Ins Fitnessstudio gehe ich am Feierabend sicher nicht mehr», sagt Okechukwu «Tito» Onwumelu (42) lachend. Schwungvoll rollt er Reifen um Reifen durch den schmalen Gang in seinem Pneulager. Hier in Suhr AG stapeln sich meterhohe Reifenberge aller Zoll-Grössen und warten auf den Export nach Afrika. «Viele Pneus, die hier weggeworfen werden oder nicht mehr brauchbar sind, können in Afrika noch gut verwendet werden», erklärt der Nigerianer. «Mindestens 2 Millimeter Profil müssen noch da sein. Profil-Kontrollen wie in der Schweiz gibt es kaum – die Menschen in Afrika haben andere Sorgen», sagt er und lächelt.

Und so fährt Onwumelu täglich von Garage zu Garage und holt gebrauchte Pneus ab. «Die guten Reifen behalte ich, die schlechten entsorge ich für ein geringes Entgelt fachgerecht.» Mit seinem Reifen-Recycling ist allen gedient: «In den Garagen und Pneuhäusern sind sie die alten Reifen los – und in Nigeria sind die Leute froh um preisgünstige Pneus. Meine Pneus erhalten sozusagen ein zweites Leben», sagt «Tito». Ob Sommer- oder Winter-Reifen, das spielt keine Rolle: «Winter-Pneus rollen auch in Afrika.» Begehrt sind 15- bis 22-Zoll-Reifen – in ganz Afrika gibt es wegen der schlechten Strassen viele Klein-Busse und Jeeps. «Bei uns werden die Pneus gebraucht, bis sie wirklich kaputt sind.»

«Meine Lieblingsmarke ist Michelin, auch Continental ist robust und stark – dann kommen Bridgestone, Dunlop, Fulda, Goodyear, Pirelli und Yokohama», meint der nigerianische Pneu-Profi aus Windisch fachmännisch. Weniger gut schneiden bei «Tito» chinesische Billig-Pneus ab: «Da stimmt die Qualität oft nicht.» Damit sich der Reifen-Export aber lohnt, muss extrem platzsparend verschifft werden. «Einen Container zu füllen nur mit alten Pneus würde sich nicht lohnen.» Daher werden fünf bis sechs Reifen verschiedener Grössen ineinander gedrückt und dann in einem Export-Bus verstaut. «In einem Ford Transit, VW LT oder einem Toyota Hiace haben bis zu 200 solcher Reifen-Kränze Platz.» Andere Exil-Nigerianer verschiffen diese Autos ab Belgien – so kommt die Pneu-Fracht nach Nigeria, wo sie ein Pneuhändler in Empfang nimmt.

Okechukwu Onwumelu alias «Tito» kam 1999 als Asylbewerber in die Schweiz. An der University of Calabar studierte er Journalismus und Filmwissenschaften. «In einer politischen Studentengruppe kritisierten wir das korrupte System der damaligen Militärregierung.» Einige Studenten wurden verhaftet, da beschloss Okechukwu die Flucht nach Europa. In der Schweiz beantragte er Asyl, arbeitete zunächst auf dem Bau. «Ich verlegte viele Jahre Betonböden und asphaltierte Autobahnen», erzählt der Nigerianer. «Wegen Rückproblemen suchte ich dann eine leichtere Arbeit.» Ein Kollege brachte ihn auf die Idee mit dem Pneu-Handel. Seither klappert er spontan oder angemeldet Garagen und Reifen-Services in der ganzen Schweiz ab – immer auf der Suche nach verwertbaren Pneus. Zusätzlich ist er mit einem 30-Prozent-Pensum als Allround-Reiniger tätig: «Von 4.30 Uhr bis 7.00 Uhr schrubbe ich täglich die Campus-Sporthalle der Fachhochschule Brugg-Windisch. Boden, Büros, Krafträume und Toiletten – alles muss blitzblank sauber sein.»

Kürzlich hat Okechukwu den Schweizerpass beantragt. Mit seiner ungarischen Frau Gyongyi, die als Einsatzleiterin bei einer grossen Reinigungsfirma tätig ist, und der gemeinsamen Tochter Olivia (7) lebt er in Windisch. «In meiner Freizeit spiele ich Fussball oder lese Krimis und Romane auf Deutsch und Englisch. Gerade lerne ich Inline-Skaten mit meiner Tochter.» Am Anfang sei es nicht einfach gewesen in der Schweiz, erzählt Onwumelu. «Es gibt sehr grosse Unterschiede zwischen den Kontinenten. Die Sitten und der Umgang mit den Leuten sind total anders. In Afrika sind die Leute offener, in der Schweiz am Anfang eher zurückhaltend. Aber wenn man sie besser kennt, sind sie sehr nett. Ich fühle mich wohl hier.» Neu war für «Tito» auch der Schnee. «Ich kannte das nur aus dem TV. Als ich es zum ersten Mal schneien sah, schaute ich den ganzen Tag lang fasziniert aus dem Fenster.»

In Zürich besucht der bekennende Christ regelmässig die Gottesdienste der Adventisten-Gemeinde. «Es ist mir wichtig, ehrlich, korrekt und gut zu leben. Man muss positiv durchs Leben gehen.» Umso mehr ärgert sich Onwumelu über die vielen schwarzafrikanischen Drogenhändler in der Schweiz: «Es gibt wirklich zu viele schwarze Dealer. Sie geben uns Afrikanern alle ein schlechtes Image. Das bedaure ich.»

Ein- bis zweimal im Jahr fährt er nach Nigeria, wo er seine Familie besucht. «Meine Heimatstadt heisst Enugu. Meine Eltern haben dort einen Lebensmittel-Laden.» Auch seine vier Schwestern und zwei Brüder leben hier. Oft macht sich «Tito» Sorgen um seine Heimat: «In Nord-Nigeria wütet die islamistische Terrorgruppe «Boko Haram» (in der Hausa-Sprache: «Bücher sind Sünde»). Tausende Christen sind im Namen des Islam getötet worden. Aktuell halten die Terroristen 200 christliche Mädchen gefangen.»

Der Reifen-Export ist nicht immer einfach. Nigeria hat vor kurzer Zeit den Zoll für Importware drastisch erhöht. «Was wir brauchen, ist ein guter Präsident und weniger Korruption», meint «Tito» nachdenklich.

Zurzeit warten in Okechukwus Lager rund 2000 Gebraucht-Pneus auf die Reise nach Afrika. Nur bei seinem eigenen Fahrzeug setzt der «König der Reifen» auf fabrikneue Reifen: «Für meinen VW-Transporter kaufe ich nur neue Pneus. Ich lege Wert auf Sicherheit im Strassenverkehr. In der Schweiz gibt es oft Regen und Schnee.»