Alle sind sie gekommen: Einwohnerräte aus Windisch und Brugg, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, die Brugger Stadträtin Andrea Metzler (SP) und eben auch – um ihre Reden zu halten – der Aargauer Regierungsrat Urs Hofmann und der SP-Fraktionspräsident des Grossen Rats Dieter Egli aus Windisch. Rund 50 Personen liessen sich gestern am späten Nachmittag die 1.-Mai-Feier im «Odeon» in Brugg nicht entgehen. Mit Süssmost, Mineralwasser und dem einen oder anderen Glas Weisswein stiessen sie an auf die Arbeiterbewegung, auf die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie.

Allerdings: Weder Fahnen, noch Wimpel, noch Plakate zeugten davon, dass die Sozialdemokraten und Gewerkschaften an diesem Ort ihre wichtigsten Errungenschaften feierten. Zwei Tischchen mit Flyern zur nationalen Transparenz-Initiative und zur kantonalen Krankenkassenprämien-Abstimmung vom 1. Mai versteckten sich im Raum. Und auch über die Kandidatur von – im Publikum anwesenden – Rechtsanwalt Andreas Wagner (SP) für das Bezirksgerichtspräsidium in Brugg wurde kein Wort verloren.

Für den unteren Mittelstand

Mehr – durchaus deutliche – Worte, fanden dann aber die Redner Regierungsrat Urs Hofmann und Dieter Egli. Hofmann, betont lässig in weisses Hemd ohne Krawatte und Jeans gekleidet, die Ärmel hochgekrempelt, gab einen persönlichen Einblick, wie er damals in der Schule politisiert wurde.

Er sprach davon, wie ein Ungare und Tibeter – alle Flüchtlinge – zu guten Freunden wurden, erinnerte sich daran, dass er nach dem Prager Frühling an seinem Velo ein tschechoslowakisches Fähnli flattern hatte. Und er liess Erinnerungen an die Debatte in der Bezirksschule zur Schwarzenbach-Initiative aufleben.

Regierungsrat Urs Hofmann zum 1. Mai und über die Situation der älteren Arbeitnehmer.

«Die Diskussion war so heftig, dass ich noch heute weiss, wer von meinen Schulkameraden für die Initiative plädierte», sagte er. «Damals», so führte er fort, «galten die Italiener als nicht-integrierbar. Als Menschen, die es auf unsere Mädchen und Frauen abgesehen hatten und deren Klappmesser in den Hosentaschen locker sassen.»

Damit schlug er den Bogen zu den heutigen Flüchtlingsdiskussionen und wies daraufhin, dass es letztlich immer noch um dieselbe Frage wie seit Jahrzehnten geht: Wie können Flüchtlinge in unsere Gesellschaft integriert werden? Denn eines machte Hofmann verständlich: «Von der Integration profitieren alle, auch die Wirtschaft. Wer hetzt und ausgrenzt, wer sich nicht um Integration kümmert und Laissez-faire-Politik betreibt, der bezahlt dies später teuer.» Das würden Beispiele auch aus europäischen Ländern zeigen.

Hofmann machte sich am Schluss seiner Rede stark für den Service public, eine zielgerichtete Integration und für Sozialpolitik für den unteren Mittelstand in der Schweiz. «Für Menschen, die unter hohen Mietzinsen und Krankenkassenprämien ächzen.»

Ehrlich, selbstkritisch, selbstbewusst

Der nachfolgende Redner Dieter Egli thematisierte den Kapitalismus, den Neoliberalismus und den Populismus. Den Neoliberalismus, wie er in den 1980er-Jahren unter der Führung von US-Präsident Ronald Reagan und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher entstanden ist, gelte es zu bekämpfen. Denn dieser habe populistische Strömungen begünstigt.

«Zum Glück bin ich kein Wutbürger geworden»: Dieter Egli sagt, wie er in den 1980er-Jahren politisiert wurde.

«Es gibt die Abgehängten in unsere Gesellschaft, Menschen, die keine Perspektive haben und wirtschaftlich keine Chancen haben. Das sind diese Menschen, die am Ende Despoten wählen», sagte Egli. Und er meinte auch: «Die Linken sind von der Populismus-Bewegung überrascht worden.» Für die Sozialdemokraten gelte es nun, ehrliche, selbstkritische und selbstbewusste Politik zu betreiben. Eine Politik, die auf Fakten und Argumenten basiert. Und: «Wir müssen sagen, was falsch läuft und sagen, was wir wollen», forderte er. Dass sich die hartnäckige Arbeit lohne, habe sich im letzten Herbst gezeigt, als die SP die kantonalen Wahlen für sich entscheiden konnte.