Pizza-Tour
Trotz allem: schöner als erwartet

Unsere Erwartungen an die Tour waren hoch, aber auch unser Respekt vor den Herausforderungen: Eine rund zweimal siebenwöchige Velotour durch weitgehend unbekannte Landschaften. Das Fazit des ersten Teils ist überaus positiv.

Martin Gysi
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FT1-Regionen

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Martin Gysi

Montag, 4. Juni. Unser Unfall gegen Ende der Tour wirft einen Schatten auf die Tour, der den Gesamteindruck vielleicht etwas zu stark «verdunkelt». Betrachtet man die ganzen 49 Reisetage, wurden die Erwartungen ganz klar übererfüllt. So viel landschaftliche Schönheit, kulturelle Vielfalt, Kurzweil, menschliche Wärme und kulinarisches Niveau haben wir nicht erwartet. Dafür blieb der befürchtete «Durchhänger» völlig aus. Nie hatten wir den Eindruck, nun hätten wir «es» gesehen, nun gleiche ein Tag dem andern. Die überwiegend positiven Eindrücke trösteten nicht nur über den unerwartet kühlen Frühling hinweg, was beim Velofahren oft auch hilfreich war, sondern sie halfen auch mit, unseren Sturz zu verarbeiten. Kaum waren die Verletzungen überwunden, war auch die Lust zum Velofahren wieder da.

Es ist nicht auszuschliessen, dass wir den unfallhalber per Bahn überbrückten Landstrich zwischen Cilento und Piana di Metaponto in einem der nächsten Jahre doch noch unter die Veloräder nehmen werden. Nicht um die Lücke in der geplanten Strecke zu füllen, dafür haben wir etwas zu wenig falschen Ehrgeiz, sondern weil wir gesehen haben, dass wir da eine ausgesprochen sehenswerte Landschaft auslassen mussten.

Italien ist ein Paradies für Velofahrer

Unerwartet problemlos war die Verkehrssituation. Rund drei Viertel der Strecken waren weitgehend verkehrsfreie Nebenstrassen oder Radwege. Als angenehm empfanden wir zudem die Tatsache, dass die Velofahrer bei der Verkehrsregelung in den Städten offensichtlich «nicht mitgemeint» sind. Man kann einem Policiotto mit dem Velo in verbotener Fahrtrichtung fast über die Füsse fahren, ohne dass dieser auch nur mit der Wimper zuckt. Hässliche Überland- und Vorstadtstrecken gab es selbstverständlich auch, aber mit ein wenig Planung lassen sich viele davon umgehen.

Problemlose Unterkunftssuche

49 Reisetage bedeuten 48 Übernachtungen in 33 Hotels, Pensionen, B&B oder Agriturismo. Die Suche einer geeigneten Unterkunft erwies sich als meist sehr problemlos. Vereinfacht wurde sie natürlich dadurch, dass wir nur zu zweit und in der Vorsaison unterwegs waren. Gern noch viel öfter wären wir in einem Agriturismo abgestiegen. Diese «Ferien auf dem Bauernhof»-Betriebe schätzen wir eigentlich besonders, da sie sich meist durch ein sympathisches Ambiente und durch ein gutes Preis-Leistungsverhältnis auszeichnen. Trotzdem haben wir nur zwei solche Betriebe berücksichtigen können, da sie kaum kurzfristig online buchbar sind, meist mindestens einwöchige Aufenthalte bevorzugen und naturgemäss nicht gerade im «Centro Storico» stehen.

Über das durchwegs gute Essen haben wir an dieser Stelle schon berichtet. Heute nur so viel: Wir vermissen bis dato weder Aromat noch Cervelatsalat, Schnipo, Bratwurst oder «Ghackets mit Hörnli». Das Einzige, das wir wirklich vermissen, sind die Erdbeeren vom Loorhof.

En wenig Statistik

Gemäss GPS haben wir insgesamt 2246 km zurückgelegt, gut 66 km pro Velotag. Wir haben zudem 15‘568 Höhenmeter bewältigt, immerhin 458 pro Tag im Sattel - oder insgesamt fast zweimal den Mount Everest vom Meeresspiegel aus. Man sieht schon daran, dass Italien nicht ganz so flach ist, wie viele Leute meinen. Schon nach wenigen Tagesetappen machte sich jedoch ein erfreulicher Trainingseffekt bemerkbar. Er zeigte sich darin, dass die Herzfrequenz bei einer Steigung immer weniger nach oben kletterte und jeweils schnell wieder zurückging. Dies hat den angenehmen Nebeneffekt, dass man die Schönheiten der Landschaft auch in Steigungen viel ungehinderter geniessen kann.

Wie geht es weiter?

Nun sind wir gespannt, ob wir die Rückfahrt Mitte August bis Ende September anders erleben werden als die Hinfahrt im Frühling. Bezüglich Höhenmeter wird sie noch etwas anspruchsvoller sein. Vorsichtshalber beginnen wir bereits am Mittwoch wieder mit einem leichten «Formkonservierungstraining».

Damit wir bis zum Beginn der Rückfahrt nicht ganz in Vergessenheit geraten, werden wir auch diesen Blog weiterpflegen - allerdings sicher nicht mehr täglich. Besten Dank an alle Blog-Leserinnen und Leser, die unsere Reise bisher mit verfolgt haben. Speziellen Dank aber an alle Kommentar-Schreiberinnen und Schreiber, die uns eindrücklich bewiesen haben, dass wir in der Heimat nicht ganz vergessen worden sind.