenten ein Feedback geben können.»

Im Übrigen wird jede Verhandlung digital aufgezeichnet, sodass bei allfälligen, auch nachträglich auftretenden, Unstimmigkeiten jederzeit eine Kontrolle der Übersetzung stattfinden kann. Sollten sich während der Verhandlung Zweifel an der korrekten Übersetzung ergeben, muss die Verhandlung unterbrochen und allenfalls ein anderer Dolmetscher eingesetzt werden. Stellt sich heraus, dass sich ein Dolmetscher nicht eignet, wird er nicht mehr eingesetzt.

70 Franken pro Stunde

Obwohl keine entsprechende Statistik geführt wird, ist es gemäss Payllier sehr selten der Fall, dass eine Gerichtsverhandlung unter- oder abgebrochen werden muss, weil eine Übersetzung mangelhaft ist. Entsprechend ist es schwierig, den finanziellen Schaden zu beziffern, der entsteht, wenn eine Verhandlung verschoben oder unterbrochen werden muss.

Übersetzer verdienen pro Stunde 70 Franken. Daneben werden die Reisezeit sowie allfällige Spesen entschädigt. In Strafverfahren werden die Kosten vom Staat getragen. An den Gerichten des Kantons Aargau kommt in zirka 15% der Verhandlungen ein Dolmetscher zum Einsatz. Dieser Durchschnittswert gilt auch für das Bezirksgericht Brugg.

Gerichtspräsident begrüsst die eingeleiteten Schritte

Im Jahr 2018 sowie im Jahr 2019 (bis Ende November) mussten je eine Verhandlung abgebrochen bzw. unterbrochen werden wegen ungenügender Übersetzungsleistung. Entsprechend sagt der geschäftsführende Gerichtspräsident Sandro Rossi: «Alle am Bezirksgericht Brugg tätigen Gerichtspräsidentinnen und Gerichtspräsidenten haben überwiegend gute Erfahrungen mit Übersetzern gemacht.»

Auch wenn es durchaus Unterschiede in den Dolmetscherleistungen gebe, bewähre sich das bestehende System in der Mehrheit der Fälle. «Es ist aber zu hinterfragen und zu überprüfen, wenn eine Verhandlung wie beispielsweise Ende November 2019 – richtigerweise – abgebrochen werden muss», meint Rossi.

«Gegebenenfalls wird der betreffende Dolmetscher von der Liste entfernt und nicht mehr eingesetzt. Ich begrüsse die von der Justizleitung eingeleiteten Schritte zur Professionalisierung des Dolmetscherwesens.»

«Dolmetschertätigkeit ist anspruchsvoll»

Aus Rossis Sicht muss ein Dolmetscher einwandfrei übersetzen – «dies ist Voraussetzung für eine faire Verhandlung und die Rechtssicherheit». Fachlich müsse die dolmetschende Person selbstverständlich die deutsche sowie die zu übersetzende Sprache beherrschen (auf Niveau Muttersprache). Ein juristischer Wortschatz sei von Vorteil, ebenso ein Verständnis für die betreffende Kultur.

Persönlich müsse die Person ein ausgezeichnetes Kurzzeitgedächtnis haben, belastbar, vertrauenswürdig, unparteiisch und zuverlässig sein. Sodann müsse er seine Rolle als Dolmetscher verstehen: Er ist weder ein verlängerter Arm des Gerichts noch ein Gehilfe der zu befragenden Partei – er hat neutral und emotionslos das zu übersetzen, was gesagt wird; selbst wenn es offensichtliche Lügen wären.

«Die Dolmetschertätigkeit», so Rossi, «ist somit in vielerlei Hinsicht – nicht nur sprachlich – sehr anspruchsvoll, und der Kanton Aargau tut gut daran, ein einwandfreies Funktionieren zu gewährleisten.»

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