Vor 50 Jahren hatte ich die Kolumne Süssbachfisch auf der Bruggerseite des Badener Tagblattes aus der Taufe gehoben. Der Titel Süssbachfisch war ironisch gemeint, da es wegen der Gewässerverschmutzung durch die Reichhold Chemie in Hausen keine Fische im Bach gab. In den letzten Jahren habe ich die Kolumne in der AZ jeweils Ende Monat in der Mittwochausgabe weitergeführt, und die Brugger AZ-Redaktion hat sie ihrerseits zwischendurch mit eigenen Beiträgen gestaltet und wird dies auch weiterhin tun. Ich meinerseits beende meine Rubrik mit dieser Ausgabe.

In den ersten Jahrzehnten bildete der Süssbachfisch einmal monatlich den Samstag-Aufhänger auf der Bruggerseite und nahm eine halbe Seite bis eine Dreiviertelseite ein! Die humorvollen Geschichten erfreuten sich grosser Beliebtheit, weshalb unzählige Leser «Stoff» lieferten. Zum Abschluss möchte ich nachstehend einige Müsterchen wiedergeben, die vor über 30 Jahren im Süssbachfisch erschienen sind: im Originaltext und mit damaligem Kommentar.

  • Beim Brand der Liegenschaft gegenüber dem Stadthaus im Jahr 1982 erlitt auch das Schuhgeschäft Wernli Totalschaden. Anderntags wurden die Schuhe aus dem Ausstellungsraum ins Freie geschafft und in eine Abfallmulde gekippt. Die meisten Schuhe waren unversehrt. Mit der Zeit staute sich deshalb viel Volk um den Container und begann darin zu wühlen. Viele Passanten ergatterten ein tolles Einzelstück, einen linken Schuh, und durchstöberten nun verbissen den Haufen auf der Suche nach dem dazugehörenden rechten Schuh. Es war ein ergötzliches Bild, wie eine Menge Leute den Container durchwühlte – einige hievten gar ihre Kinder in die Mulde, um fündig zu werden. Doch alle blieben auf dem linken Schuh sitzen, genauer gesagt stehen. Des Rätsels Lösung: In den Schaufenstern und im Ausstellungsraum waren nur linke Schuhe platziert, während die rechte Hälfte im Keller gelagert war. Und so schlichen die erfolglosen Schuhfahnder auf leisen Sohlen von dannen.
  • Ein Brugger Verein gab im Vereinsblatt ein freudiges Ereignis bekannt. Ein Vereinsmitglied habe Nachwuchs erhalten. Dann wörtlich: «Wir gratulieren den beiden Eltern recht herzlich.» Zu viert geht alles leichter.
  •  Ein Helikopter transportierte eine Telefon-Relaisstation auf den Villiger Geissberg. Der Heli startete in unmittelbarer Nähe des Gemeindehauses. Zwei Gemeindeangestellte wollten sich das Schauspiel nicht entgehen lassen und öffneten die Fenster. Als der Heli die Rotorendrehzahl beschleunigte und mit der Last abhob, entstanden enorme Windstösse, welche in die Kanzleiräume drangen und Dutzende von Steuerformularen ins Freie wirbelten. Gleichwohl konnte in der Folge kein Einwohner davon profitieren, dass ihre Steuerformulare entflogen sind – diese wurden restlos wieder eingefangen.
  •  Eine Austauschstudentin aus Kolumbien wurde von einer Birrer Familie aufgenommen. Die Gastgeberin wollte dem Gast schon am ersten Wochenende die Schönheit der Schweiz zeigen und absolvierte per Auto eine Zweipässefahrt. Doch die Studentin war noch nicht akklimatisiert und kämpfte gegen die Müdigkeit – ohne Erfolg. Sie versank in einen tiefen Schlaf. Auf der Gotthard-Passhöhe rüttelte die Birrerin das Mädchen wach, damit es wenigstens hier die Bergwelt bestaunen und zum ersten Mal in seinem Leben Schnee anschauen und anfassen konnte. Es erwachte, blickte um sich, gewahrte die weisse Fläche und konstatierte: «Ah, sal!» (Salz).
  • Ein Schinznacher parkierte vor dem Roten Haus in Brugg; gleichzeitig fuhr die Barmaid Ruth mit ihrem alten PW vor. Der Mann meinte zu ihr: «Du könntest diesen Rostkarren auch mal ersetzen!» Dann begaben sie sich in die Bar. Zehn Minuten später trat der Hotelier hinzu und erklärte dem Schinznacher: «Dein Auto brannte, wir haben es gelöscht.» Der Schinznacher: «Danke, das ist nett. Die Batterie hätte zwar das Brennenlassen des Lichts schon ausgehalten.» Der Wirt: «Wir haben nicht das Licht gelöscht, sondern den Wagen!» Erschrocken eilte der Gast ins Freie und traf einen Mann mit einem Wasserkübel vor dem rauchenden Kühler. Der Schinznacher öffnete die Motorhaube, worauf erneut Flammen hochzüngelten und erneut gelöscht werden mussten. Von diesem Schrecken musste er sich in der Bar erholen, wo er von der Barmaid mit süffisanten Worten empfangen wurde: «Lieber Rost als Feuer im Auto.»
  • Ein welscher Soldat trat in einem Brugger Restaurant ans Buffet, pisste kurzerhand an die Theke und verschwand. Alle Anwesenden waren so verblüfft, dass ihn niemand zurückhalten konnte. Das Vorkommnis wurde dem Truppenkommandanten gemeldet. Dieser liess die Soldaten antraben, doch der Sünder meldete sich nicht. Daraufhin wurde die Truppe vom Servierpersonal unter die Lupe genommen und der Pisser sogleich identifiziert. Wie sich herausstellte, handelte es sich um kein unbeschriebenes Blatt, sondern um einen Hosenschlitz-Profi: um einen Zuhälter aus Genf.
  • Am Lupfiger Dorffest, organisiert von den Dorfvereinen, half der Aero-Club wacker mit. Dessen Mitglieder liessen sich beim Kauf von Tombola-Losen nicht lumpen – ganz im Gegenteil. Kein Wunder, dass einige Birrfelder Piloten einen Treffer buchen konnten: Sieben Piloten gewannen einen Gutschein – für einen Rundflug ab Flugplatz Birrfeld.
  • Letzte Schulstunde im Schulhaus Dorfstrasse in Windisch. Plötzlich bersten nach einem Donnerschlag in zwei Schulzimmern je eine Wand. Lehrerinnen und Schüler erschrecken zutiefst. Bricht das 100 Jahre alte Gebäude zusammen? Nein. Auf diesem musste eine Alarmsirene montiert werden. Der Kaminfeger bekam den Auftrag, ein nicht mehr benutztes Kamin ausfindig zu machen, das vom Estrich in den Keller führt und in welchem ein Kabel verlegt werden könnte. Also begab er sich auf den Estrich, liess seine schwere Eisenkugel in ein Kamin hinabgleiten und erwischte ein falsches: eines, das nur bis zum 2. Stock hinabführt. Und so schlug die Kugel auf der Höhe besagter Schulzimmer mit Getöse auf und liess die angrenzenden dünnen Schulzimmerwände erzittern und reissen. Nun, das Schulhaus ist ohnehin dringend sanierungsbedürftig.
  •  Eine Frau aus Brugg meldete der Kantonspolizei aufgeregt, ein Kaninchen sei aus ihrem Stall gestohlen worden. Die Hermandad marschierte prompt auf, um die Spurensicherung vorzunehmen. Plötzlich hoppelte das «gestohlene» Kaninchen aus dem Garten des Nachbarn heraus dem Polizisten entgegen. – Die Frau hatte das Stalltürchen nicht richtig verriegelt, worauf Meister Lampe einen Ausflug unternahm. So gelang es der Polizei, einen Ausbrecher statt eines Einbrechers zu stellen.
  • Eine Brugger Nachbargemeinde wies in ihrem Mitteilungsblatt auf die geltenden Bestimmungen der Kehrichtabfuhr hin und schrieb unter anderem: «Bitte stellen Sie das Material zusammen mit Ihren Nachbarn an einem Ort bereit.» Die Männer vom Abfuhrwesen werden sich gewundert haben, als am Strassenrand auf und in Kehrichtsäcken die Nachbarn herumlagen, bereit zum Abtransport. Nun wartet man gespannt aufs nächste Mitteilungsblatt, und zwar auf die Bekanntgabe der neuen, reduzierten Einwohnerzahl.
  • Ein stämmiger Jünger Petri aus Brugg hatte in einem stillen Winkel an der Aare bei Villnachern den Anglerhaken, bestückt mit einer Made als Köder, ausgeworfen. Nun wartete er auf die Beute. Sie kam – allerdings nicht in der erwarteten Form. Plötzlich stach eine Amsel aufs Wasser hinunter und schnappte die durchs Wasser treibende Made. Prompt blieb der arme Vogel an der Angel hängen, wurde an Land gezogen und musste mühsam befreit werden.Fischers Fritz fischt frische Vögel. Für den Spott jedenfalls braucht der Vogelfänger nicht zu sorgen: Seine Fangtechnik wurde von den Kollegen als «Fischen nach italienischer Art» benannt, und kehrt er seither vom Angeln zurück, wird er von Kollegen jeweils gefragt, ob er einen Vogel habe ...

Mit diesem 1979 erschienenen Süssbach-Fisch verabschiede ich mich 2019 – mit einem Dankeschön an alle Stoff-Lieferanten, Leserinnen und Leser.

Die Brugger AZ-Redaktion bedankt sich herzlich bei Edgar Zimmermann für seine trefflichen Kolumnen.