Er tanzt auf vielen Hochzeiten, tritt in Erscheinung als Historiker und Bezirkslehrer, Einwohnerrat und Grossrat, FDP-Stadtpartei-Präsident und Major im Generalstab. Daneben ist er unterwegs als Familienvater mit seiner 18 Monate alten Tochter Aurelia oder als versierter Stadtführer. Kurz: Titus Meier ist engagiert und umtriebig, ehrgeizig und entschlossen, redegewandt und schlagfertig.

Böse Zungen behaupten, sein Weg als künftiger Stadtammann sei schon lange vorgezeichnet gewesen. Titus Meier muss schmunzeln. «Grundsätzlich lässt sich eine politische Karriere nie planen», stellt der 36-Jährige fest. «Am Schluss gibt es immer noch den Wähler.» Nach 12 Jahren im Brugger Einwohnerrat und nach 8 Jahren im Grossen Rat wäre der Zeitpunkt reif, ist er überzeugt, einmal eine andere Sichtweise einzunehmen. Deshalb reizt ihn das Amt an der Spitze der Stadt.

Brugg, ist im Gespräch bei einem Kaffee an diesem Morgen immer wieder zu spüren, liegt ihm am Herzen. Er sei zwar hier aufgewachsen, fühle sich als Brugger, sei aber kein Ur-Brugger, führt er aus. Seine Eltern seien einen Monat vor seiner Geburt zugezogen. Seine Mutter kam ursprünglich aus Basel, sein Vater aus Zürich. Am früheren Wohnort Untersiggenthal sei es ihnen einfach etwas zu ländlich gewesen. Der Vater, der vor sechs Jahren verstarb, arbeitete bei der BBC in Turgi.

Erste Stadtführung mit 16

Gross geworden ist Titus Meier an der Ländistrasse zwischen Vorstadt und Schachen – «ich genoss die Sicht auf Aare und Altstadt» – zusammen mit seinem jüngeren Bruder. «Im Unterschied zu mir ist er in der Öffentlichkeit allerdings nicht präsent.» Titus Meier besuchte die Schulen in Brugg, später die Kantonsschule in Baden, wo er die Matura Typus B (Latein) erlangte, und schliesslich die Universität in Zürich. Er habe wegen der guten Jobaussichten überlegt, ein Jus-Studium in Angriff zu nehmen, schliesslich aber auf sein Herz gehört und sich für das Hauptfach Geschichte entschieden. Weil die Unterrichtstätigkeit interessant und nachhaltig sei, habe er das Lehrdiplom für Maturitätsschulen erworben. «Ich gebe gerne der nächsten Generation etwas mit auf den Weg.»

Die Liebe zur Lokalgeschichte entdeckte er als 13-Jähriger, anlässlich des Jubiläums «550 Jahre Mordnacht Brugg». Vor dem Erdbeeribrunnen habe Historiker Max Banholzer aus der Chronik aus dem 16. Jahrhundert vorgelesen. «Es hat mich unheimlich fasziniert, was aus diesem grossen, alten Stadtbuch über die Vergangenheit zu erfahren ist.» Mit 16 Jahren führte Meier seine erste Stadtführung durch. Im gleichen Alter liess er sich in Brugg einbürgern, ist seither also Ortsbürger.

Politisiert worden sei er als Bezirksschüler, sagt er. In dieser Zeit sei diskutiert worden über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg – «das hat mich geprägt» – sowie über die Beziehung zwischen der Schweiz und der EU. Zu Hause seien die Themen zwar verfolgt worden, seine Eltern seien damals selber aber nicht politisch aktiv gewesen. Erst später sass seine Mutter Esther eine Weile für die FDP im Brugger Einwohnerrat.

Drei Amtsperioden wären ideal

Schon in der Kantizeit besuchte Titus Meier die Jugendsessionen in Bern. Für die Brugger Schulpflege nominiert wurde er von der FDP im Alter von 20 Jahren. Es kam zur Kampfwahl. Just während der Rekrutenschule schaffte er den Sprung in die Behörde. Er kann sich gut an die damaligen Leserbriefe erinnern. «Einige schätzten mich als zu jung ein für dieses Amt, waren im Nachhinein aber offenbar ganz zufrieden mit meiner Arbeit», sagt er und muss schmunzeln.

Ihm sei schon früh klar geworden, fährt er fort, dass jeder einen Beitrag leisten müsse an eine funktionierende Gesellschaft. «Andere jobbten in einer Bar, ich machte stattdessen Schulbesuche. Das hat mir die Augen geöffnet für das Leben. In der Schulpflege hat man es zu tun mit verschiedenen Schicksalen.»

Vier Jahre später wurde Meier, ebenfalls für die FDP, in den Einwohnerrat gewählt. Er habe bereits als Jugendlicher gespürt, wo seine politische Heimat sei, sagt er zu seiner Parteizugehörigkeit. «Die FDP lässt eine gewisse Bandbreite an unterschiedlichen Positionen zu. Ich möchte mir nicht eine bestimmte Meinung vorschreiben lassen.»

Sein Alter bietet auch jetzt wieder Gesprächsstoff im Wahlkampf um das Stadtammann-Amt. Interessant sei, gibt er zu bedenken, dass von den letzten fünf Stadtammännern deren drei bei ihrer Wahl jünger waren, als er es jetzt sei. «Das Alter alleine ist keine Qualifikation», hebt er hervor. «Die Frage ist, was man geleistet hat, welches Wissen und welche Erfahrungen man gesammelt hat.» Drei Amtsperioden wären ideal, um etwas erreichen zu können, ist sich Meier sicher.

«In der Politik brauchen gewisse Projekte einen langen Schnauf.» Sollte er gewählt werden, habe er sicher nicht vor, in diesem Amt pensioniert zu werden, macht er klar. Selbst in 12 Jahren wäre er in einem Alter, in dem er noch etwas Neues anpacken könnte. Als ausgebildeter Gymnasiallehrer und Historiker sei er gut aufgestellt. Denkbar sei auch, dass seine Frau Helena Kistler dann ihr Arbeitspensum erhöhen könnte. Sie ist Juristin mit Anwaltspatent, arbeitet derzeit als Assistenz-Staatsanwältin beim Kanton.

Die Familie wohnt im sogenannten Papageienblock an der Promenade. Mit Auskünften zum Privatleben ist Meier zurückhaltend. Es sei enorm schön, seine Tochter aufwachsen zu sehen, mitzuerleben, wie sie die Welt entdecke, sagt er. Im Haushalt bestehe eine gewisse Aufgabenteilung, ergänzt er auf Nachfrage. Er wasche und wechsle auch Windeln, aber: «Meine Frau kocht sicher häufiger als ich – und besser.»

Grossrat möchte er bleiben

Wo findet er einen Ausgleich? Momentan komme der Sport – Stichwort Joggen – zu kurz, räumt er ein. Auch das Karate-Training ruhe aus Termingründen. Aber: «Alles, was ich mache, mache ich gerne», hält er fest. «Es ist kein Müssen.» Er erforsche gerne historische Themen, schreibe darüber. Das biete immer auch Gelegenheit, eine andere Position einzunehmen. Sich mit der Geschichte zu beschäftigen bedeutet nicht, am Bestehenden festzuhalten, fügt er an. «Es zeigt vielmehr, dass es Veränderungen gibt. Die Frage ist, wie man mit diesen umgeht, damit man von der Entwicklung nicht überrollt wird.»

Würde er als Stadtammann gewählt, müsste er all seine Tätigkeiten und Mitgliedschaften überprüfen. Um den 100-Jahr-Rückblick zum Rutenzug, sagt er, will er sich weiterhin kümmern. Ausüben möchte er künftig ebenfalls seine Funktion im Militär sowie seine Grossratstätigkeit. Es sei ein Vorteil, wenn ein Gemeinde- oder Stadtammann Einblick in die Dossiers habe und im Kantonsparlament auf die Entscheide Einfluss nehmen könne.

Egal, wer am 24. September gewählt wird: Zwar sei Brugg attraktiv und verfüge über gute Voraussetzungen. Aber es seien nicht einfache Zeiten, die auf die Stadt zukommen, sagt Meier und erwähnt als Beispiel die Einkaufsgeschäfte, die durch die Digitalisierung mit Umsatzeinbussen zu kämpfen haben und mehr und mehr aus dem Zentrum verdrängt werden. «Wir müssen verhindern, dass wir zu einer Schlafgemeinde werden.»

Wichtig sei, die eigene Position immer wieder zu hinterfragen, Neues zu ermöglichen, unter die Leute zu gehen, die Bedürfnisse abzuklären und verschiedene Meinungen abzuholen. «Im politischen Betrieb fehlt häufig die Zeit für die Reflexion, Entscheide werden im stillen Kämmerlein gefällt. Wir müssen uns bei gewissen Problemen in grösserer Runde überlegen, wie wir mit ihnen umgehen wollen.»