Rutenzug

Trotz Erstem Weltkrieg: Das Brugger Jugendfest fand auch 1915 statt

Die Kadetten führten 1915 den Rutenzug an. Auf Papierblumen wurde bei der Dekoration in der Brugger Altstadt aus Spargründen verzichtet. ZVG

Die Kadetten führten 1915 den Rutenzug an. Auf Papierblumen wurde bei der Dekoration in der Brugger Altstadt aus Spargründen verzichtet. ZVG

Während Aarau und Windisch vor hundert Jahren auf ein Fest verzichteten, kürzten die Brugger das das Rutenzug-Budget auf 1500 Franken.

Als vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg in Europa tobte, wirkte sich dies auch auf den wichtigsten Tag im Brugger Kalender aus, den Rutenzug. Zahlreiche Gemeinden aber auch Städte im ganzen Kanton verzichteten angesichts der schwierigen Zeit auf die Durchführung eines Jugendfestes, so etwa Windisch oder Aarau.

Ende April 1915 warf Eduard Grob, Depotchef bei den SBB, im Stadtrat erstmals die Frage auf, ob in diesem Jahr nicht auf den Rutenzug zu verzichten sei. Grob, bereits in früheren Jahren mehr als ein Hüter des Geldes und weniger als ein Freund des Jugendfestes aufgefallen, begründete sein Anliegen einerseits damit, dass vielerorts auf die Durchführung von Jugendfesten verzichtet werde und andererseits damit, dass sowohl die Gemeinde als auch viele Familien sparen müssten. Bevor der Stadtrat diese Frage diskutieren und entscheiden wollte, holte er die Stellungnahme der Schulpflege ein. Diese empfahl die Durchführung «mit möglichst bescheidenen Ausgaben». Daran hielt sie auch fest, nachdem Italien am 23. Mai 1915 in den Krieg eingetreten war.

Schulpflege und Stadtrat gespalten

Die Schulpflege selbst war in dieser Frage in zwei gleich grosse Lager gespalten. Die eine Hälfte verwies darauf, dass in Brugg, abgesehen vom Jahr 1799, als die Schweiz europäischer Kriegsschauplatz gewesen war, noch nie auf den Rutenzug verzichtet worden sei. Die Folgen des Krieges auf die Schweiz seien nicht so schlimm, als dass die Jugend auf das Fest verzichten müsste, worauf sie sich das ganze Jahr gefreut habe. Dagegen vertrat die andere Seite die Auffassung, dass angesichts der ernsten Zeit keine Feststimmung aufkommen könne und es der Jugend nicht schade, wenn sie «als Folge der Kriegswirren eine Freude entbehren müsse».

Ähnlich wie in der Schulpflege gingen auch im Stadtrat die Meinungen auseinander. Nach längerer Diskussion entschied man sich für einen Kompromiss: Durchführung ja, aber bei einem maximalen Kostendach von 1500 Franken. Da dies weniger als die Hälfte der üblichen Auslagen war, mussten zahlreiche Abstriche gemacht werden: Verzicht auf eine Konzertmusik für die Morgenfeier, kein Feuerwerk, keine Freischaren am Manöver und Verzicht auf gedruckte Programme. Allein mit diesen Massnahmen konnte das Kostendach nicht eingehalten werden und so strich der Stadtrat auch den Jugendfestbatzen.

Die Bewohner an der Hauptstrasse wurden noch eindringlicher als üblich zum Beflaggen der Häuser aufgerufen und die beiden Apotheker um Spenden für bengalisches Licht beim Heimzug ersucht. Ausserdem liess der Stadtrat die Kadetten eine Geldsammlung durchführen; von über 166 Spendern kamen schliesslich mehr als 450 Franken zusammen.

Auf neue Kleider verzichtet

Am 8. Juli war es schliesslich soweit: Um Viertel vor 9 Uhr setzte sich der Zug mit den Kadetten an der Spitze durch die festlich geschmückte Stadt in Bewegung. Zwar wurden die Dekorationen nur sparsam angebracht und auf Papierblumen gänzlich verzichtet, doch tat dies der Festfreude ebenso wenig Abbruch, wie die Aufforderung an die Eltern, auf neue Kleider zu verzichten. An der Morgenfeier in der Kirche wirkten statt der Kurkappelle Schinznach die vereinigten Männerchöre mit. Der Festredner Gottlieb Müller hielt eine ernste, doch zur damaligen Zeit passende Rede. Nach der Feier erhielten die Schülerinnen und Schüler ihr obligates Jugendfestbrot.

Am Nachmittag zogen die Menschen in den Schachen, um einem kurzen Kadettenmanöver mit anschliessendem Exerzieren beizuwohnen, ehe man sich auf der Schützenmatt zu Spiel, Tanz und musikalischer Unterhaltung traf. Die Mädchen führten Reigen auf und die Jugendlichen tanzten bis in den Abend hinein. Um halb 10 Uhr zog der Lampionumzug durch die Stadt. Nach der Schlussansprache wurden die Mädchen und die jungen Buben in die wohlverdienten Ferien entlassen. Die Kadetten aber mussten am Freitag die Gewehre reinigen und ausnahmsweise am Montag das Abkränzen übernehmen um die Stadtkasse zu schonen.

*Titus J. Meier ist Historiker und lebt in Brugg.

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