Als Sportlerin will man immer gewinnen, das ist klar. So ist ein zweiter Platz je nach Perspektive entweder ein glanzvolles Ergebnis, oder man ist schlicht nur die Erste unter den Verliererinnen. Die Schinznacher Karate-Sportlerin Elena Quirici reiste an die Europameisterschaft im spanischen Guadalajara, um ihren Titel vom Vorjahr zu verteidigen. Mit dem Einzug in den Final schien alles nach Plan zu laufen. Eine kleine Unaufmerksamkeit aber führte dazu, dass sie gegen die Französin Alizée Agier einen Punkt kassierte. 1:2 stand es am Schluss des Wettkampfs, statt Gold bringt Elena Quirici nun die Silbermedaille nach Hause. Überwiegt bei ihr nun eher die Enttäuschung über den verpassten Titel oder der Stolz über Platz zwei?

«Am ersten Tag nach dem Wettkampf war ich noch traurig und etwas wütend», sagt sie aus Spanien per Telefon. Die reine Enttäuschung sei inzwischen aber etwas dem positiven Gesamtbild gewichen. Dieses sieht nämlich eindeutig vielversprechend aus: Seit Montag steht Elena Quirici in der Weltrangliste neu auf Platz eins, zum ersten Mal in ihrer Karriere. Auch die Rangliste der European Games führt sie nun an. Damit ist sie bereits für die Spiele in Minsk in Weissrussland im Juli qualifiziert. «In meiner Kategorie bin ich derzeit die konstanteste Athletin», sagt sie, die unter den Karatekas mit bis zu 68 Kilogramm Körpergewicht im Wettbewerb steht. Der Stolz darüber überwiege also, denn es zeigt, dass sie für ihr oberstes Ziel weiterhin in die richtige Richtung steuert: die Olympischen Sommerspiele in Tokyo im nächsten Jahr.

Karate wird dort zum ersten – und offenbar vorerst letzten – Mal unter den olympischen Sportarten figurieren. Elena Quirici ist die grosse Hoffnungsträgerin für eine Schweizer Medaille. «Es ist wichtig, dass ich an jedem Turnier eine gute Leistung zeige und Punkte hole», sagt sie. Derzeit stehe sie gut da. «Wenn ich so weiter machte, wie ich in dieses Jahr gestartet bin – mit drei Finaleinzügen in vier Turnieren, dann kann ich sehr gut mit einer Qualifikation für Tokyo rechnen.» Elena Quirici bleibt also fokussiert und hofft, gesund zu bleiben und sich keine Verletzungen einzuholen. Die Spitzensport-Rekrutenschule hat sie vor zwei Wochen abgeschlossen. Nun erholt sie sich während ein paar Tagen, danach ist wieder Training angesagt. In drei Wochen steigt wieder ein Wettkampf, dieses Mal in Rabat, Marokko.

Grund: «Mentaler Fehler»

2016 und 2018 hatte die heute 25-jährige Elena Quirici die Europameisterschaften gewonnen. Das es nun knapp nicht zum dritten Titel gereicht hat, erklärt sie sich mit einem «mentalen Fehler». «Ich hätte mich anders auf diesen Kampf einstellen sollen», sagt sie. Zu fest habe sie sich auf ihre Gegnerin fokussiert und zu wenig auf ihre eigenen Stärken.

«Klar bin ich enttäuscht, ich will immer gewinnen. Aber wie gesagt: Dieses Mal überwiegt das Positive.»