Veltheim
In diesem 75-jährigen Zirkuswagen kann man neu Kaffee und Kuchen geniessen – und bald noch einiges mehr

Seit zehn Jahren setzt sich der Verein Oase für Frauen in Not ein. Was hinter der Veltheimer Organisation steckt.

Maja Reznicek
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Mirjam Burgherr (links) und Corinne Schranz initiierten «Oasis fahrendes Gartenbistro».

Mirjam Burgherr (links) und Corinne Schranz initiierten «Oasis fahrendes Gartenbistro».

Maja Reznicek

So richtig ins Rollen kommen wollte die Idee von Mirjam Burgherr und Corinne Schranz am Anfang nicht. «Zuerst stellten wir uns ein fahrendes Bistro vor, mit dem wir Hochzeiten oder andere Events besuchen könnten», erzählen die zwei Frauen vom Verein Oase. Fast zwei Jahre ist das nun her. Schranz erklärt:

«Wir wussten nicht, wie wir es personell machen sollen.»

Und zweimal kam die Pandemie dazwischen.

Umso mehr ist den beiden die Freude anzumerken, dass es jetzt funktioniert hat: Seit kurzem erwartet mit «Oasis fahrendem Gartenbistro» die Gäste in der Au 1 in Veltheim ein besonderes gastronomisches Angebot: Im zehnplätzigen, umgebauten Zirkuswagen mit Jahrgang 1946 locken Kaffee, hausgemachter Kuchen, Sandwiches und eine Tagessuppe. «Alles ist mit Liebe gemacht», sagt Schranz.

Insgesamt zehn Personen finden im gut beheizten Zirkuswagen Platz.

Insgesamt zehn Personen finden im gut beheizten Zirkuswagen Platz.

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Bei Gruppen könnten die kleinen Seitentische zudem weggeklappt und ein grosser Tisch platziert werden. Für Wetterfeste bieten sich rund um den gut beheizten Wagen 24 Sitzgelegenheiten an.

Einen rein gastronomischen Zweck erfüllt das charmante Bistro aber nicht. Es ist Teil des Arbeitsangebots des Vereins Oase. Dieser unterstützt – vor allem durch Spenden finanziert – Frauen in Notlagen. Mirjam Burgherr erklärt:

«Zu uns kommen Frauen aus Frauenhäusern oder der Opferhilfe. Oft sind es Personen mit Migrationshintergrund, auch Sans-Papiers.»

Im sogenannten Haus Oase begleite man sie zurück in die Eigenständigkeit und helfe in der neuen Lebenssituation. Burgherr weiss: «Dieser Weg ist kein Spaziergang.» Die teilweise traumatisierten Frauen müssten bereit sein für die Veränderung und den Wunsch nach einer neuen Perspektive haben. «Es ist eine herausfordernde Arbeit, die aber auch sehr schön ist, weil wir in das Leben eines Menschen investieren.»

Sie helfen bei Bewerbungsunterlagen oder ermöglichen Deutschkurse

Die ersten Schritte für das Haus Oase tätigte Mirjam Burgherr bereits 2010 gemeinsam mit ihrem Mann Ernst: «Unser Haus stand leer, weil die Kinder ausgeflogen waren. Wir wollten entweder verkaufen oder es umnutzen.» Da sie sich schon immer für Menschen am Rande der Gesellschaft eingesetzt hätten, entschieden sie sich für Letzteres und schufen Gästezimmer.

Der historische Zirkuswagen wurde für das Gartenbistro wieder fahrtüchtig gemacht.

Der historische Zirkuswagen wurde für das Gartenbistro wieder fahrtüchtig gemacht.

Maja Reznicek

Auf privater Basis nahm das Ehepaar anfänglich zwei Frauen auf. Mittlerweile haben Burgherrs den Verein Oase gegründet und bieten unter anderem Wohnmöglichkeiten für fünf Personen – und vereinzelt auch deren Kinder.

Die Tagessuppe wird – wie auch die Kuchen und die Sandwiches – von den Frauen des Hauses Oase zubereitet.

Die Tagessuppe wird – wie auch die Kuchen und die Sandwiches – von den Frauen des Hauses Oase zubereitet.

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Durchschnittlich verbringen die Frauen gemäss Mirjam Burgherr zwischen acht Monaten und eineinhalb Jahren im Haus Oase. Im Verein und in der eigenen Firma Erjam GmbH sind vier Mitarbeitende in Teilzeit angestellt. Diese begleiten die Frauen bei alltäglichen Aufgaben wie dem Abschliessen einer Krankenversicherung, ermöglichen Deutschkurse, helfen bei Bewerbungsunterlagen. «Wir begleiten die Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit.»

Zudem werde angeboten, Arbeitserfahrung, vor allem im Reinigungsbereich, zu sammeln. Burgherr weiss aber:

«Nicht alle sind für diese Arbeit geeignet.»

Deshalb hätten sie mehr Einsatzmöglichkeiten für die Frauen benötigt. Neu sollen sie auch im Gartenbistro tätig sein können.

Die Produkte aus der Werkstatt stehen zum Verkauf bereit.

Die Produkte aus der Werkstatt stehen zum Verkauf bereit.

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Bis auf weiteres betreut Corinne Schranz das Bistro aber allein. Die Allrounderin ist seit 2019 beim Verein Oase angestellt. Der Betrieb müsse erst anlaufen, die Prozesse klar werden. Zudem seien die fünf vom Verein betreuten Frauen, die im Hintergrund die angebotenen Leckereien herstellen, momentan anders ausgelastet.

Schranz sagt: «Wir bauen eine Werkstatt für sie auf.» Hier entstehen etwa handgemachte Scrunchies (gerafftes Haargummi) oder bemalte Keramiktassen. Weiteres sei in Planung. Diese Produkte sind ebenfalls im Bistro erhältlich.

Einmal pro Monat sollen am Wochenende Spezialevents stattfinden

Bis der passende Zirkuswagen zur Realisierung der Idee gefunden worden sei, so Mirjam Burgherr, hätten sie lange gesucht. In Dagmersellen LU fanden sie schliesslich das über 75-jährige Modell. Um dieses zu finanzieren, veranstaltete der Verein Oase einen Flohmarkt. Damit sich der alte Wagen aber in ein tatsächlich fahrbares Bistro verwandelte, gab es noch so einige Umbauarbeiten zu erledigen. Burgherr erinnert sich:

«Mein Mann hat mit Unterstützung unserer Frauen ziemlich alles selbst gemacht.»

Wegen der Pandemie musste die Eröffnung des Bistros zweimal verschoben werden. Seit Oktober herrscht nun erstmals Betrieb: dienstags von 8.30 bis 17 Uhr, mittwochs von 13.30 bis 17 Uhr und freitags von 8.30 bis 17 Uhr. Einmal pro Monat sollen am Wochenende in «Oasis fahrendem Gartenbistro» Spezialevents stattfinden. Losgehen wird es am 10. Dezember mit einem dreitägigen Fondueplausch.

Das Gartenbistro ist in der Au 1 in Veltheim stationiert.

Das Gartenbistro ist in der Au 1 in Veltheim stationiert.

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Anmeldungen sind ab dem 8. November über www.oasis-gartenbistro.ch möglich, verrät Corinne Schranz. «Zukünftig planen wir zudem Crêpes- und Pancakepläusche sowie Brunch.»

Bisher ist die Reaktion der Veltheimer Bevölkerung auf das neue Angebot, so Corinne Schranz und Mirjam Burgherr, sehr positiv. Sie sind sich einig:

«Wir konnten eine erfolgreiche Eröffnung mit vielen Leuten vom Quartier feiern.»

Momentan kämen die Besucherinnen und Besucher vor allem zu Kaffee und Kuchen. Das Znüni- und Mittagsangebot müsse sich noch etablieren, so Schranz. Nun hoffen die beiden, dass sich die Kunde vom Bistro im Zirkuswagen herumspricht – und das neue Angebot weiter ins Rollen bringt.

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