Bezirksgericht Brugg

Verbotene Liebe: Ihre Beziehung begann, als sie 12 und seine Stieftochter war

Sex mit minderjähriger Stieftochter - heute sind sie verheiratet

Sex mit minderjähriger Stieftochter - heute sind sie verheiratet

Das Bezirksgericht Brugg hat einen Mann für Sex mit seiner heutigen Frau verurteilt. Das Problem: Damals war sie noch ein Kind - und er war mit ihrer Mutter verheiratet. Heute haben sie selber zwei Kinder.

Sie küssen sich. Hand in Hand betreten sie das Bezirksgericht in Brugg. Die Frau ist nur hier, um ihren Ehemann zu unterstützen.

Seit 17 Jahren sind sie ein Paar. Der 42-jährige S.* ist angeklagt. Der Vorwurf lautet sexuelle Handlungen mit einem Kind.

Alles begann mit einem Kuss gegen Ende 1996. S. war 25 und verheiratet, Sie war 12 und seine Stieftochter.

Sie lebte unter der Woche bei ihrer Grossmutter. An den Wochenenden war das Mädchen meist bei ihrer Mutter – und ihrem Stiefvater.

Beim Küssen beliess er es nicht. Schon bald holte S. seine Stieftochter morgens zu sich ins Ehebett, während seine Frau – die Mutter – duschte. Sie hatten Sex – einvernehmlich, wie beide sagen. Mindestens zweimal wöchentlich. Bis September 2000 somit rund 400-mal. Dann wurde sie 16 Jahre alt und überschritt damit das gesetzliche Schutzalter. Längst war es gegenseitige Liebe geworden.

Der Geschlechtsverkehr blieb nicht im elterlichen Bett. In freier Natur, auf dem Heimweg zur Oma führte S. das Mädchen in zahlreiche, teilweise ordinäre Sexpraktiken ein.

Wegen Kinderpornos vorbestraft

Zwei Jahre später trennte sich S. von seiner Frau. Stattdessen zog er mit deren nun 18-jähriger Tochter zusammen. 2005 liess er sich von ihrer Mutter scheiden, welche nie eine Anzeige gegen S. einreichte. Drei Jahre später gebar sie das erste gemeinsame Kind. S. und seine Stieftochter heiraten. Das zweite Mädchen kommt 2010 zur Welt.

Vor zwei Jahren schaltete sich dann die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) ein. Sie holte die beiden Mädchen ab und gab sie in die Obhut einer Berner Pflegefamilie.

Die Aargauer Staatsanwaltschaft hatte gegen den vorbestraften S. eine Untersuchung eingeleitet. Zweimal wurde der 42-Jährige bereits wegen Kinderpornos zu Bussen verurteilt.

Im November 2013 wurde er wegen sexueller Handlungen mit einem Kind angeklagt. Bis zu 17 Jahre sind seit der teilverjährten Tat vergangen. Zusätzlich sollte S. sich erneut wegen Pornografie vor Gericht verantworten: Er hatte seit 2009 Sexfilme mit «menschlichen Ausscheidungen (Urin)» heruntergeladen. Die Staatsanwaltschaft forderte eine unbedingte, zweijährige Freiheitsstrafe, aufgeschoben zugunsten einer ambulanten Psychotherapie.

Akzeptiert die Krankheit

Gestern vor Gericht: S. anerkennt alle Tatbestände. Einsilbig und regungslos. Er ist einsichtig, akzeptiert die Krankheit Paraphilie (multiple Störung der Sexualpräferenz), ist seit 2012 freiwillig in Therapie und nimmt Medikamente, die den Sexualtrieb unterdrücken.Die Ehefrau, Stieftochter und Opfer – verzieht ebenfalls keine Miene. Auch nicht, als der Staatsanwalt an der Version zweifelt, dass das 12-jährige Mädchen S. verführt habe. «Glauben Sie das wirklich?»

Für ihn: eine von S. projizierte und manipulierte Version. Es zeige, dass er «kein Einfühlungsvermögen oder Verständnis für das Denken des Opfers» habe.

«Der Fall ist 14 Jahre her und hat niemandem Schaden zugefügt», sagt der Pflichtverteidiger. Er sieht kein Bedürfnis, «S. für etwas zu bestrafen, das er und seine Frau seit über 10 Jahren legal tun». Er fordert Freispruch.

Ohne die Aussage von S. wäre man gar nicht vor Gericht. Eine Verurteilung führe zu Arbeitslosigkeit und noch mehr Familiendrama. Die 18-jährige Beziehung sei nicht pädophil motiviert, «sie war immer einvernehmlich». Schuld und Tatfolgen seien gering.

Das sei nur Glück und nicht der Normalfall, so der Staatsanwalt, davon hätte S. nicht ausgehen können. «Es ist ein schweres Verbrechen», auch wenn daraus eine Ehe entstand.

Immer noch gefährlich

«Es tut mir alles wirklich sehr leid», sagte S. einzig ganz leise. Die Richter um Gerichtspräsidentin Franziska Roth folgten jedoch einstimmig der Staatsanwaltschaft.

Schuld und Taten seien schwerwiegend, insbesondere wegen Häufigkeit und Dauer. Zwar stelle S. die Krankheit nicht in Abrede, dennoch bleibe er gefährlich.

Das Gericht kritisiert eine gewisse Bagatellisierung, er vermöge die Taten nicht wirklich zu fassen. Mit einer ambulanten Therapie könne er zudem seinen Arbeitsplatz behalten.

Nach dem noch nicht rechtskräftigen Urteil umarmen sich das Paar und verlassen das Gericht, wie sie gekommen sind – Hand in Hand. Nur: Erwartet habe sie es, verstehen könne sie es nicht, sagt sie, «das macht eine intakte Familie kaputt».

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