Veltheim/Bözberg
«Too Good To Go»: Diese Bäckereien kämpfen gegen Foodwaste

Die Bäckerei-Confiserie Richner in Veltheim und der Bözberg Beck sagen, wie sie dank einer App weniger Ware entsorgen müssen.

Janine Müller
Merken
Drucken
Teilen
Die Bewegung «Too Good To Go» setzt sich in der Schweiz seit 2016 dafür ein, dass Lebensmittel gerettet werden.

Die Bewegung «Too Good To Go» setzt sich in der Schweiz seit 2016 dafür ein, dass Lebensmittel gerettet werden.

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Die Bewegung «Too Good To Go» setzt sich in der Schweiz seit 2016 dafür ein, dass Lebensmittel gerettet werden. Das Konzept: Mittels einer kostenlosen App für das Smartphone können Konsumenten bei Betrieben Essen, das sonst weggeschmissen würde, reservieren und später kurz vor Betriebsschluss abholen. Im Bezirk Brugg sind es erst zwei Bäckereien, die bei «Too Good To Go» mitmachen: die Bäckerei-Confiserie Richner in Veltheim und der Bözberg Beck. Um es vorwegzunehmen: Beide machen gute Erfahrungen mit dem App-System und beide Betriebe freuen sich, dass sie so Foodwaste entgegenwirken können.

Yves Bottlang vom Bözberg Beck sagt: «Wir hatten es am Anfang der Selbstständigkeit nicht gut im Griff, wie viel und was wir produzieren sollten. Deswegen haben wir sehr viel verschenkt in der Verwandtschaft, selbst gegessen oder dann doch entsorgt.» Er habe dann nach einer Möglichkeit gesucht, dies zu verhindern, «da es nicht wirklich möglich war, weniger zu produzieren». Denn jeder Tag sei anders.

Für beide Seiten ein Gewinn

Und so hat er Kontakt aufgenommen mit verschiedenen Organisationen, die etwas gegen Lebensmittelverschwendung unternehmen. «Ich wurde aber überall abgelehnt, weil schon Grossverteiler Ware liefern.» Bei seiner Suche nach einer Alternative stiess Bottlang auf «Too Good To Go». Das war im Oktober 2016. Damit gehörte der Bözberg Beck zu den ersten Teilnehmern beim App-Anbieter in der Schweiz.

Screenshot der App mit dem Angebot.

Screenshot der App mit dem Angebot.

Das Angebot werde inzwischen etwa drei- bis fünfmal pro Woche genutzt, zu Beginn waren es nur vier- bis achtmal im Monat. «Ich finde die App und das Prinzip dahinter sehr gut und höre von den App-Kunden auch nichts Negatives», sagt Yves Bottlang. «Aus meiner Sicht ist es für beide Seite einen Gewinn.» Er fände es ein tolles Angebot, obwohl er dabei nichts verdient. «Es ist mir immer noch lieber, als die Ware wegzuwerfen.» Beim Bözberg Beck können die Kunden via App eine Box für etwa Fr. 4.90 kaufen.

Davon überweise «Too Good To Go» den grössten Teil auf das Konto der Bäckerei. Der Kunde wiederum kann dann beim Bäcker für etwa 15 Franken Ware aussuchen. Das Angebot variiert. In der Box sind Waren, die am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden können, beispielsweise Birchermüesli, Backwaren, Nuss- oder Mandelgipfel.

Yves Bottlang meint aber auch, dass auch die Kunden etwas gegen Foodwaste tun können. «Mittlerweile produzieren wir nicht mehr so viel Überschuss, jedoch gibt es Kunden, die nicht verstehen, dass man nicht jeden Tag bis zu Ladenschluss das komplette Sortiment anbieten kann.»

Keine zusätzlichen Kosten

Erst seit Kurzem macht auch die Bäckerei-Confiserie Richner bei «Too good to go» mit. «Uns wurde die App an einer Fachmesse im März vorgestellt und wir fanden das eine gute Sache», sagt Andi Lüscher, Leiter Confiserie und Mitglied der Geschäftsleitung sowie des Verwaltungsrats. Seit Ende März 2019 ist die Bäckerei auf der App zu finden. «Nach einer solchen Möglichkeit haben wir uns schon seit einiger Zeit umgesehen.»

Bei anderen gemeinnützigen Organisationen sei das Problem, dass diese die Ware zwar gratis abholen, dafür müsse alles einzeln verpackt und deklariert werden. Der Aufwand wäre so schlicht zu gross. Ein Vorteil der App sei, dass keine zusätzlichen Kosten für Verpackungsmaterial anfallen und die Deklaration wie gewöhnlich im Laden mündlich erfolgen kann.

Die Erfahrungen mit der App seien bisher positiv ausgefallen. «Die Kunden sind sehr zufrieden, dass es das Angebot gibt und auch die zusammengestellten Produkte gefallen ihnen gut», sagt Lüscher. «Für uns ist es eine gute Verwertung der unvermeidbaren Resten. Denn der Kompromiss zwischen kein Foodwaste und Auswahl bis zum Abend ist immer eine Gratwanderung.» In der angebotenen Box können alle Bäckerei-Konditorei-Confiserie-Produkte enthalten sein.

Wie auch beim Bözberg Beck sind es vor allem Produkte, die nur an einem Tag verkauft werden können, darunter Brot und Desserts, oder dann Ware kurz vor Ablaufdatum. «Es ist also jeden Tag ein bisschen anders», stellt Lüscher klar. Zurzeit werde das Angebot zwischen drei- bis fünfmal pro Woche genutzt.

Das Konzept

Das Unternehmen «Too Good To Go» hat eine kostenlose App entwickelt, um Foodwaste entgegenzuwirken. Vor Betriebsschluss kann man bei den teilnehmenden Unternehmen zu reduziertem Preis Essen abholen, das sonst weggeschmissen werden würde. Über die App können Restaurants, Bäckereien, Cafés, Hotels und Supermärkte ihr überschüssiges Essen zu einem vergünstigten Preis anbieten. Die Konsumenten bestellen und bezahlen über die App und brauchen ihre Portion dann nur im angegebenen Zeitfenster im Laden abzuholen. Im Raum Brugg-Baden machen folgende Unternehmen mit: Bözberg Beck, Bäckerei-Confiserie Richner, Caffè Spettacolo (Baden), Casanova (Baden), Dunkin’Donuts (Spreitenbach) und Kneuss GüggeliShop (Mägenwil). (jam)

Die Bäckerei-Confiserie Richner versucht auch sonst, Foodwaste zu vermeiden. «Wir planen die Produktionsmengen möglichst genau nach Erfahrungswerten, Wetterprognose oder Ferienzeit», erklärt Lüscher. «Bei verschiedenen Produkten backen wir morgens einen Stock und produzieren dann im Laufe des Tages noch einmal, je nach Verkauf.» Beim Brot könne man das mit dem Backen des Feierabendbrots am Nachmittag gut steuern. Die unverkauften Waren werden auch den Mitarbeitenden zur Verfügung gestellt, beispielsweise in der Pause am nächsten Tag.

Zudem ist die Vältner Bäckerei seit Anfang Jahr in einer Erfahrungsaustauschgruppe dabei. Diese setzt sich aus rund zehn Betrieben aus der Bäckerei-Confiserie-Branche zusammen. «Da können dann auch Möglichkeiten und Erfahrungen anderer Betriebe zusammen diskutiert und getestet werden», so Lüscher.