Brugg
Tag der Achtsamkeit: Mit Meditationsübungen kehrt im Geist Stille ein

Reto Müller bietet in Brugg einen Tag der Achtsamkeit an. Achtsamkeit und das sogenannte «Mindfulness-Based Stress Reduction» sind zurzeit gefragt. Sie sollen Menschen helfen, Stress besser zu bewältigen und in ihre Mitte zu finden. Die AZ war bei den Übungen dabei.

Prisca Böcher
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Tag der Achtsamkeit in Brugg
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Mit dieser Klangschale und einem Klöppel eröffnet und beendet Kursleiter Reto Müller die verschiedenen Meditationsübungen.
Während der Meditation sollen die eigenen Gedanken beobachtet und wieder losgelassen werden.
Reines Schauen ohne zu werten oder zu definieren. Pflanzen sehen, ohne sie sofort zu bestimmen. Die Achtsamkeitsübungen auf dem Kirchplatz fordern Präsenz.
Im Video: Shibashi, Gehmeditation und Sitzmeditation. Reto Müller bietet in Brugg einen Tag der Achtsamkeit an. Achtsamkeit und das sogenannte «Mindfulness-Based Stress Reduction» sind zurzeit gefragt. Sie sollen Menschen helfen, Stress besser zu bewältigen und in ihre Mitte zu finden. Die AZ war bei den Übungen dabei.
Ein seltsames Bild bietet sich auf dem Kirchplatz in Brugg während der Achtsamkeitsübung 'Reines Schauen'. Der Regen stört dabei überhaupt nicht.
Shibashi-Übung 'Ein Drache steigt aus dem Meer auf'
Während der Mittagspause wird entspannt.
Im Moment ankommen und loslassen.
Die Klangschale begleitet durch den Tag der Achtsamkeit.
Die Sitzmeditation fordert teilweise Geduld, bis sie beendet wird.
Wofür bin ich im Leben dankbar? In der Pause werden die Punkte aufgeschrieben.
Die Sitzmeditationen führen zu einer achtsamen Körperwahrnehmung, der Fokus liegt auf dem Atem.
Stillsitzen, Atmen.
Reto Müller lässt den Klang ertönen, der die Übung beendet.
Im Bewegungsspielraum in Brugg war am Tag der Achtsamkeit meist nur der prasselnde Regen zu hören.

Tag der Achtsamkeit in Brugg

Prisca Böcher

Der Regen prasselt auf das Dachfenster des Raums. Das Geräusch schwillt an und wird wieder schwächer, der rhythmische Klang wirkt beruhigend. Im Bewegungsspielraum Brugg ist es abgesehen davon sehr still. Ich sitze auf einem Stuhl, meine Hände liegen ruhig auf den Oberschenkeln. Mein Atem geht langsam.

Um mich herum sitzen Menschen auf Stühlen oder auf Gummimatten am Boden. Die meisten hocken im Schneidersitz auf Meditationskissen, unsere Augen sind geschlossen. Ich lausche in den Raum, höre das Summen eines Geräts, das ich nicht zuordnen kann, merke, dass sich jemand sanft bewegt, denn seine Kleider rascheln. Keine dieser Personen kenne ich. Trotzdem teilen wir an diesem Tag unsere Zeit miteinander – vorwiegend ohne zusammen zu sprechen oder unsere Geschichten zu kennen.

Meditations- und Achtsamkeitsübungen stehen auf dem Programm, das Reto Müller zusammengestellt hat. Der 69-Jährige leitet diesen Tag der Achtsamkeit in Brugg und ist der Einzige, der nach Belieben sprechen darf. Wir anderen versuchen, unsere Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Den Geist im Zaum zu halten. Gar nicht so einfach. Immer wieder ertappe ich mich, wie ich meinen Gedanken nachhänge.

Sie springen hin und her, von der Velofahrt an diesem Morgen hin zum Vorabend, als ich ein Konzert besucht habe. Ob meine Freunde gut nach Hause gekommen sind? Ich wollte ihnen anschliessend schreiben, dazu gereicht hat es nicht mehr. Werde ich nachher machen, nehme ich mir vor. Ich stelle fest, dass ich ständig abschweife und an gestern oder morgen denke.

Achtsamkeit soll Stress reduzieren

Diese Gedanken und Impulse gilt es zu beobachten und wieder loszulassen. Ein kurzer Exkurs zu Eckhart Tolle, weltweit bekannt als Bestsellerautor und Weisheitslehrer, illustriert diesen Prozess anschaulich. Tolle beschreibt, dass viele Menschen ihre Handlungen nicht bewusst ausführen. Sie heben ein Glas Wasser vom Tisch, um zu trinken. Während sie es zum Mund führen, möchten sie bereits Wasser trinken.

Wenn sie trinken, denken sie daran, es wieder abzustellen, um sofort die nächste Handlung auszuführen. Diese Denkweise ist unbefriedigend und frustrierend, weil du immer wünschst, einen Schritt weiter zu sein. So verpasst du den eigentlichen Moment des Wassertrinkens, den Moment, in dem du dich lebendig fühlst.

Da wir einzig den Augenblick haben und weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft etwas tatsächlich «erfahren» können, verpassen wir das Leben. Stillsitzen, atmen, nichts denken. Nicht einfach. Müller bietet daher Kurse und Coachings für eine achtsamere Lebenweise an.

Der Tag der Achtsamkeit ist Teil des MBSR-Kurses. MBSR ist die Abkürzung von «Mindfulness-Based Stress Reduction», was mit «Stressbewältigung durch Achtsamkeit» übersetzt wird. Ein solcher Kurs dauert jeweils acht Wochen, die Methode wurde 1979 von Professor Jon Kabat-Zinn an der Universitätsklinik in Massachusetts (USA) entwickelt. Während des Kurses stehen die achtsame Körperwahrnehmung, Meditation im Sitzen und Gehen und Achtsamkeitsübungen für den Alltag im Zentrum.

In den letzten Jahren hört man immer wieder von Achtsamkeit, da sie das physische und psychische Wohlbefinden verbessern soll. «Achtsamkeit kann als klares und nicht wertendes Gewahrsein dessen bezeichnet werden, was in jedem Augenblick geschieht», hält der MBSR-Verband Schweiz auf der Website fest.

Dadurch wird es möglich, Körperempfindungen, Gefühle oder Gedanken zu erfahren und zu akzeptieren. Egal, ob sie angenehm, unangenehm oder neutral sind. Das Leben wird so erlebt, wie es sich von Augenblick zu Augenblick entfaltet.

Ständiges Werten, Einordnen und Urteilen führt zu Unruhe

Das Schweigen und Meditieren ist ungewohnt. Ich spüre ein Kribbeln in den Beinen, die Sitzposition wird unbequem. Mein Körper verlangt nach einer Gewichtsverlagerung, möchte Veränderung. Hier gilt es, achtsam mit mir zu sein. Soll ich meine Position verändern, um meine Beine zu entlasten? Oder gilt es, den Impuls zu ignorieren, weil er im Moment gar nicht wichtig ist? Nicht immer muss ich sofort handeln. Mein Geist gibt zwar ständig Befehle, gehorchen muss ich aber gar nicht zwingend. Müller spricht von Impulsdistanz.

Der gedankliche Lärm tut nämlich nicht gut. Das Werten und Urteilen führt zur ständigen Unruhe. Wenn ich einfach erkenne, was in diesem Moment ist, wie ich mich fühle, was mein Körper braucht, fällt Druck weg. So sein, wie ich bin, mit allen Ecken und Kanten. Annehmen, was passiert, loslassen. Das Konzept besticht durch seine Einfachheit.

Zum Tag gehören auch Bewegungselemente. Müller wird in diesem Punkt durch Madeleine Gertrud Wichtermann aus Windisch unterstützt, die uns in Shibashi einführt. Shibashi stammt wie Qi Gong und Tai Chi aus der altchinesischen Heilkunst. Es beinhaltet 18 Bilder, die aus der Natur stammen. Diese werden in langsamen fliessenden Bewegungen im Stehen ausgeführt.

«Es gibt kein richtig oder falsch. Fragt euch, was euer Körper braucht», sagt Wichtermann, die ebenfalls MBSR-Lehrerin in Brugg ist und in der Praxisgemeinschaft am Süessbach arbeitet. Ich führe die vorgezeigten Bewegungen andächtig aus. Bewege meine Arme, blicke den Händen nach, als sähe ich sie zum ersten Mal.

Die Naturbilder tragen poetische Namen: Seidenfäden schweben in der Luft; ein Drache steigt aus dem Meer auf; die Wolken teilen; ein Boot rudern auf dem See. Ich staune, wie leicht sich die Bewegungen anfühlen. Obwohl ich nicht weiss, wie sie funktionieren, tun die Übungen gut.

Achtsames Schauen, Essen oder Gehen fordert Überwindung

Vor dem Mittag erhalten wir den Auftrag einer Sehübung. Reines Schauen, sagt Müller. Wir stellen uns auf den Kirchplatz, beobachten, nehmen wahr. Ich sehe die Farben der Blätter, das Moos an den Ästen, die Regentropfen überall. Werden meine Sinne schärfer? Eine Gruppe Menschen verlässt das Kirchgemeindehaus.

Sie reagiert irritiert, eine Frau fragt: «Was ist denn hier los?». Sie hat recht: Wir stehen herum wie Säulen, passen nicht ins Bild. Einfach nur herumzustehen und zu schauen, passt nicht ins Konzept unserer Gesellschaft. Die achtsame Praxis lässt uns aus dem Rahmen fallen.

Das zeigt auch das Mittagessen. Wir sitzen im Kreis und geniessen das Mitgebrachte. Noch immer wird geschwiegen. Jemand schneidet einen Apfel, ich höre das Knacken eines Rüeblis, das gekaut wird. Säcke rascheln. Mein Fokus gilt ganz meinem Quark. Während des Essens nicht zu sprechen, ist merkwürdig. Ungewohnt. Aber verschiedene Völkergruppen essen in Stille, fällt mir ein. Ich werde lockerer.

Die Mittagspause wird zudem genutzt, um auszuruhen, sich zurückzuziehen oder um jene Aspekte oder Punkte für sich aufzuschreiben, die das eigene Leben zufrieden und glücklich machen. Mir fällt mehr ein als erwartet. Die negativen Gedanken wiegen schwerer und verdrängen das Gute, bestätigt Müller. Umso besser, sich dessen bewusst zu werden.

Am Nachmittag machen wir eine Gehmeditation im Freien. Müller erklärt, dass auf eine Einatmung drei Schritte folgen, so entsteht ein langsamer Rhythmus. Ich schleiche meine Bahn, setze einen Fuss vor den anderen. Die Zeit dehnt sich endlos, ohne dass ich vorwärtskomme. Langsames Gehen ist mühsam. Ich bin erleichtert, als die Übung beendet wird.

Die achtsame Grundhaltung ist eine Praxis für alle

Wie ich am Schluss erfahre, geht es nicht nur mir so. Auch die anderen kommen bei gewissen Übungen an ihre Grenzen, haben keine Geduld, schweifen ab. Bei einer Tasse Tee wird das Schweigen aufgehoben, abschliessend erfahre ich doch noch etwas über die anderen Teilnehmer.

Die Gruppe ist bunt durchmischt, die Leute kommen aus Basel, Bern, Zürich, aber auch aus der Region. Einige besuchen den aktuellen MBSR-Kurs bei Müller. Viele kennen ihn aus einer der vorherigen Veranstaltungen und haben sich gerne angeschlossen, um das Gelernte aufzufrischen. Denn Achtsamkeit muss im Alltag geübt werden.

Das Alter reicht von knapp Zwanzig bis zur Pension. Die jüngste Teilnehmerin schreibt ihre Maturaarbeit zum Thema. Sie hat mit Primarschülern ein Achtsamkeitstraining durchgeführt, um die Gelassenheit im Schulzimmer zu erhöhen. Ihr tut es selbst gut, sagt sie. Jemand erwähnt, wie wichtig das Mittagessen in Stille war. Man merke eher, dass die Sättigung einsetze, und esse nicht so viel.

Eine Frau mittleren Alters fragt, weshalb Menschen nicht öfter zusammen seien, ohne sich zu kennen. Es sei so einfach und könne so viel Wärme geben. Sie ist dankbar, dass sie das erleben darf. Die Dankbarkeit für diesen Tag zieht sich durch alle Rückmeldungen, ebenso das Bedürfnis, an der eigenen Wahrnehmung zu arbeiten.

Die Pensionärin Anne (Namen geändert) kam bereits mit 32 in ersten Kontakt mit dem Thema. Ihr hat Meditation und Achtsamkeit durch viele Lebensphasen geholfen. «Sie war wie ein roter Faden und hat mich gezwungen, im Moment zu leben. So konnte ich nicht zu viel nachdenken», sagt sie. Dass nun mehr darüber gesprochen wird, findet sie toll. «So sieht man, dass Meditation nicht nur für Spinner ist. Auf dem Land wird das noch oft gedacht.»

Die 55-jährige Céline geniesst es, sich erst Schritt für Schritt ein Bild der Menschen zu machen, mit denen sie den Tag verbringt. «Das Schweigen ist wunderbar. Aber das stille Essen ist schwierig, das halte ich schlecht aus.» Der Tag der Achtsamkeit erinnere sie, dass es das Richtige sei. «Es ist wichtig, dass wir sowohl positive als auch negative Gefühle zulassen. Alles hat seine Berechtigung, da zu sein.» Damit nennt sie einen wichtigen Grundsatz der Praxis.

Auf der einen Seite scheint Achtsamkeit und Meditation in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auf der anderen Seite wird der Trend in die Esoterik-Ecke gestellt, wie Müller sagt. Weltanschaulich gilt Achtsamkeit als absolut neutral, hält der MBSR-Verband fest. Die Praxis eignet sich für alle Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Gesundheit oder spirituell-religiöser Ausrichtung.

Müller hält fest, dass es auch Menschen gebe, die im Alltag sowieso achtsam sind. Beim Abwasch oder beim Putzen zum Beispiel. Die bei einem Fussballspiel abschalten können. Aber die vielen Reize bringen Menschen an ihre Grenzen. Viele finden durch eine Krise zum Thema. Herzinfarkt, Burnout im Alter von 28, familiärer Stress: Die Gründe sind vielfältig. «Die Welt ist komplex», sagt Müller.

«Bis zum nächsten Mal!» heisst es zum Abschied. Ich bin sicher, dass sich die achtsamen Wege nicht zum letzten Mal gekreuzt haben. Ich trete aus dem Gebäude, es hat aufgehört zu regnen. Ist das nun gut oder schlecht? Vermutlich ist es genau richtig.

Weitere Informationen zum Thema Achtsamkeit und zum MBSR-Verband Schweiz finden Sie hier.