Leitartikel

Urnenabstimmung in Brugg: Warum Tempo 30 eine Chance verdient

Am 10. Februar steht der Kredit von 272 000 Franken zur Diskussion für die Umsetzung von Tempo-30-Zonen (Symbolbild).

Am 10. Februar steht der Kredit von 272 000 Franken zur Diskussion für die Umsetzung von Tempo-30-Zonen (Symbolbild).

In seinem Leitartikel zur Urnenabstimmung über die Einführung von Tempo 30 in der Stadt Brugg schreibt Redaktor Michael Hunziker: «Die heutigen Verhältnisse sind vielerorts unbefriedigend und gefährlich – nicht nur rund um das Eisi.»

Oft führt der Weg übers Portemonnaie. Nicht bei der Referendumsabstimmung über die Einführung von Tempo 30 in der Stadt Brugg. Der Betrag von 272 000 Franken spielt eine untergeordnete Rolle beim Urnengang am 10. Februar. Im Zentrum stehen vielmehr zwei Fragen: Bringt eine Geschwindigkeitsreduktion mehr Sicherheit? Macht es Sinn, die Fussgängerstreifen zu entfernen?

Zur ersten Frage: Die Gegner von Tempo 30 sprechen von einer Mär und erwähnen Statistiken. Die gefahrene Geschwindigkeit, habe sich in vergleichbaren Fällen schweizweit gezeigt, reduziere sich nur gerade um 2 km/h. Ebenfalls argumentieren die Gegner, dass es in den letzten 10 Jahren in Brugg zwar leider drei Verkehrstote gab, keiner dieser Unfälle aber etwas mit dem Tempo zu tun hatte. Die Befürworter ihrerseits verweisen auf die Physik. Bei geringerer Geschwindigkeit sinke der Bremsweg, bei einer Kollision sei die Gefahr von schweren Verletzungen geringer. Zudem nehme bei tieferem Tempo der Verkehrslärm ab. Fest steht: Statistiken lassen sich interpretieren, die Physik – in diesem Fall die Formel zur Bewegungsenergie – lässt keinen Spielraum zu.

Zur zweiten Frage: In der Verordnung des Bundes ist festgehalten, dass die Anordnung von Fussgängerstreifen unzulässig ist in Tempo-30-Zonen. Ausnahmen sind erlaubt, wenn besondere Vortrittsbedürfnisse dies erfordern, namentlich bei Schulen und Heimen. Die Befürworter von Tempo 30 führen ins Feld, dass die Verkehrsteilnehmer aufmerksamer sein, aufeinander Rücksicht nehmen müssen, was zu mehr Sicherheit führe. Als weiterer Vorteil könnten die Fussgänger die Strasse an irgendeiner,

geeigneten Stelle überqueren – und nicht nur beim Fussgängerstreifen, wo zudem viele erhöhte Risiken in Kauf nehmen, wie Unfälle immer wieder zeigen. Es seien gerade die schwächsten Verkehrsteilnehmer – Kinder, Schüler und Familien genauso wie Senioren oder Menschen mit einer Behinderung – denen die Fussgängerstreifen Sicherheit geben, halten die Gegner dagegen. Ohne Fussgängerstreifen hätten die Autos Vortritt, es komme zu Unklarheiten. Die Fussgängerstreifen seien deshalb zu erhalten, vor allem diese beim «Gotthard» und rund um das Eisi.

Dass es sich beim Eisi um einen neuralgischen Bereich handelt, wissen diejenigen, die regelmässig auf der Badener-, Haupt- und Laurstrasse unterwegs sind. Auf den wenigen rund 300 Metern zwischen City-Galerie und Vindonissa Museum befinden sich sechs Fussgängerstreifen. Kinder und Jugendliche auf dem Weg zur Schule sowie Pendler auf dem Weg zum Bahnhof queren die Strasse. Die Fussgänger müssen aufpassen auf diejenigen Autofahrer, die etwas gar sportlich unterwegs sind, vielleicht auch einmal für einen Moment unkonzentriert oder überfordert mit der unübersichtlichen Situation. Die Autofahrer ihrerseits müssen grösste Vorsicht walten lassen wegen denjenigen Fussgängern, die dem Verkehr kaum Aufmerksamkeit schenken, die Fahrbahn – auch neben den Fussgängerstreifen notabene – trotz nahenden Fahrzeugen abrupt betreten und sich das Vortrittsrecht erzwingen. Brenzlige Situationen können zuhauf beobachtet werden.

Die heutigen Verhältnisse sind vielerorts unbefriedigend und gefährlich – nicht nur rund um das Eisi. Deshalb verdient Tempo 30 eine Chance in Brugg. Zu verlieren gibt es nichts, ausser den paar wenigen Sekunden, die ein Autofahrer länger braucht. Die Lebensqualität aber dürfte merklich steigen. Oder wie es Björn Urs Bürkler, Einwohnerrat der

Grünen, am Podium letzte Woche sagte: Es wäre schade, all die Vorteile über Bord zu werfen wegen der Fussgängerstreifen beim Eisi. Kommt dazu, dass bei einem Nein das Thema Tempo 30 vom Tisch ist. Stadtrat Reto Wettstein betonte am Podium, dass in dieser Legislatur kein neues Konzept mehr ausgearbeitet würde bei einer Ablehnung. Denn die Forderung des Referendumskomitees nach besseren Lösungen sei schwierig zu interpretieren für die Behörde, da keine konkreten Aussagen und Vorschläge gemacht würden. Wettstein hob ebenfalls hervor, dass bei der Umsetzung von Tempo-30-Zonen quartierweise vorgegangen werde, mit Einbezug der Bevölkerung und ohne teuren baulichen Massnahmen. Die Details würden erst ausgearbeitet. Es sei auch möglich, Anpassungen vorzunehmen und Fussgängerstreifen zu belassen, wenn es die Situation erfordere. Die Haltung des Stadtrats sei pragmatisch.

Einig sind sich Befürworter und Gegner darin, dass die grosse Mehrheit der Verkehrsteilnehmer anständig unterwegs ist auf den Strassen. Und dass mit dem Referendum und den damit verbundenen, engagiert geführten Diskussionen das Stimmvolk gewinnt. Es kann – nach dem Einwohnerrat, der den Kredit im vergangenen September mit 25 zu 18 Stimmen annahm – für einen breit abgestützten Entscheid sorgen. Das ist der Verdienst des Referendumskomitees, das 1153 gültige Unterschriften zusammenbrachte. Wichtig ist aber, dass sich weiterhin möglichst viele am demokratischen Prozess und am bevorstehenden Urnengang beteiligen.

michael.hunziker@chmedia.ch

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Michael Hunziker

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