Bezirksgericht Brugg

Tod in der Badewanne: War es ein Unfall oder ein Suizid?

Freispruch für 28-jährige Psychiatrie-Pflegerin

Freispruch für 29-jährige Psychiatrie-Pflegerin

Eine Psychiatrie-Pflegerin steht vor Gericht, weil eine Patientin ertrunken ist. Hätte die Pflegerin den Tod verhindern können? War es ein Suizid oder doch ein Unfall? Diese Frage konnte auch das Gericht nicht klären.

Als die Pflegerin an jenem Abend im Dezember 2016 zum zweiten Mal nach ihrer Patientin sehen will, liegt diese leblos in der Badewanne. Die Pflegerin ruft sofort um Hilfe, zieht die Frau mit einem Kollegen aus dem Wasser, um sie wiederzubeleben. Aber die Patientin ist schon tot. Sie ist in der Badewanne auf einer Station der Psychiatrischen Klinik Königsfelden ertrunken.

Am Dienstag musste sich die Pflegefachfrau vor dem Bezirksgericht Brugg verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat die 28-Jährige wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Eine solche Gerichtsverhandlung ist für niemanden einfach. Weder für den Sohn und den Ehemann der verstorbenen Patientin, noch für die Pflegerin. Als der Anwalt der Angehörigen in seinem Plädoyer sagt, seine Mandanten würden keinen Groll gegen die Beschuldigte hegen, sie könnten sich vorstellen, dass es schwer für sie sei, kommen ihr die Tränen.

Als sie sich für das letzte Wort zu den zwei Männern umdreht, ihnen sagt, sie habe nie die Möglichkeit gehabt, ihr Beileid auszusprechen, haben auch die beiden Männer Tränen in den Augen. Die Frau versichert ihnen, sie habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, es habe keine Anhaltspunkte gegeben, dass sich ihre Patientin habe das Leben nehmen wollen.

Dennoch muss das Gericht ein Urteil fällen. Die Staatsanwaltschaft findet, die Beschuldigte habe ihre Sorgfaltspflicht verletzt, indem sie der Patientin erlaubt habe, unbeaufsichtigt ein Bad zu nehmen. In der Anklageschrift heisst es, die Pflegerin hätte den Ertrinkungstod der Frau «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» vermeiden können, wenn sie das Bad verwehrt oder zumindest dafür gesorgt hätte, dass es adäquat überwacht worden wäre.

Sie stieg immer wieder in Flüsse

Die Patientin war erst am Vortag ihres Todes freiwillig in die Psychiatrische Klinik eingetreten. Zuvor war sie im Spital, weil sie – angetrieben durch innere Stimmen und eventuell in suizidaler Absicht – schon zweimal in den Rhein gesprungen war. Auch das hätte die Pflegerin berücksichtigen müssen, argumentiert die Staatsanwaltschaft. Sie habe gewusst, dass die Patientin Stimmen hörte und ebenso, dass sie vom Wasser angezogen wurde und sich schon mehrmals in Gewässer begeben hatte. So habe die beschuldigte Pflegerin der Patientin am Tag ihres Todes nicht erlaubt, spazieren zu gehen, weil sie befürchtet habe, die Frau könnte aufgrund ihrer psychischen Krankheit in einem Fluss schwimmen gehen. Die Staatsanwaltschaft forderte eine bedingte Geldstrafe von 170 Tagessätzen und 1000 Franken Busse.

Die Gerichtspräsidentin befragte die damalige Vorgesetzte der Pflegerin. Diese führte aus, es habe in Königsfelden keine Verordnung gegeben, was die Benützung der Badewanne betrifft. Grundsätzlich dürften alle Patienten ein Bad nehmen. Nur wenn eine Person isoliert sei, könne sie nicht baden. Es würden allgemein nur jene Patienten 1:1 betreut, die akut suizidal seien.

Der Arbeitskollege, welcher der Pflegerin an jenem Abend half, die Patientin zu bergen, sagte vor Gericht, Patienten hätten freien Zugang zum Badezimmer auf der Station und würden es in der Regel dem Pflegepersonal melden, wenn sie ein Bad nehmen wollen. Die Entscheidung, ob der Patient baden dürfe, müsse die Pflegefachperson treffen. Er selber würde sich ungefähr nach zwanzig Minuten vergewissern, ob im Badezimmer alles in Ordnung sei. Es gebe aber keine Weisung.

Auch die Beschuldigte hat an jenem Abend etwa nach einer halben Stunde an die Badezimmertür geklopft. Als die Patientin sagte, es sei alles in Ordnung, ging sie wieder. Gut eine halbe Stunde später klopfte sie zum zweiten Mal. Es kam keine Reaktion.

Verteidigung zweifelt an Suizid

Was genau damals im Badezimmer vorgefallen ist, hat niemand gesehen. Der Anwalt der beschuldigten Pflegerin kritisierte in seinem Plädoyer denn auch, die Staatsanwaltschaft sei alternativen Gründen für das Ertrinken nicht nachgegangen. Aus seiner Sicht ist es genauso möglich, dass es sich um einen Unfall handelte. Als seine Mandantin die Patientin gefunden habe, sei das Wasser gelaufen. Es sei also möglich, dass die Patientin in der Wanne aufgestanden war, um Wasser einzulassen, danach stürzte, bewusstlos wurde und ertrank. Der Anwalt verwies auf das Gutachten des Rechtsmediziners. Dieser habe eine Verletzung am Jochbein festgestellt, die von einem Sturz stammen könnte. Diese These stütze der Fakt, dass die Frau keinen Schaumpilz vor dem Mund hatte. Ein solcher entstehe in der Regel bei aktivem Einatmen von Wasser, aber eher nicht bei Bewusstlosigkeit. Es sei auch möglich, dass die Patientin beim Einlaufenlassen von sehr heissem Wasser eine Kreislaufstörung erlitt. Das alles sei wahrscheinlicher als das, was die Staatsanwaltschaft seiner Mandantin vorwerfe. Der Anwalt verlangte einen Freispruch.

Gefühle spielen keine Rolle

Die Gerichtspräsidentin sagte, es sei auch für das Gericht ein emotionaler Tag gewesen. Der Fall sei kein alltäglicher. Dennoch dürfe das Gericht nicht nach Gefühl entscheiden. Es sei primär darum gegangen, ob es ein Unfall oder ein Suizid war. Aktenkundig sei, dass die Frau Stimmen hörte, die ihr sagten, ins Wasser zu gehen. Aber nicht, um sich das Leben zu nehmen, sondern um Linderung zu erfahren.

Um sich in der Badewanne zu ertränken, brauche es zudem einen starken Willen. Das Gericht gehe nicht davon aus, dass dieser Wille bei der Patientin so stark vorhanden war. Es habe deshalb «erhebliche Zweifel» an einem Suizid. Aber nicht nur deshalb spreche es die junge Frau frei. Auch wenn es sich um einen Suizid handeln würde, sei es für die Pflegerin nicht voraussehbar gewesen, dass sich die Patientin das Leben nehmen würde, weil es keine Anzeichen gab. Sie habe deshalb ihre Sorgfaltspflicht nicht verletzt.

Die junge Frau ist nach diesem Urteil erleichtert und lässt sich von ihren Freunden in den Arm nehmen.

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