Zum Abheben, denkt die Besucherin, und blickt gebannt auf diese Schuhe. Sie leuchten in derart intensivem Blau, dass der Himmel einpacken kann. Und dann: dieser Kontrast zu den Fusssohlen, deren mit Luft gepolsterte Noppen in knalligem Rot auftrumpfen. Wer diese Schuhe trägt, schwebt auf einer Wolke. Das tut Manuel Grenacher, 33-jähriger CEO der Windischer Firma Coresystems AG, was sein am Revers angebrachter Button «I love the Cloud» unterstreicht. Mit einer Kumuluswolke hat diese nichts zu tun, dafür mit Cloud-Computing – also mit Informatik. An ihr entzündet sich Grenachers Leidenschaft seit vielen Jahren. Er und sein in Windisch 50 Mitstreiter zählendes Team lassen ihre Ideen in der herrschaftlichen Villa im Park, neben dem Technopark, nur so sprudeln. Die Coresystems AG ist lokal verankert, agiert aber global.

Manuel Grenacher, Ihr schwarzweisses Konterfei ist im Grossraum Baden bekannt: Es prangt riesengross auf Bussen des öffentlichen Verkehrs. Schlage ich die Wirtschaftsteile von Zeitungen auf, stosse ich sehr oft auf Ihren Namen. Sie sind erst 33, als Unternehmer aber schon ein Begriff. Wie machen Sie das?

Manuel Grenacher (lacht): Gewisse Dinge kann man nicht lernen. Entweder ist man Unternehmer – oder man ist es nicht. Das merkt man schon extrem früh.

Wie früh?

Ich habe mit 12 Jahren meine erste Rechnung ausgestellt.

Verraten Sie uns für was?

Für meinen Gameboy, den ich verkauft habe. Rückblickend muss ich sagen: Das war der Grundstein für meine spätere Firma.

Was zeichnet einen Unternehmer aus?

Begeisterung und die Fähigkeit, andere Menschen zu motivieren und für ein Ziel zu gewinnen. Während meiner Studienzeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz hat es immer wieder Kollegen gegeben, die permanent etwas angerissen und auf die Beine gestellt haben. Es waren alles Menschen, die den Mut hatten, etwas anzupacken; die mit einer Idee andere angesteckt und überzeugt haben.

Was will ein Unternehmer noch?

Jeden Tag spüren, dass er etwas Neues machen will. Er will etwas aufbauen – aber nicht alleine, sondern mit einem superguten Team wie jenes, das wir haben. Ein Unternehmer will aber auch Jobs schaffen.

Damit trägt er allerdings eine grosse Verantwortung.

Natürlich. Und diese hat mir vor allem in den ersten Jahren schlaflose Nächte beschert.

Und heute? Gibt es solche nicht mehr?

Doch. Aber nur noch vereinzelt.

Glauben Sie, dass sich Unternehmen . . .

. . . etwa züchten lassen? Beispielsweise mithilfe des Kantons, . . .

. . . der mit dem Technopark Aargau ja Start-up-Unternehmen zum Erfolg führen will?

Für mich steht fest: Wir dürfen keine Erwartungshaltung an den Kanton Aargau haben. Dieser kann zwar Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Wer jedoch auf eigenen Füssen stehen will, muss sich einfach sagen: Hey, ich gründe jetzt eine Firma.

Wie Sie das 2006 gemacht haben?

Jawohl.

Wer hat Ihnen damals geholfen?

Friends and Family, wie es so schön heisst. Es braucht natürlich ein gewisses Startkapital. In meinem Fall half mir eine Bank, die mir einen Kredit über 30 000 Franken gewährte.

Keine grosse Summe.

Aber eine, die für mich damals ganz wichtig war. Ich bin heute noch sehr dankbar dafür.

Es wird erzählt, dass Sie und die weiteren Firmengründer am Morgen des 6. Januars 2006 Ihre Diplomarbeiten an der FHNW abgegeben und Stunden später . . .

. . . in die Villa im Park nach Windisch eingezogen sind? (Lacht) Ja, ja, das war genau so. Diese Arbeit war übrigens ein Auftrag für die SAP Schweiz und für uns der Kick-off.

Ihre Firma mauserte sich innert weniger Jahre zum offiziellen Entwicklungspartner der KMU-Softwarelösung Business One von SAP, einem der grössten Softwarehäuser der Welt. Seither geht es steil nach oben. Sie sind lokal verankert, agieren aber weltweit.

Ja, und das von der ersten Minute an. In unserer Firma, die in Windisch 50, weltweit 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt, sind 20 Nationalitäten vertreten. Internationalität ist für uns ganz wichtig. Ich bin deshalb gespannt auf die Abstimmung im Februar zur Masseneinwanderungsinitiative.

Ihre Prognose?

Ich möchte hier keine Politik betreiben. Meine ganz persönliche Meinung ist aber die: Schliessen wir irgendwelche Ventile, ist das kontra- produktiv für unser Land.

Sie arbeiten für grosse, ja riesige ausländische Unternehmen. Werben Sie bei diesen mit der Schweiz als Qualitätslabel?

Nein. Das Herkunftsland ist im Softwarebereich nicht derart relevant wie zum Beispiel in der Produktion. Wir bekommen aber oft zu hören: Ihr Schweizer seid Fairplayer.

Die Coresystems AG nimmt jedes Jahr an der weltweit grössten Informatikmesse, der Cebit, in Hannover teil. Demnach ein Muss für Sie?

(Lacht): Wir gehen nicht mehr dorthin.

Wie bitte? Das muss Gründe haben.

Natürlich. Einerseits dauert die Cebit eine Woche, was eine grosse Präsenz unsererseits erfordert. Andererseits haben wir gemerkt: Viele, mit denen wir zum Teil sehr ausführliche Gespräche hatten, wollten nichts bestellen, sondern letztlich nur eines: einen Job bei uns. Deshalb ver- anstalten wir nun am 30. April im Campussaal Brugg-Windisch einen Anlass in Eigenregie, zu dem wir 400 bis 500 Gäste aus aller Welt erwarten respektive einfliegen lassen. Mit dem Einzug in den Campus feiere ich in gewisser Weise auch ein Comeback, weil ich ja an der FHNW studiert habe.

«I love the Cloud» heisst es auf dem Button, den Sie ans Revers gesteckt haben.

Ach, das ist mittlerweile ein Modewort, dabei gibt es Cloud schon lange. Jetzt ist der Trend halt auch im Mainstream angekommen.

Wie erklären Sie den Begriff einem Greenhorn?

Cloud Computing ist eine Form bedarfsgerechter und flexibler Nutzung von Informatik-Leistungen.

Und diese werden . . .

. . . als Service im Internet gebucht, über das Internet bereitgestellt und nach der Nutzung abgerechnet.

Könnte man Cloud Computing in etwa mit den Dienstleistungen einer Bank vergleichen?

Ja. Sie vertrauen der Bank Ihr Geld an und beziehen dafür gewisse Leistungen – zum Beispiel den Bezug von Geld oder die Bezahlung mit Kreditkarte.

Auf die Medienbranche bezogen: Könnte diese mit Cloud-Diensten ihre Unternehmen verwalten?

Warum nicht? Cloud wird für ein Medienunternehmen vor allem dann interessant, wenn die Mitarbeitenden digital mobiler unterwegs sind – etwa mit dem iPad. Mit Cloud kann man viel Komplexität entfernen und sich wieder voll auf das Kerngeschäft konzentrieren: die Redaktion, denn diese liefert Content – also Inhalte.

Wir sprechen miteinander, als ob die Zeit keine Rolle spielt. Dabei müssen Sie Ihren Flug nach London erwischen.

(Lacht): Stimmt, ich bin gerade mal drei Stunden dort, um über Mila zu sprechen.

Ihre jüngste Gründung, mit der Sie letztes Jahr überraschten. Mila ist ein hübscher Name . . .

… für eine Plattform, auf der Talente gefördert werden und damit einfach Geld verdienen können.

Mit Mila revolutioniert Swisscom als erste Grossfirma den technischen Support für ihre Schweizer Millionenkundschaft. Wie funktioniert das an einem konkreten Beispiel?

Nehmen wir einmal an, Sie haben ein kleines technisches Problem mit der Swisscom. Bevor Sie nun einen teuren Fachmann aufbieten, können Sie als Kunde auf das Nachbarschaftshilfe-Netzwerk Mila zurückgreifen und einen Serviceanbieter buchen, der das Problem behebt. Ein solcher Helfer wird als «Swisscom-Friend» bezeichnet.

Kann ich mir auch ein neues Handy erklären lassen?

Klar. Es findet sich bestimmt jemand, vielfach sogar in der Nähe, der so etwas noch so gerne zu einem bezahlbaren Preis tun möchte.

Was heisst bezahlbar?

Wir sprechen hier von Kleinaufträgen zwischen 30 und 100 Franken.

Mila ist eine kostenlose App für Smartphones und Tablets.

Ganz genau. Für Dienstleister verlangen wir jedoch eine kleine Kommission.

Wenn Sie von Mila sprechen, nehmen Sie stets auch den Begriff Share Economy in den Mund. Dieser besagt, dass sich der Wohlstand für alle erhöht, je mehr unter allen Marktteilnehmern geteilt wird. Hat das Zukunft?

Und ob. Share Economy wird extrem wichtig werden – ihr werden grosse Wachstumsprognosen attestiert. Mila entspricht exakt dem Bedürfnis, Transaktionen direkt und hundertprozentig mobil auszuführen.