Schinznach-Bad
Trotz Sehbeeinträchtigung kümmert sie sich im Garten um 60 Hortensienstöcke

60 Hortensienstöcke zieren den Garten der 87-jährigen Lilly Müller in Schinznach-Bad. Trotz ihrer altersbedingten Sehbeeinträchtigung lässt sie es sich nicht nehmen, sich selbst um die Pflege ihrer Lieblingsblumen zu kümmern.

Carolin Frei (Text und Foto)
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Lilly Müller mit ihrem Hortensien-Garten: «Auf Lehmboden werden sie einfach rosa, ich hätte jedoch gerne auch blaue gehabt.»

Lilly Müller mit ihrem Hortensien-Garten: «Auf Lehmboden werden sie einfach rosa, ich hätte jedoch gerne auch blaue gehabt.»

Carolin Frei

«Ich stehe jeden Tag um 5.30 Uhr auf», sagt Lilly Müller. Noch vor dem Frühstück gehts raus in den Garten. Im Sommer steht das Giessen der Pflanzen an, im Winter deren Pflege. Die 60 Hortensienstöcke, die den grossen Garten von Lilly Müller in Schinznach-Bad säumen, muss die 87-Jährige jedoch nicht mit der Giesskanne wässern. Schläuche, die durch all die Stöcke gezogen wurden, versorgen ihre Lieblingsblumen mit Wasser. Nicht so bei den Geranien, die muss sie noch von Hand beschütten.

Erst danach steht Frühstücken auf dem Programm, das sie noch selber zubereitet. Das Mittagessen wird ihr von ihrem Sohn, der das Bahnhöfli in Schinznach führt, vorbeigebracht. «Das einzige, was ich ab und zu noch koche, sind Champignonschnitten», sagt die ehemalige Wirtin und Köchin vom Restaurant Limmattal in Vogelsang.

Nach dem Mittagessen gehts dann zum Friedhof. «Mein Mann, mit dem ich 65 Jahre lang zusammen war, ist vor zweieinhalb Jahren gestorben.» Jeden Tag, sofern es das Wetter erlaubt, besucht sie ihn auf dem Grab. Sie hat ihm auch schon ihre Lieblingsblumen mitgebracht, doch dort halten sie nicht lange.

In den 54 Jahren, in denen Hortensien den Garten von Lilly Müller mit Rosa-Farbtönen bereichern, hat sie viel Erfahrung sammeln können. «Ich werde immer wieder gefragt, warum ich so grosse, volle Stöcke habe», sagt die rüstige Seniorin. Einerseits läge das am Alter der Hortensien, andererseits auch an der Pflege, die schon eine kleine Wissenschaft für sich sei.

Im Herbst müsse man die verdorrten Blütenstände und Äste abschneiden und entfernen. «Zudem gebe ich allen eine gute Handvoll Hornspäne und lasse sie dann bis zum Frühling ruhen.» Auch Rasenabfall bekomme der Pflanze gut. Die Farbe der Pflanze bestimme der Boden. «Auf Lehmboden werden sie einfach rosa, ich hätte jedoch gerne auch blaue gehabt.»

Bis vor fünf Jahren hat sie ihre neuen Stöcke selber gezogen. Dazu müsse man lediglich einen Ast auf den Boden legen und gut zwei Zentimeter Erde darüber geben. Dort, wo ein Blatt platziert ist, gäbe es dann automatisch Wurzeln. «Die Zucht und Pflege von Hortensien braucht viel Zeit und Geduld», meint die alte Dame weise schmunzelnd. Die hat sie.

An ihre Lieblingsblumen lässt die 87-Jährige niemanden ran, nicht einmal die Person, die ihr jede Woche alle anderen Arbeiten im Garten abnimmt.

Blumen oder aber Hortensien waren nicht von Kindsbeinen an die grosse Leidenschaft von Lilly Müller. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, war Gemüse das Hauptthema. So ging sie denn als Jugendliche jeweils in den Herbstmonaten auf den Markt in Baden. Ihre Leidenschaft für Blumen entdeckte sie erst als Erwachsene, als sie in Rieden eine Zweitliegenschaft erstand, auf der Hortensien in voller Pracht blühten.

«Mein Mann und ein Kollege zogen ein Seil um die grossen Stöcke und wuchteten sie mit dem Auto aus dem Erdreich, um sie in ihrem Garten in Schinznach-Bad zu platzieren. Das war vor 54 Jahren.

Noch heute blühen diese Stöcke im Garten von Lilly Müller um die Wette. Sieben Stück jedoch, die etwas angeschlagen waren, sind in der «Pflegestation» beim Haus angesiedelt worden, wo sie – bei voller Aufmerksamkeit von Lilly Müller – wieder gesunden können. «Die Hortensien geben viel zu tun und nach der Pflege bin ich schon müde. Aber ich möchte diese Arbeit nicht einen Tag missen.»

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