Haus Eigenamt Lupfig

Töchter kritisieren Demenzstation – dann muss die Mutter die Institution verlassen

Die Demenzabteilung im Haus Eigenamt in Lupfig befindet sich im ersten Stock.

Die Demenzabteilung im Haus Eigenamt in Lupfig befindet sich im ersten Stock.

Angehörige einer demenzkranken Frau machen die Geschäftsleitung des Pflegeheims auf Probleme in der Demenzabteilung aufmerksam – doch statt auf die Kritik der beiden Töchter einzugehen, werden diese aufgefordert, ihre Mutter neu zu platzieren.

«Sie haben das Recht, sich bei der Geschäftsleitung und bei den übergeordneten Instanzen zu beschweren, ohne Repressalien befürchten zu müssen.» Dieser Satz stammt aus dem Dokument über die Rechte der Bewohner im Haus Eigenamt.

Eine völlig andere Erfahrung machten vor wenigen Wochen Carmen Keller und ihre Schwester, deren Mutter Lydia Widmer (beide Namen geändert) im Lupfiger Pflegeheim lebte.

Die Angehörigen machten die Geschäftsleitung, den Vereinsvorstand, den Kanton sowie die Ombudsstelle wiederholt auf Probleme in der Demenzabteilung «Schwalbennest» aufmerksam, bis es Geschäftsführer Hanspeter Müller zu viel wurde.

Am 2. Juni schreibt er den Angehörigen in einem E-Mail, das der az vorliegt: «Vertrauen funktioniert nur gegenseitig und da dies von Ihrer Seite nicht gegeben ist, sind wir uns bewusst, dass Sie Ihre Mutter nicht mehr bei uns in Obhut geben können, und darum möchten wir Sie bitten, für sie ein neues und vertrauensvolleres Heim zu suchen.»

Neuer Leiter ging schnell wieder

Carmen Keller und ihre Schwester beanstandeten unter anderem die knappen personellen Ressourcen, mangelnde Aktivierung für die Bewohner, wochenlang keine Spaziergänge für einige Bewohner sowie verpasste Mahlzeiten, wenn man am Mittag schläft.

Lydia Widmer wog beim Heimeintritt 50 kg, letzten Sommer waren es 53 kg und im Juni dieses Jahres noch 38 kg. Da die Geschwister von anderen unzufriedenen Angehörigen wussten, wollten sie bei Gesprächen weitere Angehörigen dabei haben, was vom Haus Eigenamt allerdings abgelehnt wurde.

Lange wurde ein neuer Leiter für die Demenzabteilung gesucht, nachdem die frühere Leiterin vor über einem Jahr freigestellt wurde. Das «Schwalbennest» in Lupfig kann bis zu 20 Bewohner beherbergen. Aktuell sind es 18.

Kaum hatte der neue Leiter jedoch seine Stelle angetreten, verliess er das Haus Eigenamt aus nicht bekannten Gründen wieder. Interimistisch ist die Stationsleiterin Geriatrie vom 2. Stock derzeit auch für das «Schwalbennest» im 1. Stock verantwortlich.

Lydia Widmers Töchter stellten im Pflegeheim einen grossen Spardruck fest. Eine gute Auslastung der Demenzabteilung ist für das Pflegeheim finanziell interessant, weil diesen Bewohnern ein Demenzzuschlag von 20 Franken pro Tag verrechnet werden kann.

Ausserdem versuchte das Pflegeheim, den Bewohnern 50 Franken pro Monat für den Gebrauch der Klingelmatte, die beim Betreten Alarm auslöst, in Rechnung zu stellen.

«Diesen Versuch gab es tatsächlich, weil andere Institutionen dies auch verrechnen und es keine eindeutige Aussage gibt, dass die Klingelmatten zur Grundtaxe gehören. Reklamationen sind ernst zu nehmen. Wir haben dies getan und von einer Verrechnung abgesehen», sagt Geschäftsführer Hanspeter Müller auf Anfrage.

Geschäftsführer rechtfertigt sich

Carmen Keller und ihre Schwester fragten sich wiederholt, ob sie nicht seit eineinhalb Jahren für Leistungen für ihre Mutter bezahlten, die diese im Haus Eigenamt gar nicht mehr erhalten hatte.

Die Tochter beschreibt, wie sie den Rollstuhl ihrer Mutter eines Tages voller Kartoffeln und Spinat vorfand. «Ich mache dem Pflegepersonal keinen Vorwurf. Ich weiss, was es heisst, zu zweit für 16 demenzkranke Bewohner verantwortlich zu sein», so Carmen Keller.

Sie beobachtete weiter, wie niemand Zeit hatte, einer Bewohnerin beim Essen zu helfen, obwohl diese es alleine nicht mehr schaffte.

Geschäftsführer Hanspeter Müller weist die angesprochenen Kritikpunkte zurück. Gemäss Stellenplan des Kantons stehe genügend Personal für die Demenzabteilung zur Verfügung.

Konkret heisst das: 7 Diplomierte teilen sich 5,6 Stellen, 13 Hilfskräfte decken 7,95 Stellen ab, 1 Diplomierte arbeitet im Nachtdienst und 1 bis 2 Lernende stehen im Tagdienst im Einsatz.

Nach der ersten Anfrage der az wurden per sofort drei Personen temporär angestellt. Das habe mit der Ferienzeit zu tun, sagt Müller auf Nachfrage.

Lücke im Pflegebericht

Der Geschäftsführer beteuert, dass die Angestellten mit den Bewohnern in den Garten oder spazieren gehen. Auch Aktivierungen fänden nach Programm und je nach körperlicher Verfassung der Bewohner statt.

«Bei uns stehen die körperlichen Bedürfnisse der Bewohner im Mittelpunkt und wenn jemand länger schlafen möchte, ist das sein Recht», betont Müller. Verpasste Mahlzeiten würden «selbstverständlich individuell nachgereicht». Beim Essen helfe ausgebildetes Personal.

Das Haus Eigenamt inklusive der Demenzabteilung wurde im vergangenen September einem Audit durch den Kanton unterzogen. Das Resultat war laut Heim «sehr gut».

«Die wenigen daraus folgenden Auflagen sind vom Haus Eigenamt zeitgerecht bearbeitet worden», sagt Sprecherin Daniela Diener vom kantonalen Departement Gesundheit und Soziales (DGS).

Mutter Lydia Widmer wurde von den Töchtern nach Empfang des E-Mails bei zwei anderen Heimen auf die Warteliste gesetzt. Zügeln musste sie nicht, weil sie Mitte Juni verstarb. Keller verlangte vom Haus Eigenamt den Pflegebericht.

Wie sich nach intensiver Suche zeigte, ist dieser nur lückenhaft vorhanden. Der Heimarzt und der Kanton wurden vom Haus Eigenamt umgehend über diesen Mangel informiert.

«Die notwendigen Massnahmen wurden definiert und seitens Haus Eigenamt bereits eingeleitet», sagt DGS-Sprecherin Diener.

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