Brugg

Trotz Krieg war der Rutenzug vor 100 Jahren ein Freudentag für die Jugend

Der Morgenumzug vor dem Eisi: Da es regnete, wurde die Route in die Stadtkirche verkürzt.  (ZVG)

Der Morgenumzug vor dem Eisi: Da es regnete, wurde die Route in die Stadtkirche verkürzt. (ZVG)

Vor 100 Jahren musste der Rutenzug kurzfristig verschoben werden wegen des Wiederaufgebots der Armee.

Angesichts des Ersten Weltkrieges und der damit verbundenen schwierigen Zeit verzichteten 1917 Aarau, Lenzburg und Zofingen erneut auf die Durchführung ihrer traditionellen Jugendfeste. Mit jeder bekannt gewordenen Absage wurde in Brugg die Frage intensiver diskutiert, ob «trotz der Ungunst der Zeitverhältnisse» das Jugendfest abgehalten werden solle.

Stadtrat und Schulpflege vertraten die Ansicht, dass die Einwohner mit der Genehmigung des Voranschlages 1917 und der darin enthaltenen Kredite sich für das Jugendfest ausgesprochen hätten. Der Rutenzug sollte deshalb auch im dritten Kriegsjahr in möglichst einfachem Rahmen durchgeführt werden. Einhellig wurde die Meinung vertreten, dass man der Brugger Jugend den Freudentag nicht vorenthalten dürfe, dass jedoch auf unnötige Ausgaben zu verzichten sei. Dazu zählte neben dem Jugendfestbatzen auch das Feuerwerk am Abend.

Das Rettungskorps erklärte sich wie im Vorjahr bereit, unentgeltlich sowohl die Kränze am Mittwochnachmittag aufzuhängen als auch «zur Aufrechterhaltung der Ordnung» den Abendheimzug der Kinder zu begleiten. Das Angebot erwies sich im Nachhinein als zu grosszügig. Um den Lohnausfall der Feuerwehrleute wenigstens teilweise zu vergüten, mussten 80 Franken aus der Korpskasse entnommen werden. Der Chef des Rettungskorps ersuchte deshalb nachträglich die Stadt, dass der Umtrunk am Donnerstag aus der Jugendfestkasse beglichen werde. Der Stadtrat stimmte dem zu und legte zugleich fest, dass in Zukunft wieder die früher übliche Entschädigung für das Rettungskorps auszurichten sei.

Das Fleisch war knapp

Angesichts der Schwierigkeiten, genügend Fleisch und Därme für die Jugendfestwürste zu beschaffen, reichten die Metzger eine Kollektivofferte ein und verlangten 60 Rappen pro Wurst. Das bedeutete eine Preissteigerung von 50 Prozent gegenüber 1915 und widerspiegelte die stark gestiegenen Lebensmittelpreise während des Ersten Weltkrieges. Auch die Bäckereien verzichteten auf Konkurrenzofferten. Sie boten an, 1020 Stück der 500 Gramm schweren Brote für 33 Rappen und 540 kleinere Brötchen für 9 Rappen zu backen.

Der Nachmittagsumzug wird begleitet von Bezirksamtmann und Schulpflegepräsident Jakob Riniker.

Der Nachmittagsumzug wird begleitet von Bezirksamtmann und Schulpflegepräsident Jakob Riniker.

Der Stadtrat stimmte beiden Eingaben zu und übertrug gleichzeitig die Führung der Festwirtschaft an Heinrich Maurer, Wirt im Roten Haus. Dieser vereinbarte mit der Stadt den Getränkepreis: eine ganze Flasche Wein zu 1 Franken und 40 Rappen, drei Deziliter Bier zu einem Preis von 30 Rappen. Zwei Jahre zuvor hatte die Flasche Wein noch 1 Franken gekostet. Als Zug- und Tanzmusik wirkte die Stadtmusik Brugg gegen eine Entschädigung von 100 Franken. Konditor Heinrich Wüthrich bezahlte der Stadt 8 Franken, um am Jugendfest Glace und Patisserie verkaufen zu dürfen.

Damit Väter anwesend sind

Aufgrund des allgemeinen Kriegsverlaufs kam es zu einem Wiederaufgebot der 4. Division auf den 10. Juli, zwei Tage vor dem geplanten Festtag. Die Jugendfestkommission beschloss deshalb am 22. Juni den Rutenzug ausnahmsweise um eine Woche auf den 5. Juli vorzuverlegen, damit möglichst viele Väter am Fest anwesend sein konnten. Trotz günstiger Wetterprognose stellte sich am Jugendfest kein schönes Wetter ein. Pünktlich um Viertel vor neun Uhr setzte sich der Umzug in Bewegung. Da es regnete, wurde die Route in die Stadtkirche verkürzt.

Ein Orgelspiel leitete die Morgenfeier ein, gefolgt von einer Ouvertüre der Stadtmusik und einem Gemeindegesang aus dem Kirchengesangsbuch. Anschliessend sang der Männerchor ein Lied von Mendelssohn. Die Festrede, gehalten vom Windischer Pfarrer Karl Pfisterer, wurde durch Gesänge der Schülerinnen und Schüler umrahmt. Den Abschluss machte ein Liedervortrag des Gemischten Chors. Leider besserte sich das Wetter nicht. Die geplanten Kadettenübungen im Schachen mussten in den Hof der Kaserne verlegt werden. Statt auf dem Tanzboden der Schützenmatt, tanzten die Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Lokalen in der Stadt. Ob der Turnreigen der Mädchen stattfinden konnte, darüber schweigen sich die Quellen aus.

Kurz nach halb zehn Uhr zog der Lampionzug durch die geschmückte und bengalisch beleuchtete Altstadt vors Rote Haus. Dort hielt der Brugger Pfarrer Jahn die «Abdankung» und liess in einer launigen Rede den Tag Revue passieren. Zum Abschluss sang die ganze Festgemeinde die Nationalhymne.

*Titus J. Meier ist Historiker und lebt in Brugg.

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