Hausen
«Tabus machen eine Gesellschaft sprachlos»

Die Direktorin von Mission 21, Claudia Bandixen, spricht über Religions-Bashing und den Ort ihres Daheimseins, Genderfragen und wie es ist, seit 12 Jahren eine 80-Stunden-.Woche zu leben.

Rebecca Knoth
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Claudia Bandixen, ehemalige Kirchenratspräsidentin Aargauer Landeskirche. az

Claudia Bandixen, ehemalige Kirchenratspräsidentin Aargauer Landeskirche. az

Es ist morgens um acht, Claudia Bandixen steht in der Tür zum reformierten Pfarrhaus in Hausen. Während dem Gespräch knabbert sie an einer Scheibe Brot und begrüsst zwischendurch herzlich ihre Putzfrau in spanischer Sprache. Nach einer Stunde muss sie los, um den Zug nach Disentis zu erwischen. Dort hält sie an der Bündner Synode einen Vortrag.

Frau Bandixen, wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?

Claudia Bandixen: Ich hatte eine richtige Dorfjugend und hielt Meerschweinchen, Hündchen und Mäuse. Niederdorf, wo ich mit zwei Geschwistern aufgewachsen bin, war ein heimeliges Oberbaselbieter Dorf, wo noch jeder jeden kennt.

Wie erleben Sie die Gemeinde Hausen diesbezüglich?

Als ich 1996 herzog, habe ich das schon noch so erlebt, dass man sich in Hausen mit Namen grüsste. Aber das Dorf steht ja in einer enormen Entwicklung. Immer neue Leute kommen an und gehören erst mit der Zeit dazu. Die Integrationsarbeit ist eine der grossen Herausforderungen hier, wird aber gut angegangen.

Haben Sie direkte Kontakte zu Hausenern?

Leider nur punktuell. Ich kenne natürlich die direkten Nachbarn und noch ein paar Leute mehr. Wirklich daheim fühle ich mich aber in der Kirchgemeinde. Und die Kirchengemeinde Windisch besteht nicht nur aus Hausen, sondern einem grösseren Kreis.

Sie arbeiten in Basel als Direktorin von Mission 21. Ich nehme an, allzu viel Zeit verbringen Sie nicht im Aargau.

Ich habe eine 80-Stunden-Woche und das seit 12 Jahren. Ich bin eine Theologin, die immer wieder mit Turnarounds zu tun hat und das macht die Arbeit zeitintensiv. In der Kirchenerneuerung, die ich damals in einer schwierigen Phase übernommen habe, merkte ich, dass es mir liegt, Wege aus schwierigen Situationen zu finden. Damals habe ich eine entsprechende Zusatzausbildung durchlaufen.

Sie haben immer wieder Leitungsfunktionen übernommen. Was reizt sie daran?

Als junge Frau hatte ich gemeint, ich sei seelsorgerisch ausgerichtet und galt als schüchtern. Später habe ich gemerkt, dass ich keine besondere Gabe für Seelsorge besitze. Dafür kann ich schnell Handlungslinien erkennen und klar und gut organisieren. Es macht mir Freude, zusammen mit andern Erkanntes umzusetzen.

Wenn man Sie nun anstatt in die Mission in einem Bankverein oder Spital eingesetzt hätte – wären Sie auch dort erfolgreich gewesen?

Diese Fähigkeiten könnte ich auch an einem anderen Ort ausleben. Mein Lebensluxus besteht jedoch darin, für das einstehen zu können, was mir wichtig ist.

Sie haben sich auf Genderfragen spezialisiert. Was müssen Frauen, die leiten, beachten?

Frauen haben grundsätzlich das Gleiche zu leisten wie Männer, nur wird bei ihnen alles einen Zacken kritischer angesehen. Wenn zum Beispiel ein Mann die Stimme erhebt, dann hat er Tacheles geredet. Wenn eine Frau laut spricht, ist sie eine hysterische «Geiss». Als Frau müssen Sie viel subtiler vorgehen und ihre Meinung gut argumentieren.

Im Juli 2012 haben Sie Ihre Arbeit beim Missionswerk der Schweizer Protestanten, der alten Basler Mission, heute Mission 21, angetreten. Damals kämpfte Mission 21 mit Millionendefiziten und Richtungsauseinandersetzungen. Warum wollen Sie sie retten?

Wenn wir diese Mission verlieren, verlieren wir 200 Jahre humanitäre Geschichte. Aufgebrochen ist die Bewegung aus Betroffenheit vor dem Elend der Sklaverei und wie wir als Christen handeln und uns einsetzen sollen. Heute bewahrt Mission 21 eines der zehn weltweit wichtigsten ethnologischen Archive mit Fotos, Kulturbeschreibungen und Sprachaufzeichnungen von jetzt teilweise verschwundenen Kulturen. Mission 21 setzt sich zudem für Gesundheit ein, kämpft gegen Armut und macht Friedensarbeit zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen. Das ist ein Erbe, das ich bewahren möchte.

Was haben Sie im letzten Jahr erreicht?

Das ganze Werk ist wieder stabilisiert, die Mitarbeitenden arbeiten motiviert und mit Freude. Wir sind wieder in den schwarzen Zahlen und haben nicht nur die Gemeinnützigkeit anerkannt, sondern auch die Steuerabzugsfähigkeit für das gesamte Werk. Allerdings mussten wir viele Stellen in der Schweiz streichen. Projekte, die zu wenig Chancen hatten, aber viel Begleitaufwand benötigten, haben wir aufgegeben.

Wohin muss sich die Mission 21 künftig hinbewegen?

Es muss wieder deutlicher werden, was sie tut. Mission 21 hat 200 Jahre ausgewiesener guter Arbeit hinter sich. Dafür soll sie mit Stolz weiter einstehen.

Wie erleben Sie die öffentliche Diskussion um Religionsthemen?

Auffallend ist, dass im Westen Religion aus der Öffentlichkeit fast ausgeschlossen wird. Das Thema drängt sich dann auf, wenn wieder Anschläge von irgendwelchen Fanatikern gemacht werden. Zumindest dann wird deutlich, dass es eine hohe Kompetenz in Politik und Öffentlichkeit brauchen würde, um mit Religiosität umgehen zu können.

Was beinhaltet eine solche Religionskompetenz?

Unsere Partner aus Übersee haben uns an der Missionssynode 2013 gesagt: «Von euch würden wir gerne Toleranz lernen. Von uns aber solltet ihr einen respektvollen und ganzheitlichen Umgang mit Religiosität lernen.» Ein solcher Umgang kann nicht heissen: Wir sprechen nicht darüber.

Was passiert, wenn wir das Thema Religion meiden?

Solche Tabus machen letztlich eine Gesellschaft sprachlos und behindern gezieltes Handeln gerade im Umgang mit Extremen. Wenn man den gewachsenen Glauben zur Tür hinausprügelt, kommt er als Aberglaube und Fanatismus zum Fenster wieder herein.

Welches ist der Beitrag der Schweizer an die weltweite Missionsbewegung?

Wir Schweizer haben eine nüchterne und innige Religiosität. Genau diese Nüchternheit können wir zum Beispiel in der Ausbildung von Basisgemeindeleiter in Slums vermitteln. Dazu gehört, dass Menschen geholfen wird – unbesehen ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe. Vor allem um Kranke, die wegen ihrer Krankheit ausgegrenzt werden, kümmert sich die Mission. Früher waren dies Lepra-, heute sind es Aidskranke.

Kümmert man sich nur um christliche Kranke?

Nein. Zu den Grundwerten von uns Christen gehört die Überzeugung, dass die Liebe Gottes allen Menschen dieser Erde gilt. Folglich ist jeder wichtig und jeder ist es wert, dass man sich um ihn kümmert.