Roadtrip-Serie (2)

Traum erfüllt: Mark Balsiger ist bis ans Nordkap geradelt

Mark Balsiger betreibt eine Kommunikationsagentur. Irgendwann merkte der 50-Jährige aus Windisch, dass er einen Rhythmuswechsel braucht. Also sass er aufs Velo und fuhr ans Nordkap.

Während 20 Jahren stand sie weit oben auf Mark Balsigers Wunschliste: eine Velotour ans Nordkap. Letzten Sommer war es für den gebürtigen Windischer dann so weit: Anfang Juni pedalte er von Bern aus los, insgesamt 5500 Kilometer nordwärts. «Mein postgelbes Velo ist übrigens eine Einzelanfertigung, es hat sich bewährt», sagt der 50-Jährige. Balsiger betreibt seit 2002 eine Kommunikationsagentur und fand es an der Zeit, einmal in einen anderen Rhythmus zu wechseln. «Diese Reise war ein Geschenk für mich selber.» Ein Jahr vor dem Start nahm er keine neuen Mandate mehr an, ein paar bestehende habe er auslaufen lassen, erklärt er im Gespräch. Velotouren machte er schon früher, im Ausland und in der Schweiz, aber nie länger als zwei Wochen aneinander.

Speziell trainiert hat er für das Nordkap-Abenteuer nicht. Der Politologe, der seit 2012 auf «Tele M1» die kantonalen und eidgenössischen Wahlen kommentiert, glaubt an seine Grundkondition. Seit vielen Jahren schwimmt er fünfmal pro Woche im Hallenbad und ist zudem regelmässig in den Bergen unterwegs. Den ersten Härtetest musste Balsiger bereits am zweiten Tag meistern: den Passwang. Die Steigung betrug bis zu 13 Prozent, eineinhalb Stunden lang schob er sein Gefährt, keuchte und schwitzte. Er bekam starke Schmerzen am rechten Knie, das ihn seit Jahren immer wieder plagt. Balsiger biss durch und reduzierte beim letzten Stopp in der Schweiz sein Gepäck. An jenem Tag habe er ernsthaft ans Aufhören gedacht, danach aber nie mehr.

Gesellschaft am Abend geschätzt

Mindestens so wichtig wie die Ausrüstung für diesen Roadtrip war für Balsiger die mentale Verfassung. «Für solche Distanzen muss es im Kopf stimmen.» Sein Ziel war es nicht, das Nordkap möglichst schnell zu erreichen, sondern die Natur zu er-fahren, auf den Bindestrich, der dieses Wort trennt, legt er wert. «Velofahren bedeutet für mich Freiheit», sagt der Aargauer. Die frische Luft in den Lungen, der Flow beim Fahren, die sanft vorbeiziehende Landschaften und dabei den eigenen Körper zu spüren – das war der Mix, der bei Balsiger immer wieder Glückshormone ausschüttete.

Die Route durch Deutschland, die Niederlande und Skandinavien richtete er nach den Leuten aus, die er während der letzten 25 Jahre auf Reisen kennen gelernt hatte. Balsiger ist dankbar, dass er so 40 Nächte bei Bekannten und Freunden unterkam, wo er nicht nur duschen, die Kleider waschen sowie Geschäftsmails beantworten, sondern nach dem Znacht auch einen kurzweiligen Abend verbringen konnte. «Tagsüber war ich alleine unterwegs. Abends hingegen schätzte ich die geselligen Runden sehr.»

In guter Erinnerung ist Balsiger der 1. August 2016: Er verbrachte ihn in Schweden im Sommerhäuschen des bekannten Politologen Claude Longchamp und dessen Partnerin. Sie hätten in intensiven Gesprächen die Schweiz neu zusammengesetzt – «sie war schliesslich besser», schiebt Balsiger mit einem Augenzwinkern nach.

Je weiter nördlich er kam, desto faszinierender empfand Balsiger die Landschaft. Am liebsten war er auf gut befestigten Natursträsschen unterwegs. Der Kommunikationsprofi verliess sich bei der Routenwahl meistens auf die Vorschläge der App Komoot, die spezifisch für Radtouren entwickelt worden war. So auch, als er in Norwegen den Forollhogna-Nationalpark, der so gross ist wie der Kanton Thurgau, durchqueren wollte. Was dann mit Balsiger passierte, hat er wie ein Thriller in seinem persönlichen Blog festgehalten. Das Fahren war bald einmal nicht mehr möglich, er musste sein Gefährt schieben: Geröll, Bäche, Regen und die Kälte brachten ihn an den Rand seiner Kräfte. Balsiger spielte mit dem Gedanken, den nächsten Moment «mit Netz» abzuwarten und eine Notnummer zu wählen.

«Am Ziel hatte ich noch nicht genug»

Am 31. August erreichte der Aargauer an einem sonnigen Morgen das Nordkap. Zu seiner Überraschung traf er lediglich auf eine Handvoll andere Touristen und genoss die Stille. Am Mittag spuckten dann sechs Busse eine grosse Zahl Menschen aus, um die Mystik dieses Ortes war es geschehen. Balsiger schwang sich aufs Rad und liess den Lärm hinter sich.

Dieser Roadtrip habe ihn innerlich ruhiger gemacht, stellt er rückblickend fest. Die Natur habe ihn Demut gelehrt. Insgesamt verbrachte Balsiger 72 Tage im Sattel. «Als ich am Ziel war, hatte ich noch nicht genug. Hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre ich auf einer anderen Route wieder in die Schweiz geradelt.» Aber ab Mitte September waren berufliche Termine vereinbart, also er musste zurückfliegen.

Bis zum nächsten grossen Abenteuer mit dem Velo will Mark Balsiger nicht wieder 20 Jahre warten, «meine Wunschliste ist noch lang». So tüftelt er an einer Route in Chile herum – von Santiago nach Patagonien. Und schliesslich kreist da noch ein weiterer Gedanke in seinem Kopf: «Von der Schweiz aus in die iranische Hauptstadt Teheran über die historisch bedeutenden Städte Venedig, Sarajevo, Athen, Istanbul sowie, als Zückerchen, Baku.» Zu dieser Velotour würde er aber nur zu zweit oder zu viert aufbrechen.

Auch Etappen, die auf mehrere Jahre verteilt werden, wären für ihn eine Option. So wie das viele Wanderer mit dem Pilgerweg nach Compostela machen. Die Tour nach Teheran wäre kulturell spannender als diejenige ans Nordkap, ist er überzeugt. Er nimmt die Herausforderung an und sucht nun Gleichgesinnte.

Hier geht es zum Blog von Mark Balsiger.

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