Aargauer im Ausland
Dieser Brugger hat schon mehr als sein halbes Leben in New York verbracht

Arnold Helbling ist von der Architektur in der Weltmetropole fasziniert. Das Coronajahr sei in vielerlei Hinsicht schwierig gewesen, sagt der 59-Jährige. Was den Touristen derzeit nicht vergönnt ist, weiss der Künstler aus Brugg hingegen bewusst auszukosten.

Claudia Meier
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Der 59-jährige Künstler Arnold Helbling aus Brugg lebt seit über 30 Jahren in New York.

Der 59-jährige Künstler Arnold Helbling aus Brugg lebt seit über 30 Jahren in New York.

Bild: zvg

Wer New York schon ferienhalber erlebt hat, würde die Weltmetropole derzeit kaum wiedererkennen. Der Times Square etwa, wo man oft vor lauter Touristen den Boden nicht mehr sieht, scheint aufgrund der Coronapandemie ziemlich verwaist.

Während der Coronakrise präsentiert sich der Times Square in New York City oft, wie hier am 25. Januar 2021, praktisch menschenleer.

Während der Coronakrise präsentiert sich der Times Square in New York City oft, wie hier am 25. Januar 2021, praktisch menschenleer.

Bild: zvg

Im Viertel Hell’s Kitchen im Stadtbezirk Manhattan reihen sich vor den Restaurants improvisierte Essbaracken aneinander. Nur wenige Gehminuten davon entfernt und in der Nähe des neuen Hudson Yards Stadtteils mit 300 bis fast 400 Meter hohen Wolkenkratzern befindet sich das Atelier von Arnold Helbling.

Der 59-jährige Brugger, Sohn des 2015 verstorbenen Kunstmalers Willi Helbling, hat bereits über die Hälfte seines Lebens in New York verbracht. Nach seinem Studium an der Hochschule für Gestaltung in Basel reiste Arnold Helbling 1989 mit einem Stipendium nach New York. Der Künstler hat dann mehrmals um ein halbes Jahr verlängert und ist schliesslich geblieben. Die Architektur der Grossstadt und die laufenden Veränderungen faszinieren ihn noch heute.

Neue Wohn- und Büroflächen für 50'000 Einwohner

Im Backsteinhaus rechts befindet sich der Loft von Arnold Helbling.

Im Backsteinhaus rechts befindet sich der Loft von Arnold Helbling.

Bild: zvg

Helblings Loftatelier befindet sich in einem Backsteinhaus zwischen Madison Square Garden mit der neuen Penn Station und dem sich noch im Bau befindenden Hudson Yards Dschungel mit Hochhäusern, wo Wohn- und Büroflächen für zirka 50’000 Menschen am Entstehen sind. Der gebürtige Brugger sagt:

«Ich brauche also nicht umzuziehen, um bald am Rand einer neuen Stadt aus Glas aufzuwachen.»

Im Juni 2019 weilte Arnold Helbling für die ART Basel zum letzten Mal in der Schweiz. Gerne wäre er im letzten Frühjahr wieder gekommen, doch entschied er sich aufgrund der Coronakrise dagegen. «Inzwischen sind alle meine Vorräte an Kamby-Biscuits und Kamillosan aufgebraucht», fügt Helbling mit einem Schmunzeln an. Anstatt mit dem Flugzeug war der Künstler letztes Jahr mehr denn je zu Fuss in New York unterwegs oder mit dem Fahrrad auf «abenteuerlichen» Stadttouren nach Coney Island oder Staten Island.

Er ist sich gewohnt, Überlebensstrategien zu entwickeln

Die Stadt ist sehr viel ruhiger geworden, vor allem in Midtown, wo sich sonst Touristen, Büroangestellte, Taxis und Zulieferer auf engstem Raum tummeln. Fürs Auge sind laut Arnold Helbling all die kürzlich auf den Trottoirs oder der Strasse aus dem Boden spriessenden, halb offenen Imbissbuden vor den Restaurants einerseits eine Wohltat.

Vor den Restaurants im Quartier Hell's Kitchen sind unzählige Imbissbuden entstanden.

Vor den Restaurants im Quartier Hell's Kitchen sind unzählige Imbissbuden entstanden.

Bild: zvg

Andererseits könne dieser Anblick kaum über den Überlebenskampf der vom Lockdown hart getroffenen Restaurantbetreiber hinwegtäuschen, hält der Künstler fest.

Das Coronajahr war für Arnold Helbling in vielerlei Hinsicht schwierig, «doch die Zeit für die Besinnung aufs Wesentliche hatte auch positive Auswirkungen». Beispielsweise auf das künstlerische Arbeiten. Rückblickend sagt Helbling:

«Über weite Strecken war es meine sehr fokussierte Arbeit im Atelier, die mir Freude, Spannung, Überraschung, Befriedigung und Sinn im monotonen, isolierten Alltag bescherte.»

Alles habe sich sehr auf Weniges verlangsamt. Als Künstler habe man lebenslange Erfahrung mit dem Reflektieren über das aktuelle Zeitgeschehen. «Ich bin es mir gewohnt, Lebens- und Überlebensstrategien zu entwickeln, um der wahrgenommenen Welt zu begegnen», hält der 59-Jährige fest. Das sei in der aktuellen Coronakrise nicht anders.

«Der Computer wurde quasi über Nacht unsere Rettung»

Bezogen auf die durch den Lockdown beschleunigte digitale Transformation sagt Arnold Helbling: «Bis anhin hatte sich der Computer als Begleiter und Helfer in Stellung gebracht, nun wurde er quasi über Nacht unsere Rettung.» Gleichzeitig fragt er sich: «Befinden wir uns schon in einer nach-authentischen, virtuellen Welt, wo jede körperliche Berührung, jeder Austausch mit Gefahren verbunden ist und nur noch unter streng geregeltem Ablauf stattfinden kann?»

Daraus ergäben sich auch für die Kunst viele Fragen von existenzieller Wichtigkeit wie: Ist die überdrehte Farbigkeit der Bildschirmoberfläche die neue Leinwand für den Maler? Lassen sich Malereien ab dem Bildschirm verkaufen wie etwa ein Buch?

Mit dieser Entwicklung verbunden ist laut Arnold Helbling eine Angst des Ausgegrenztwerdens: Über den Videokonferenz-Dienstleister Zoom erhalte er Zugang zu Vorträgen, Gesprächen und Ausstellungen rund um die Welt. «Dieses Medium bringt aber eigene rigide Formate und Abläufe für zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Austausch mit sich, die ich bis jetzt eher als wenig stimulierend und erlebnisleer wahrnehme», sagt der Brugger und fragt: «Doch welche Alternativen bleiben uns?» Vielleicht sei es nur eine Frage der Zeit, bis man in diese neuartige Kommunikationsform hineinwachse und sich dann irgendwann wundere, wieso sich einige damit so schwertaten.

Ein Computer-Chip hat ihn mehrere Monate beschäftigt

Die Arbeit des Künstlers dreht sich seit Jahren um alle Formen von Architektur. Zurzeit beschäftigt sich Helbling primär mit Computer-Architektur: «Eines der Hauptwerke, an dem ich über mehrere Monate des letzten Jahres gearbeitet hatte, ist ein ‹Porträt› des ersten Intel Chip #4004 aus dem Jahr 1971.» Ohne Coronakrise wären seine Bilder bis Ende Januar in einer Gruppenausstellung in der Fabian und Claude Walter Galerie in Zürich zu sehen gewesen.

Dieses Kunstwerk von Arnold Helbling heisst «Halt And Catch Fire».

Dieses Kunstwerk von Arnold Helbling heisst «Halt And Catch Fire».

Bild: zvg

Während seiner letzten Ausstellung im Deutschen Haus der New York University im Herbst 2019 hatte Helbling zum ersten Mal neben gemalten Bildern auch zwei Installationen ausgestellt. «Eine solche wandfüllende Arbeit mit dem Titel ‹Balance› hatte im Zentrum den Schatten meiner Person mit ausgestreckten Armen wie bei einem balancierenden Seiltänzer», erklärt der Künstler. Neu war, dass er während der Ausstellung immer wieder kleinere Veränderungen an dieser Arbeit vorgenommen habe. «Das Werk blieb also offen und unabgeschlossen», sagt er zur Idee, an der er weiterarbeite.

Ein magischer Ort in Brugg, der ihm die Welt versprach

Mit Brugg fühlt sich Arnold Helbling immer noch verbunden. «Wenn ich durch die Strassen gehe und mir die Häuser sowie die verpflanzte Magnolie im Stadtpark anschaue, erlebe ich das Ganze wie im Film mit doppelter Belichtung: einmal in ferner Erinnerung und einmal etwas fremder, dafür unmittelbarer», schildert er seine gemachten Eindrücke.

Das Lesezimmer der Stadt Brugg war früher öffentlich zugänglich.

Das Lesezimmer der Stadt Brugg war früher öffentlich zugänglich.

Bild: cm

Etwas verloren zwischen den Welten fühle er sich jeweils, wenn er das alte «Lesestübchen» im Stadtpark sehe. «Ich mag es denjenigen gönnen, die dort arbeiten – doch dieser kleine Ort im Herzen der Stadt mit all seinen aufgelegten Zeitungen damals war für mich immer ein magischer Ort, der die Welt versprach.»

Ausserdem hat Arnold Helbling begonnen, Bilder seines im Alter von 95 Jahren verstorbenen Vaters, die eng mit dessen Leben in Brugg verbunden sind, auf einer separaten Website sowie auf einer für Willi Helbling eingerichteten Instagram-Seite hochzuladen. Willis Sohn freut sich:

«Und plötzlich berühren seine Arbeiten Menschen auf der ganzen Welt.»

Auf vorher nur in begrenzten Kreisen zugängliche und geschätzte Bilder gebe es nun positives Feedback aus Indien bis Afrika.

Kunstmaler Willi Helbling hat das Bild «Blumenstrauss» 2002 fertiggestellt.

Kunstmaler Willi Helbling hat das Bild «Blumenstrauss» 2002 fertiggestellt.

Bild: zvg

In den USA dominierte letztes Jahr nicht nur die Coronakrise, sondern auch der Präsidentschaftswahlkampf. Für Arnold Helbling steht fest: «Da in den USA die Wahlen nie inhaltlich geführt werden, ist das Wahljahr, bis auf das Ergebnis, eine einzige Zeit- und Energieverschwendung.» Er sei froh, dass das System diesen Stresstest einigermassen überstanden habe.

Mehr Informationen zu den Arbeiten von Arnold Helbling finden Sie auf seiner Website.