Fachhochschule Brugg-Windisch
Urteil zum Campus-Brand: Bauriese HRS war zu unvorsichtig

Die Gebäudeversicherung hat nach dem Brand im Neubau des Campus Brugg-Windisch die Versicherungsleistung gekürzt. Zu Recht, findet das Gericht. Für das Generalunternehmen HRS bedeutet das einen Millionen-Schaden.

Noemi Lea Landolt
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Durch den Brand entstand ein Schaden von 25,6 Millionen Franken.Emanuel Per Freudiger

Durch den Brand entstand ein Schaden von 25,6 Millionen Franken.Emanuel Per Freudiger

Emanuel Per Freudiger

Artikel vom 03.07.2017: Der 10. April 2013 war ein Mittwoch. Draussen ist es dunkel. Die Arbeiter auf der Grossbaustelle des Campus-Neubaus in Brugg-Windisch sind schon lange im Feierabend, als das Feuer ausbricht. In der Passerelle im dritten Stock lodern die Flammen, breiten sich aus und zerstören mehrere Stockwerke. Der Gesamtschaden beträgt 25,6 Millionen Franken.

Rund vier Jahre später sitzen vor dem Verwaltungsgericht in Aarau Vertreter der Aargauischen Gebäudeversicherung AGV und des Generalunternehmens HRS Real Estate. Es geht um 3,3 Millionen Franken. Dieses Geld hat die Versicherung dem Bauunternehmen noch nicht ausbezahlt. Die Gebäudeversicherung hat aufgrund einer externen Rechtsabklärung entschieden, die Versicherungsleistung zu kürzen. Die HRS Real Estate akzeptierte die Kürzung nicht. Sie reichte Beschwerde beim Verwaltungsgericht ein.

Der Streit der beiden Parteien füllt mehrere Ordner. Gerichtspräsident Dieter Heuscher und die vier Fachrichter mussten entscheiden, ob die AGV die Versicherungsleistung zu Recht gekürzt hat, also ob der HRS Real Estate Grobfahrlässigkeit vorgeworfen werden kann. Denn nur dann ist eine Kürzung der Versicherungsleistung rechtens. Solche Gerichtsverhandlungen seien selten, sagt Heuscher. Im Aargau waren es drei seit 2011 – eine ist die Verhandlung zum Campus-Brand.

Unterdessen liegt das Urteil vor: Das Verwaltungsgericht ist zum Schluss gekommen, dass die Kürzung berechtigt ist. Es hat die Beschwerde des Bauunternehmens abgewiesen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Am 10. April 2013 brannte es im Campus-Neubau der Fachhochschule Nordwestschweiz.
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Das Gebäude stand kurz vor der Fertigstellung.
Die alarmierte Feuerwehr war rasch vor Ort.
Sie stiess im mehrstöckigen Verbindungstrakt zwischen den beiden Hauptgebäuden auf den Brandherd.
Etliche Scheiben gingen in der Gluthitze zu Bruch.
Personen wurden nicht verletzt. Ein Feuerwehrmann war aber wegen Erschöpfung zusammengebrochen.
Grossbrand auf dem Campus-Neubau Brugg-Windisch.
Kopie von Grossbrand auf dem Campus-Neubau Brugg-Windisch (10. April 17)

Am 10. April 2013 brannte es im Campus-Neubau der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Regina Grob

Die Schuldfrage

Hat die Bauherrin die Aufsichtspflicht verletzt? Hätte der Brandschaden tiefer ausfallen können? Braucht es auf einer Grossbaustelle einen Sicherheitsbeauftragten? Was ist mit den Brandschutztüren? Hätte man sie jeden Abend von Hand schliessen können? Fragen über Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Die Verhandlung dauerte fast den ganzen Tag. Gerichtspräsident Dieter Heuscher stellte seine Fragen immer wieder: dem Gesamtprojektleiter des Bauunternehmens, den als Zeugen vorgeladenen Bauleitern und Brandschutzexperten, dem Abteilungsleiter der AGV.

Bis heute ist unklar, warum das Feuer an diesem Abend im April ausgebrochen ist. Das Strafverfahren gegen unbekannt wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst ist seit November 2013 sistiert. Eine Verletzung der Sorgfaltspflicht konnte niemandem nachgewiesen werden. Auch die beiden Gutachten, welche die Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben hatte, konnten keine Klarheit schaffen.

Im Vordergrund steht die Selbstentzündung eines Öls, das die Parkettarbeiter verwendeten. Es ist hoch entzündlich. Ob sie das gewusst hätten, will Heuscher von den beiden Bauleitern wissen. Einer bejaht. Der andere war damals noch in der Ausbildung und sagt: «Heute weiss ich es, aber ob ich es damals wusste, kann ich nicht sagen.» Abgesehen von den vorgeladenen Brandschutzexperten sagen alle Beteiligten, sie hätten im Sicherheits- oder Brandschutzbereich keine Ausbildung.

Die Regeln

Ein Brandschutzingenieur der AGV, der als Zeuge vorgeladen war, ist überzeugt, dass die Schäden «signifikant kleiner» gewesen wären, wenn die Brandschutztüren geschlossen gewesen wären. Zwar habe die Mechanik damals noch nicht funktioniert: «Aber eine starke Person hätte die Türen von Hand zuziehen können», gibt er zu Protokoll. Der Aufwand wäre im Verhältnis zum Nutzen gering.

Aber muss die Bauherrin das tun? Die AGV sagt, sie verlange keine Brandschutzkonzepte für die Bauphase. «Wir setzen auf die Eigenverantwortung.» Ein Brandschutzexperte, der mit der HRS zusammenarbeitet, sagt, Brandschutzkonzepte würden selten verlangt. «Die meisten Gebäude werden gebaut, ohne dass provisorische Brandschutzmassnahmen ergriffen werden.» Für Bauunternehmer zähle, was vorgeschrieben ist.

«Eine Massnahme mag sinnvoll sein, aber wenn sie nicht verlangt wird, setzt sie die Bauherrin nicht um.» Als Brandschutzexperte könne man nur empfehlen, aber nichts befehlen. Gleiches gelte für Sicherheitsbeauftragte. «Ich habe selten einen auf einer Schweizer Baustelle angetroffen», sagt der AGV-Brandschutzexperte. «Wenn das nicht verfügt wird, macht das niemand. Ein Sicherheitsbeauftragter kostet viel.»

Die Argumente

Der Anwalt der HRS trägt nach der Zeugeneinvernahme ein 56-seitiges Plädoyer vor. Er führt aus, dass das Fehlen eines formellen Sicherheitsbeauftragten nicht als Brandursache aufgeführt werden könne. Ausserdem handle die AGV selber fahrlässig, «wenn sie keine klaren Regeln aufstellt, im Nachhinein aber Leistungen kürzt». Der Vorwurf des grobfahrlässigen Verhaltens sei «absolut unhaltbar». Die AGV sei eine «Zwangsversicherung», die nun versuche, eine «Strafzahlung» von 3,3 Millionen Franken durchzusetzen. «Ich halte das für verwerflich. Tschuldigung», schliesst der Anwalt.

Der Anwalt der Gebäudeversicherung hat kein schriftliches Plädoyer vorbereitet. Er führt aus, dass Grossbaustellen Sonderfälle seien: «Dort geht man davon aus, dass Betreiber entsprechende Vorkehrungen treffen.» Es könne nicht sein, dass die HRS sage: «Was uns nicht verfügt wird, machen wir nicht.» Die Gebäudeversicherung sei nicht dazu da, Baustellen zu kontrollieren oder Mängel festzustellen: «Die AGV macht Abnahmekontrollen von definitiven Brandschutzmassnahmen.»

Die Fortsetzung

Das Urteil wurde den Parteien schriftlich und wunschgemäss vorerst ohne Begründung eröffnet. Sie hatten zehn Tage Zeit, eine Begründung zu verlangen. «Die HRS hat das getan», sagt Gerichtspräsident Dieter Heuscher. Das Urteil sei deshalb noch nicht rechtskräftig. Erst wenn das begründete Urteil den Parteien zugestellt ist, beginnt die 30-tägige Frist für eine Beschwerde ans Aargauer Verwaltungsgericht.

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