Ein Ärgernis sind diejenigen Hundehalter, die ihre Vierbeiner im Wald frei herumrennen lassen – selbst dann, wenn fremde Menschen und andere Tiere zugegen sind oder gar Leinenpflicht herrscht. Vor dem Bezirksgericht Brugg stand kürzlich eine Frau, deren Hund ein Reh gerissen hatte.

Fahrlässige Tierquälerei, fahrlässige Übertretung des Jagdgesetzes sowie Übertretung des Hundegesetzes lauteten die Vorwürfe. An der Verhandlung konnte sich der Beobachter allerdings des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass just in diesem Fall die Falsche zur Rechenschaft gezogen werden soll.

Sandra (Name geändert) war zusammen mit ihrer Kollegin auf einem Spaziergang unterwegs an einem Sonntagnachmittag Anfang März des letzten Jahres im Wald bei Linn. Beide führten ihre Hunde an der Leine, waren in ein Gespräch vertieft. Plötzlich erblickte Sandras Hund ein Reh in einem Gebüsch. Der Rüde, der zu den Hunden mit erhöhtem Gefährdungspotenzial zählt, riss sich los. Zusammen mit dem Hund der Kollegin attackierte er das Reh.

Vorfall umgehend gemeldet

Die Beschuldigte erschien sportlich-gepflegt gekleidet mit grauer Jacke, grauem Oberteil, gemustertem Halstuch, blauen Jeans und blauen Turnschuhen vor dem Bezirksgericht. Die Haare hatte sie zusammengebunden. Freundlich und klar beantwortete sie die Fragen von Einzelrichterin Gabriele Kerkhoven. Die 28-Jährige konnte sich gut an die vielen Einzelheiten erinnern, als sie auf ihrem Spaziergang mit ihrer Kollegin und den beiden Hunden zur Lichtung kam. Es habe einen Rest Schnee gehabt, der Boden sei matschig und an diesem schattigen Platz teilweise gefroren gewesen. Ihr Hund sei an einer etwa zwei Meter langen Leine gegangen, deren Ende sie um das Handgelenk und die Hand gewickelt hatte.

Auf einmal habe ihr Rüde ruckartig gezogen, erzählte Sandra. Sie sei ausgerutscht, habe sich an ihrer Kollegin festhalten müssen. Einen Ausfallschritt habe sie nicht machen können, weil deren Hund genau zu diesem Zeitpunkt vor ihren Füssen stand. Sie habe die Hand geöffnet, die Leine sei weggerutscht. Ihrem Hund sei sie sofort hinterhergerannt, fuhr Sandra fort, habe ihn gerufen. Dieser habe aber nicht auf ihre Befehle gehört. Schliesslich konnte sie ihren Rüden aus dem Gebüsch ziehen und vom Reh lösen. Den Vorfall meldeten die beiden Frauen umgehend der Polizei und dem Jagdaufseher.

Sonst nie negativ aufgefallen

Mit einer solchen Reaktion ihres Hundes habe sie nie gerechnet, dieser habe sich weder vor noch nach diesem Zwischenfall je so verhalten, sei nie negativ aufgefallen, versicherte Sandra. Das Reh, so ihre Vermutung, habe schon verletzt im Gebüsch gelegen. Deshalb habe es nicht davonrennen können.

In diesen Wald bei Linn sei sie seither nicht mehr zurückgekehrt. Dieses einschneidende Erlebnis habe sie immer wieder Revue passieren lassen, sagte Sandra. Sie wisse aber nicht, antwortete sie auf Nachfrage, was sie hätte anders machen können. Die Umstände seien unglücklich gewesen.

Warum sie sich für eine Rasse mit erhöhtem Gefährdungspotenzial entschieden hat, wollte Gerichtspräsidentin Kerkhoven wissen. Sie habe das Tier aus einer schlechten Haltung übernommen, arbeite gerne mit ihm, habe viel erreichen können, erklärte Sandra. Diese Hunde seien sehr sozial, hob sie weiter hervor, wollten gefordert und gefördert werden. Mit ihrem Rüden besucht sie regelmässig – und seit Jahren – die Hundeschule. Sie wolle ein Vorbild sein. Der Vorfall tue ihr leid.

Die Beschuldigte habe, heisst es in der Anklageschrift, die Leine unzureichend festgehalten und ihren Hund nicht ausreichend und Kontrolle gehabt. Aus «pflichtwidriger Unvorsichtigkeit» habe sie bewirkt, dass sich ihr Rüde – zusammen mit dem Hund der Kollegin – zum Reh begeben und dieses totbeissen konnte. Hätte die Beschuldigte, steht weiter, die Leine genügend stark festgehalten, hätte das Wildern ihres Hundes und letztlich der Tod des Rehs vermieden werden können. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 120 Franken sowie eine Busse von 600 Franken.

Ein Restrisiko besteht immer

Seine Mandantin, hielt der Verteidiger dagegen, erfülle sämtliche Voraussetzung zur Haltung dieses Hundes. Sie habe sich korrekt verhalten, ihren Rüden sehr wohl unter Kontrolle gehabt, die Leine pflichtgemäss festgehalten. Wäre das Reh nicht verletzt gewesen und hätte es die Flucht ergreifen können, wäre es nicht zu diesem Zwischenfall gekommen, zeigte sich der Verteidiger überzeugt. Überdies sei nicht nachzuweisen, ob der Biss des Hundes den Tod des Rehs verursacht hat.

Kurz: Selbst wenn alle erdenklichen Schutzvorkehrungen getroffen würden, bestehe immer ein Restrisiko, sei nicht jeder Zwischenfall vermeidbar und es könne ein Unfall passieren. Die Vorwürfe seien unbegründet, seiner Mandantin könne kein strafbares Verhalten vorgeworfen werden, fasste der Verteidiger zusammen. Sie sei vollumfänglich von Schuld und Strafe freizusprechen.

Mittlerweile ist das Urteil schriftlich eröffnet worden. Die Beschuldigte wird tatsächlich von Schuld und Strafe freigesprochen, die Kosten gehen zulasten der Staatskasse. Das Gericht kam zum Schluss, dass die Beschuldigte sämtliche nötigen Vorkehrungen getroffen und den Hund an der Leine geführt hatte. Sie verfüge zudem über die Ausbildung und Halteberechtigung für den Hund und habe die entsprechenden Kurse – zusätzlich auch freiwillig eine Hundeschule – besucht. Eine Verletzung der Sorgfaltspflicht könne der Beschuldigten nicht vorgeworfen werden. Ein Restrisiko, argumentiert auch das Gericht, lasse sich nicht gänzlich vermeiden. Ansonsten müsste die Haltung von sogenannten Listenhunden komplett verboten werden.