Bezirksgericht Brugg
Tödlicher Unfall in Aargauer Steinbruch: War das Unglück vermeidbar?

Tragödie in einem Aargauer Steinbruch im 2011: Niemand sieht, wie der Maschinenwart von einem Förderband getötet wird. Die Kinder kämpften für eine genaue Untersuchung. Nun stand der Steinbruch-Sicherheitschef vor dem Bezirksgericht.

Aline Wüst
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Am 7. Februar 2011 machte der Maschinenwart einen Kontrollgang durch den Steinbruch. Aus bis heute unbekannten Gründen wurde der 59-Jährige von einem Förderband erfasst. (Symbolbild)

Am 7. Februar 2011 machte der Maschinenwart einen Kontrollgang durch den Steinbruch. Aus bis heute unbekannten Gründen wurde der 59-Jährige von einem Förderband erfasst. (Symbolbild)

Zur Verfügung gestellt

Mehr als 30 Jahre arbeitete er als Maschinenwart in einem Aargauer Steinbruch. «Er liebte seine Arbeit», sagt seine Tochter und er habe sich auf die Pensionierung gefreut. Es kam anders. Am 7. Februar 2011 machte ihr Vater seinen täglichen Kontrollgang durch den Steinbruch.

Aus bis heute unbekannten Gründen wurde der 59-Jährige von einem Förderband erfasst. Er konnte seinen Kopf mit einem Handschuh vor dem Einzug schützen, seinen Arm aber zog es bis zur Schulter hinein. Er wurde zwischen Förderband und Walze erdrückt. Niemand war da, keiner sah den Unfall.

Erst um 15.37 Uhr wurde der Maschinenwart von einem Arbeitskollegen gefunden. Er war tot.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte, stellte das Verfahren aber kurz darauf wieder ein. Die Kinder des Verstorbenen erzählen draussen auf dem Flur des Bezirksgerichts Brugg, dass es sich für sie so anfühlte, als werde von der Staatsanwaltschaft bloss formhalber ein Rapport ausgefüllt. Fazit: «Selber schuld.» Deshalb forderten sie eine genaue Untersuchung des Todes ihres Vaters. «Das sind wir ihm schuldig», sagt seine Tochter. Sie erkämpften die Wiederaufnahme des Verfahrens.

Auf der Anklagebank sass der Sicherheitsverantwortliche der Firma. Die Staatsanwaltschaft warf ihm fahrlässige Tötung vor. Grund war eine Empfehlung der Suva aus dem Jahr 2009. Darin stand, dass beim Förderband die seitlichen Schutzabdeckungen fehlen und ergänzt werden müssten. Die Staatsanwaltschaft hält fest, dass der Sicherheitsverantwortliche die Pflicht gehabt hätte, Massnahmen zu treffen, damit es nicht zu einem solchen Unfall hätte kommen können.

«Es tut mir unendlich leid»

Gerichtspräsidentin Franziska Roth wollte vom Sicherheitsverantwortlichen wissen, warum die Schutzabdeckungen nicht bis zum Boden gingen. Der 35-jährige Angeklagte erklärte, dass dies aus betrieblicher Sicht nicht möglich sei. «Vor allem im Winter muss fast täglich das feuchte heruntergefallene Material des Steinbruchs unter dem Förderband hervorgeholt werden.»

In einem Gremium habe man deshalb beschlossen, das Förderband nicht bis unten zu schliessen, um die Reinigung zu ermöglichen. Es gebe allerdings die strikte Regel, dass nie allein geputzt werden darf und die Maschine bei der Reinigung immer abgeschaltete werden muss. «Ich kann mir nicht erklären, wie es so weit kommen konnte», sagt er.

Warum der erfahrene Arbeiter in die Maschine geriet, dafür hat sein Sohn eine Erklärung: «Unser Vater wollte nicht die ganze Fabrik stilllegen, um schnell etwas Schutt unter der Maschine hervorzuputzen. Also tat er es, als die Maschine lief.»

Für den Verteidiger des Sicherheitsverantwortlichen blieb einzig das Fazit: «So bedauerlich dieser Tod ist, der Maschinenwart hat ihn selber verschuldet.»

Es war eine emotionale Gerichtsverhandlung. Vor allem als der Sicherheitsverantwortliche den Kindern des Verstorbenen sein Beileid aussprach. Es sei ein Albtraum, was passiert sei und es sei das Schlimmste, was einer Familie geschehen könne. Es tue ihm unendlich leid, nicht nur als Sicherheitsverantwortlicher, sondern auch als Familienvater. Es kam ein von Tränen ersticktes «Danke» zurück. Die Familie des Verstorbenen sagte in der Verhandlungspause, dass sie Mitleid habe mit dem Angeklagten. Ihnen gehe es nicht um eine Bestrafung, sondern darum, den Tod ihres Vaters untersuchen zu lassen.

Die Spannung fiel vom Angeklagten ab, als das Gericht ihn freisprach – er stand da und weinte stumm.

Das Gericht drückte in der Urteilsverkündung nochmals seine Anteilnahme über den tragischen Tod aus. «Aus rechtlicher Sicht ist in diesem Fall aber einzig ein Freispruch möglich.»