Es ist ein Abend im August 2015. Einem aufmerksamen Angestellten der SBB, Eric Klein (Namen geändert), fällt in Brugg ein Auto ohne Kontrollschild auf. Zudem sei einer der Container auf dem Areal offen gewesen und der Inhalt, eine Kupferrolle im Wert von zirka 10'000 Franken, sei zur Hälfte herausgezogen worden.

Die Insassen flüchteten jedoch, als sie ihn bemerkten und legten dabei einen fulminanten Start hin. Eric Klein rennt dem Auto nach und sieht dann einen der Insassen, wie er das Kontrollschild am Auto befestigt. Er merkt sich die Nummer und verständigt sofort die Polizei, die wenig später die beiden Beschuldigten, Damir und Ardan, verhaftet.

Diebstahl? Hausfriedensbruch?

Im Gerichtssaal in Brugg sitzen die beiden Beschuldigten mit etwas Distanz nebeneinander. Ardan wird wegen versuchtem Diebstahl und Hausfriedensbruch, Damir zusätzlich, da er der Fahrer des Autos war, wegen Verursachen von unnötigem Lärm durch zu schnelles Beschleunigen, Nichtbeherrschen des Fahrzeugs und dem Führen eines Motorfahrzeugs ohne Kontrollschilder angeklagt. Beide bestreiten jedoch die Tat vor Gericht. Auf die Einladung des Zeugen wurde verzichtet.

Damir und Ardan sind Brüder. «Wir haben ein gutes Verhältnis», sagt Damir auf die Nachfrage von Gerichtspräsidentin Franziska Roth. Ardan sagt vor Gericht nicht viel, das überlässt er seinem Bruder, der als Erster befragt wird. Die beiden seien in Mazedonien aufgewachsen, haben aber die weiterführende Schule in der Schweiz besucht. Beide haben keine Berufsausbildung abgeschlossen. Damir arbeitet seit sechs Wochen temporär als Lagerist, Ardan seit sieben Jahren als Staplerfahrer.

Mit Auto auf SBB-Areal verirrt

«Wir wollten in einen albanischen Klub, weil uns gesagt wurde, dass es dort neue Kellnerinnen gibt. Wir waren neugierig und wollten sie uns anschauen gehen», sagt Damir. Sie seien dabei versehentlich auf das SBB-Areal geraten, weil sie sich verfahren hatten. «Der Klub liegt direkt gegenüber. Das wussten wir nicht und sind falsch abgebogen», erzählt er weiter. Danach seien sie zum Bahnhof Brugg gefahren, wo sie bemerkten, dass das Nummernschild nach unten geklappt war.

«Wir haben Wechselschilder. Vielleicht ist das durch die Vibrationen beim Fahren passiert», sagt Damir. «Sie haben doch ein eigenes Auto, weshalb nehmen sie dann das ihres Vaters?», fragt die Gerichtspräsidentin. «Ja, aber bei uns ist das normal, dass jeder das Auto des anderen nehmen kann», antwortet Damir.

Der Vater handle mit Autoreifen, weswegen er auch die Rückbank heruntergeklappt und den Rollgabelschlüssel im Auto hatte. «Das gehörte nicht uns. Das Auto meines Vaters ist immer so», sagt er. Die Brüder sind sich einig: Die Zeugenaussage von Eric Klein stimme so nicht.

Im Zweifel für den Angeklagten

Gerichtspräsidentin Roth eröffnet das Urteil. Die Beschuldigten seien – in dubio pro reo – freizusprechen. Den Entscheid begründet sie wie folgt: «Der Zeuge sah zwar, dass die Kabelrolle herausgezogen wurde, jedoch sah er die Beschuldigten nicht daran werken.

Die Handlung betreffend des Diebstahls fehle folglich. Es gab ausserdem keine Reifenspuren am vermeintlichen Tatort, die einen fulminanten Start bezeugen würden. Auch der Anklagepunkt des Hausfriedensbruchs sei nicht erfüllt, da es auf dem Areal der SBB keine Verbotsschilder oder Absperrungen gab. «Wir haben nur die teils widersprüchlichen Zeugenaussagen, aber keine Beweise», stellt Roth fest.