Pizza-Tour
Über die eigene Zeit verfügen können

Wolkenverhangene Berge, schnurgerade Strassen zwischen Walensee und Sargans - da hat man Zeit zum Nachdenken. Seit letztem Donnerstag bin ich pensioniert, was ändert das an meinem Leben? Muss ich nun den Pensioniertengruss üben?

Martin Gysi
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Zernez empfängt uns mit leichtem Schneetreiben bei Temperaturen um den Gefrierpunkt

Zernez empfängt uns mit leichtem Schneetreiben bei Temperaturen um den Gefrierpunkt

Gysi

Alles ist relativ. Gestern war das Wetter windig, nass und kalt. Abgesehen von ein wenig Nieselregen am Vormittag war es heute nur noch windig und kalt. Also ist das Wetter heute besser! Die Strecke von Weesen nach Klosters und später von Sagliains nach Zernez wäre sehr attraktiv, aber Wind und Wolken lassen die Farbe grau dominieren.

Zeit zum Sinnieren

Wenn man schon nicht von der prächtigen Aussicht abgelenkt wird, geben die Stunden im Velosattel wenigstens Gelegenheit zum Sinnieren. In meinem Fall ist es die Frage: Inwiefern verändert die Pensionierung mein Leben? Renne ich künftig ebenfalls permanent leicht gestresst durch die Gegend und mache den Pensioniertengruss (Handfläche zur Abwehrhaltung nach vorn: «keine Zeit») oder pflege ich nun das «süsse Nichtstun» bis der körperliche und geistige Zerfall den Rest besorgt? Beides kann wohl kaum erstrebenswert sein.

Was verändert sich denn wirklich und tiefgreifend, unabhängig von den individuellen Randbedingungen und Eigenheiten? Erstens ist es der Abschied vom beruflichen Umfeld. Man ist entbunden von Arbeitsumfeld, Terminstress, Verantwortung, Budgeteinhaltung und diplomatischer Rücksichtnahme auf Mitarbeiter und Kunden. Aber auch von an sich erstrebenswerten Eigenschaften wie Kompetenz, Erfahrung, Knowhow, Verlässlichkeit oder Zielorientiertheit. Dieser Verlust kann befreiend und belastend zugleich sein. Was es bei mir bewirkt, wird wohl erst die Zeit zeigen. Im Moment dominiert jedoch noch der befreiende Aspekt.

Der innere Schweinehund hat einen Kollegen

Zweitens ist es aber eine wiedergewonnene Freiheit, nämlich die Verfügungsgewalt über die eigene Zeit. Darauf habe ich mich am meisten gefreut: Über den Tagesablauf nicht mehr fremdbestimmt zu sein. Aber ich habe in den wenigen Tagen meines Daseins als Rentier feststellen müssen, dass das gar nicht so einfach ist. Man kann den Schalter nicht einfach umdrehen. Man stellt auf einmal fest, dass der «innere Schweinehund» einen internen Gegenspieler hat, das «innere, strebsame Gewohnheitstier», das einen immer wieder daran erinnert, was «man» doch zu tun hat, welche Ziele «man» gesteckt hat, was «man» erreichen wollte, was «man» von mir erwartet.

Diese Pizza-Tour ist ein Paradebeispiel dafür. Meine Frau und ich haben doch alle Freiheiten dieser Welt, um mit unserem bei uns selbst gebuchten halben Jahr zu tun und zu lassen, was wir wollen. Wir haben uns ein Ziel gesetzt: in sechs Wochen nach Apulien zu fahren, dort den Sommer am Strand zu geniessen und in sechs Wochen wieder zurück zu radeln. Da kann man doch nicht einfach eine Woche im Flyhof in Weesen bleiben, nur weil das Hotel so romantisch und das Essen so fein ist!? Warum eigentlich nicht?

Was ist Freiheit?

Offensichtlich gilt auch in diesem Fall der alte liberale Leitspruch: Freiheit und Selbstverantwortung sind unteilbare Begriffe. Unter Selbstverantwortung fällt dabei wohl das Gesamtziel: Ende September wieder zurück zu sein. Dafür gibt es sachliche Gründe. Unter Freiheit fällt die Möglichkeit, selbst entscheiden zu können, was dazwischen geschieht - und auch allfällige Konsequenzen selbst zu tragen. Ich bin noch nicht ganz so weit, aber ich arbeite daran.

Zurück zur heutigen 85 km-Tagestour: Zernetz empfing uns mit gefühlten minus zehn Grad und leichtem Schneetreiben. Umso wärmer war dafür der Empfang im Hotel Adler, wo wir nächtigen. Das Wetter bleibt offenbar trocken und kalt, der Ofenpass ist schneefrei. Über den Ofenpass fährt ein Postauto. Man wird sehen, was wir morgen mit unserer Freiheit tun.