Windisch
«Tipptopp» arbeitet seit 30 Jahren beim Aargauer Circus Nock

Für den 52-jährigen Marrokaner Lahcen El Mhamh ist es die 30. Saison als Requisiteur beim Aargauer Circus Nock. Weil er so flink und zuverlässig arbeitet, nennen ihn seine Kollegen «Tipptopp».

Rosmarie Mehlin
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Lahcen El Mhamh hilft beim Aufbau des Zirkuszelts.

Lahcen El Mhamh hilft beim Aufbau des Zirkuszelts.

Rosmarie Mehlin

Gestern Morgen war die Amphiwiese noch grün, mittags leuchtete sie rot-gelb. Der Circus Nock ist zu Gast. Das Chapiteau war innert Stunden aufgestellt. Seit der Saisonpremiere am 10.März hat der «Nock» an 40 verschiedenen Orten gastiert. Da muss für den Auf- und Abbau bei den Zeltarbeitern jeder Handgriff sitzen. Am meisten vertraut mit der Materie ist Lahcen El Mahmh. Für den 52-jährigen Marokkaner ist dies die 30. Saison beim grossen Aargauer Circus.

Weil er so flink und zuverlässig arbeitet, hat ihm die Seniorchefin Verena Nock längst das Prädikat «tipptopp» verliehen und inzwischen wird er von Kollegen und Artisten nur noch «Tipptopp» gerufen. Wenn der Job als Zeltarbeiter getan ist, zieht Lahcen vor jeder Vorstellung seine rot-schwarz-goldene Uniform an und empfängt die Besucher, begrüsst sie strahlend, kontrolliert die Tickets und führt einige an ihren Platz.

Geboren und aufgewachsen mit vier Brüdern in der Nähe der Stadt Taroudant auf einem kleinen Bauernbetrieb, hatte ein Onkel von Lahcen bereits beim «Nock» gearbeitet und seinen Neffen den Job dort 1982 vermittelt. Jeweils Ende Februar kommen er und weitere Landsmänner in die Schweiz, um im Winterquartier in Oeschgen die Infrastruktur für die Saison fit zu machen. Wenn die Saison im November zu Ende ist, bleiben die Zeltarbeiter noch zwei Wochen hier, um das Chapiteau und weitere Einrichtungen zu reinigen.

Neun Monate ist Lahcen getrennt von seiner Frau, den zwei Töchtern und zwei Söhnen zwischen 13 und 19 Jahren. Logisch, dass alle zwischen August und November geboren wurden. Für ihn ist die Trennung normal: «Ich arbeiten, Frau haben die Kinder, sie nix sein traurig. Wir viel telefonieren.» Als sie vor 20 Jahren heirateten, habe sie ja gewusst, dass er nur im Winter daheim sein würde. Lahcen freut sich, für die Zeitung fotografiert zu werden und plaudert in deutschen Brocken drauflos. Er koche jeden Tag für ihn und einen Kumpel. In der spärlichen Freizeit kaufe er ein, wasche, bügle und flicke. Er liebe Musik und gehe ab und zu in eine Disco. «Nein, nix wegen Frauen. Habe genug Frauen daheim.»

Seine Augen strahlen bei der Frage, wie ihm die Schweiz gefalle: «Guuuut, St.Moritz, Basel, Yverdon, Neuchâtel, alles so gut.» Als Muslim hält sich Lahcen strikt an die Regeln des Ramadan und hatte zwischen dem 20.Juli und dem 18.August bei grösster Hitze acht Mal beim Zeltaufbau mitgearbeitet, ohne tagsüber einen Tropfen zu trinken. «Ist normal. Abends trinken dann viel süsse, starke Minztee.»

Man sieht und spürt: «Tipptopp» ist zufrieden und glücklich mit seinem Leben. Etwas stimmt ihn traurig: Dass sein ältester Sohn nächste Saison nicht, wie geplant, beim «Nock» arbeiten kann. Am Zirkusunternehmen liegts nicht, sondern an der Personenfreizügigkeit. Nur noch die Hälfte der Requisiteure sind Marokkaner, die andere sind Rumänen. Der treue «Tipptopp» kann aber auch in Zukunft hier arbeiten.

Aufführungsdaten auf www.nock.ch.