Umiken
«Die Tiere sind extrem vorsichtig»: Warum sich diese Wildschweine trotzdem an einer Bushaltestelle tummeln

Durch die Pandemie zog es mehr Menschen in den Wald. Peter Schori, Präsident der Jagdgesellschaft Kästhal-Brugg, erklärt welchen Einfluss das auf die Paarhufer hat.

Maja Reznicek
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Mindestens zehn Tiere sichtete der Autofahrer am Samstag.

Mindestens zehn Tiere sichtete der Autofahrer am Samstag.

Symbolbild: Imago Stock&people

Für einmal herrschte am Samstag in Umiken ein «Gewusel der anderen Art». Am frühen Morgen tummelte sich bei einer Bushaltestelle eine ganze Wildschweinrotte. «Sicher etwa zehn Stück», schreibt ein Beobachter in einem Facebook-Post. Die Sichtung ist laut Peter Schori, Präsident der Jagdgesellschaft Kästhal-Brugg, «ein riesen Zufall». Er sagt:

«Dass Wildschweine in den städtischen Raum kommen, ist relativ selten.»

Durch die Bejagung habe sich das Verhalten der Tiere verändert, sie seien nun vor allem nachtaktiv. Selbst die Bauern, deren Land an Wald grenzt, würden nur ganz selten eine Wildsau zu Gesicht bekommen. Schori weiss: «Die Säue sind extrem vorsichtig. Für das Erlegen braucht es pro Tier im Schnitt 30 Stunden.» Manchmal sichtet der Jäger selbst zwei, drei Monate keine der Paarhufer.

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Warum haben sich die Tiere dann nach Umiken verirrt? Dass sie auf der Suche nach Fressbarem – etwa im Abfall der Anwohnerschaft – waren, glaubt der Präsident der Jagdgesellschaft Kästhal-Brugg nicht. «Im Gegensatz zu Füchsen sind sie keine Kulturfolger.» Er könne sich aber vorstellen, dass die Tiere von etwas aufgescheucht und deshalb in den städtischen Raum vorgedrungen seien.

Insgesamt 187 Tiere wurden letztes Jahr in der Region erlegt

Laut dem Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) des Kantons Aargau steigt die Anzahl Wildschweine in der Schweiz. «Die Bestände haben in den letzten Jahren gesamteuropäisch massiv zugenommen», heisst es auf der Website.

Wie viele es in der Region sind, ist laut Schori schwierig zu sagen. Das letzte «Mastjahr», in dem Eichen und Buchen besonders viele Samen produzierten, sei der Population sicher zuträglich gewesen. «Die Tiere hatten einen reich gedeckten Tisch», erklärt Schori. Zudem seien die Winter nicht mehr so hart. Die guten Bedingungen würden dazu führen, dass die Säue teilweise nicht mehr nur einmal, sondern zweimal pro Jahr Junge werfen.

Problematisch wird das, wenn die Paarhufer sich bei einem Streifzug am landwirtschaftlichen Kulturland – etwa an Mais oder Weizen – gütlich tun. Im Schnitt belaufen sich die jährlichen Kosten für die Wildschäden im Kanton auf eine halbe Million Franken. Dem versucht das BVU mit «zahlreichen jagdlichen und nicht-jagdlichen Massnahmen» entgegenzuwirken. In der Region Brugg wurden 2020 insgesamt 187 Tiere erlegt.

Wildschweine können in Feldern für grosse Schäden sorgen.

Wildschweine können in Feldern für grosse Schäden sorgen.

Symbolbild: Nana Do Carmo

Schori ergänzt:

«Wir jagen die Wildschweine nur dort, wo sie Schäden machen.»

In diesem Jahr seien die lokalen Schäden bisher gering, liegen etwa bei 5000 Franken.

Bisher weiss Schori nur von einem Angriff eines Wildschweins

Im Rahmen der Pandemie zog es viele Schweizerinnen und Schweizer in den Wald. Das stellte auch Peter Schori fest: «Es sind viel mehr Leute unterwegs als vorher, auch mehr Velofahrer.» Auf die Wildschweine habe das keinen grossen Einfluss. «Auf der Passhöhe des Bözbergs hat es immer viele Leute, sogar mit Hunden. Die Säue stört das nicht, sie gewöhnen sich daran.»

Für das Rehwild seien die Menschenströme schwieriger. Die Rehe würden versuchen, auf die Nacht auszuweichen. Wildsäue hingegen halten sich oft auch tagsüber ganz in der Nähe von Menschen auf.

Dass vermehrt Menschen in den Wald gehen, beeinflusst das Verhalten des Rehwilds.

Dass vermehrt Menschen in den Wald gehen, beeinflusst das Verhalten des Rehwilds.

Bild: AZ Archiv

Wer einmal Wildschweinen begegnen sollte, muss sich nicht fürchten. Schori sagt:

«Normalweise passiert nichts. Die Tiere sind nicht neugierig und gehen weg.»

Er selbst weiss bisher nur von einem Angriff auf einen Menschen. «Das war aber ein verwundetes Tier, das einen Jäger angriff.» Insbesondere Abstand halten müsse man aber, wenn eine Bache (weibliches Wildschwein) mit den Jungen unterwegs sei. Ansonsten gelte es, stehen zu bleiben und zu warten, bis die Tiere ihrer Wege ziehen.

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