Aargauer Bunkertage

«Unglaublich, welche Dimensionen diese Anlagen hatten» – Bunker-Welt zieht Tausende in den Bann

Seit den vom Verein Militär- und Festungsmuseum Full-Reuenthal veranstalteten ersten Aargauer Bunkertagen sind sieben Jahre vergangen. Bei der zweiten Auflage strömten die Besucher am Wochenende in Scharen ins Villigerfeld nach Rüfenach.

«Nein, das hat im Dorf niemand gewusst, was sich dahinter verbirgt», sagt Vereinsvizepräsident Urs Ernst. Ein unscheinbares, wie ein landwirtschaftlicher Schopf anmutendes Gebäude in Rüfenach-Rein ist der Eingang zu einer der grössten Festungsanlagen in der Schweiz: die Festung Rein, 1939/40 als Artilleriewerk «Adlerhorst» gebaut.

Nicht nur einen möglichen Einfall deutscher Truppen während des Zweiten Weltkriegs hätte die rund 60 Mann zählende Besatzung abzuwehren gehabt. Die Anlage war bis in die 1990er-Jahre in Betrieb. Nach den Deutschen wären die potenziellen Feinde die Russen und ihre damaligen Verbündeten gewesen. Ernst: «Man fürchtete, die Truppen des Warschauer Pakts könnten die Schweiz als Einfallstor in die Nato-Staaten nutzen.»

Centurion-Kanone sorgte für mehr Feuerkraft

Noch 1990 hat man in die Festung investiert und mit dem Einbau der Kanone eines Centurion-Panzers für noch mehr Feuerkraft gesorgt. Ernst antwortet auf die Frage nach seiner Motivation, sich im Verein zu engagieren: «Mich hat das Geheimnisvolle an diesen Anlagen immer gereizt. Aber selbst zu meiner aktiven Militärzeit in den 70er-Jahren habe ich nie einen Bunker von innen gesehen.»

Besucher Alex Gabard aus Rüfenach: «Wir sehen die Bunker jeden Tag von aussen, aber jetzt haben wir endlich einmal Gelegenheit, einen Blick ins Innere zu werfen.» Und: «Unglaublich, welche Dimensionen diese Anlagen hatten.»

Die Besucher der zweiten Aargauer Bunkertage mussten körperlich fit sein. Rauf und runter führten Hunderte Treppenstufen und halsbrecherische Wendeltreppen. Der Weg war lang bis zu dem Raum, den alle sehen wollten – dort, wo in Stahlcontainern die Ausrüstungsgegenstände der geheimen Widerstandsorganisation P 26 gelagert wurden. Ein Foto an der Wand zeigt Brigadier Arthur Liener. «Der hatte am 19. Dezember 1990 den Befehl erhalten, P 26 zu liquidieren, und hat vorher nichts von der Organisation gewusst», weiss Ernst. Waffen, ein Kurzwellensender, ein Dechiffriergerät, Landkarten sowie kleine Goldbarren zu Bestechungszwecken und zur Informationsbeschaffung waren in den Boxen. P 26 hätte im Fall einer Besetzung der Schweiz die Bevölkerung mobilisieren und mit Propaganda zum Widerstand bewegen sollen.

«Es war primär keine militärische Organisation. Ihre Angehörigen wurden gezielt ausgesucht», so Vereinspräsident Thomas Hug. 800 Mitglieder hätten es einmal sein sollen, aber effektiv seien es nur 320 gewesen. «Man ist davon ausgegangen, dass bei einer Besetzung der Schweiz die Regierung nach Irland flieht. Ihr hätte P 26 Informationen von zu Hause liefern sollen», erzählt Ernst. Alle diese Informationen sind heute auch dank der Forschungen von Historiker Titus Meier aus Brugg bekannt.

Es war eine dunkle und feuchte Zeitreise in die Vergangenheit

Der Verein hat die Festung Rein der Schweizer Armee 2017 für 30 000 Franken abgekauft und seitdem auf den grossen Tag hingearbeitet, die Anlage erstmals der Öffentlichkeit zu zeigen. Es war eine dunkle und feuchte Zeitreise in die Vergangenheit, in eine Schweiz, deren Armee einmal mehr als 800 000 Mann zählte. «Heutigen Schweizern mag der Aufwand, der dazumal getrieben wurde, absurd erscheinen. Aber die Bedrohung der Schweiz war real», denkt Hug.

Bei den zweiten Aargauer Bunkertagen waren zwölf militärhistorische Anlagen zu Fuss, mit dem Velo oder im Shuttlebetrieb mit Kleinbussen der Armee zu besichtigen. Neben der Festung Rein stand auch die Artillerie-Beobachtungsanlage «Steinbruch» erstmals offen, die der Verein Anfang 2019 der Gemeinde Rüfenach abgekauft und seitdem fieberhaft bereitgemacht hat für die beiden Aktionstage am Wochenende – mit der Original-Beleuchtungsanlage und der ursprünglichen Einrichtung.

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