Die Diskussion zum Thema Tempo 30 wird in Brugg heftig geführt. Warum diese Emotionen?

Ruedi Häfliger: Es lässt sich einfach trefflich darüber streiten. Wenn man das Thema nüchtern anschaut, wäre es all die Emotionen nicht wert. Es gibt Leute, die das Thema nutzen, um Politik zu machen. Da ist es schwierig, die sachlichen Argumente nicht aus den Augen zu verlieren.

Warum macht es aus Ihrer Sicht Sinn, Tempo 30 flächendeckend einzuführen?

Die Strassen werden sicherer. Es gibt weniger Konflikte zwischen den Verkehrsteilnehmern. Und wenn es trotzdem zu einem Unfall kommt, resultieren weniger schwere Folgen. Aus Lärmschutzgründen macht es ebenfalls Sinn. Ein weiterer Grund ist, dass mit Tempo 30 der Verkehrsablauf verbessert wird. Flächendeckend bedeutet auch, dass es einfach verständlich und kostengünstig ist.

Wenn Sie von Gefahrenstellen sprechen, was meinen Sie damit?

Das sind häufig unübersichtliche Orte, wo es immer wieder zu Konflikten kommt. Fast alle Verzweigungen oder Einmündungen gehören dazu. Zu den Gefahrenstellen gehören auch Orte, wo über die Strasse gegangen wird, ohne dass es an diesem Ort vorgesehen wäre. Bei solchen Stellen ist es angebracht, dass man langsamer und vorsichtig fährt.

Gibt es denn aus Ihrer Sicht auch Vorbehalte gegenüber der Einführung von Tempo 30?

Es gibt Strassen, bei denen es nicht nötig ist, Tempo 30 einzuführen. Bei wiederum anderen Strassen sind vielleicht bauliche Massnahmen nötig, damit das Verkehrsregime verständlich wird. Dafür braucht es Geld. Ein anderes Argument ist auch noch, dass man aus gewissen Quartierstrassen besser Begegnungszonen machen würde. Theoretisch wäre es möglich, dass für den öffentlichen Verkehr ein zusätzliches Fahrzeug eingesetzt werden muss. Das ist aber bisher nirgends der Fall. Und da ist auch noch die Angst, als Raser bestraft zu werden. Allerdings muss dazu viel zu schnell gefahren werden. Weiter erfordert die Tempo-30-Zone mehr Aufmerksamkeit.

Viele befürchten, dass die Autofahrer mit der Vorlage bevormundet werden.

Es wird darauf reduziert. Aber dann müsste man konsequenterweise auch sagen, dass bereits Tempo 50 eine Bevormundung ist. Letztlich geht es doch einfach um die Brugger Einwohner in den Quartieren. Und es geht um die sogenannt Schwachen, also um Kinder und die älteren Leute, aber auch um die Velofahrer.

Gibt es denn auch Vorteile für Autofahrer?

Die Autofahrer brauchen sicher eine gewisse Angewöhnungszeit. Einer hat mir mal erzählt, dass er als Porschefahrer sich vehement gegen die Einführung von Tempo 30 gewehrt hatte, aber jetzt, da er sich an die Situation gewohnt habe, sei es ganz ok. Es gibt einem doch einfach auch ein besseres Gefühl als Autofahrer, weil man weiss, dass man weniger Gefahren eingeht, wenn man durch das eigene Quartier fährt, wo auch die Familie unterwegs ist. Und wenn wir das Beispiel Schöneggstrasse und Badstrasse nehmen, dann ist es so, dass viele, die dort unterwegs sind, eigentlich die Hauptstrasse nehmen sollten.

Tempo 30 gegen Stau-Umfahrer?

Es ist auf jeden Fall ein Problem, wenn jene, die den Stau umfahren wollen, auf die Quartierstrassen ausweichen. Verboten ist das zwar nicht, aber dann bitte auf diesen Strassen nicht schnell fahren.

Häufig wird kritisiert, dass es sich nicht lohnt, Tempo 30 einzuführen. Wie sehen Sie das?

Es braucht in jedem Fall im Rahmen eines Gutachtens eine Abwägung, ob die Massnahme verhältnismässig ist. Man weiss, dass sich die Unfallzahl bei Tempo 30 etwa um einen Viertel reduziert und Verletzte gibt es auch rund 30 Prozent weniger.

Sie sagen, dass Tempo 30 die Strassen sichererer macht. Inwiefern?

Es wird weniger schnell gefahren. Bei einer Gefahrensituation besteht so eher die Chance, noch rechtzeitig reagieren zu können. Sollte es dennoch zu einem Unfall kommen, so ist die Verletzungsgefahr weniger hoch. Die Gegenfrage ist, was denn der Verlust wäre für mehr Sicherheit.

Das wäre?

Ein kleiner Zeitverlust. Es ist weniger, als man denkt. Pro hundert Meter handelt es sich erfahrungsgemäss um 1 bis 2 Sekunden. Es ist mehr eine psychologische Frage.

Befürworter argumentieren, dass die Lebensqualität steigt. Teilen Sie diese Meinung?

Diejenigen, die die Strasse anders nutzen, also dort wohnen, ihre Garagenausfahrt haben, dort zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs sind, die haben einen Vorteil. Der Lärm nimmt ab und auch die Unfallgefahr, entsprechend steigt die Lebensqualität.

Die SVP als Gegnerin der Vorlage hat geschrieben, dass die Sicherheit auf der Strasse nichts mit der Geschwindigkeit zu tun hat, sondern mit der Komplexität der Verkehrssituation. Wie sehen Sie das?

In dieser Form stimmt das nicht. Natürlich ist die Komplexität der Verkehrssituation ein wesentlicher Faktor. Aber die Geschwindigkeit ebenfalls. Das ist reine Physik. Der Anhalteweg ist nun mal kürzer, wenn das Tempo niedriger ist.

Ein grosses Thema ist die Entfernung der Fussgängerstreifen in den Tempo-30-Zonen. Was meinen Sie dazu?

Ich bin der Auffassung, dass man sie grundsätzlich entfernen soll, an bestimmten Orten macht es aber auch Sinn, sie zu lassen. Der Vorteil ist, dass man die Strasse überall überqueren kann, wenn kein Auto kommt. Fussgängerstreifen sind nur eine Vortrittsregelung.

Erklären Sie.

Leute, die ausserhalb des Fussgängerstreifens über die Strasse gehen, werden weniger beachtet. Denn die Aufmerksamkeit der Autofahrer liegt bei den Fussgängerstreifen. Wenn man überall die Strasse queren darf, bedeutet das, dass alle Verkehrsteilnehmer besser aufeinander achten. Tatsache ist zudem, dass viele Autofahrer bei den Fussgängerstreifen gar nicht anhalten. Es passieren relativ viele Unfälle auf Fussgängerstreifen. Entsprechend ist die Sicherheit da auch nicht per se gewährleistet.

Ein neuralgischer Ort ist das Eisi, wo es im Moment viele Fussgängerstreifen gibt. Die sollen gemäss Vorlage wegkommen. Was halten Sie davon?

Das kann man machen. Es gibt bereits jetzt viele Leute, die in diesem Bereich irgendwo die Strasse queren. Das Entfernen der Fussgängerstreifen ändert also nicht viel. Zudem fahren die Autos rund ums Eisi sowieso langsamer, weil es eine scharfe Kurve hat. Es braucht entsprechend keine Vortrittsregelung mittels Fussgängerstreifen.

Gegner der Vorlage aber argumentieren, dass aufgrund der fehlenden Fussgängerstreifen Unklarheiten entstehen, dass die Situation die Schwächsten verwirrt und gefährdet.

Diese Irritation führt allerdings dazu, dass man aufmerksamer ist. Und wenn man aufmerksamer ist, gibt es weniger Unfälle. Wir sagen dem, dass man sich subjektiv weniger sicher fühlt, objektiv ist es aber sicherer. Die Unsicherheit trägt zu einer grösseren Verkehrssicherheit bei.

Wo sollen aus Ihrer Sicht Fussgängerstreifen belassen werden?

Bei Schulhäusern oder auch bei Altersheimen. Oder dort, wo man die Fussgänger so über die Strasse lotsen möchte, weil es an anderen Orten tatsächlich unsicherer ist, weil beispielsweise die Sicht schlecht ist. Kritisch bei den Altersheimen ist, dass viele ältere Menschen einfach irgendwo über die Strasse gehen und nicht unbedingt dort, wo es einen Fussgängerstreifen hat.

Es gibt verschiedene Gemeinden auch im Bezirk Brugg, die flächendeckend Tempo 30 eingeführt haben. Welche Rückmeldungen haben Sie?

Die will niemand mehr zurückgeben. Es ist nirgends ein Problem. Es ist schlicht eine Gewöhnungssache. Etwas langsamer zu fahren, kostet nicht viel. Tempo 30 bedeutet letztlich, dass jeder Verkehrsteilnehmer etwas zu mehr Sicherheit auf der Strasse beiträgt.

Die Podiumsdiskussion, an der auch Ruedi Häfliger teilnimmt, findet statt am 22. Januar, 19.30 Uhr, Singsaal Stapferschulhaus (2. Stock).