Brugg
Stummfilme sind nicht stumm: Livemusik macht sie lebendig

Der Stummfilm «Die Weber» im Cinema Odeon begeistert das Publikum. Die Musik von Markus Dürrenberg macht das Werk mit sonderbaren Klängen lebendig. Sein Repertoire von Instrumenten scheint keine Grenzen zu kennen.

Elisabeth Feller
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Der Stummfilm «Die Weber» wird mit Livemusik begleitet.

Der Stummfilm «Die Weber» wird mit Livemusik begleitet.

Das ist nicht zum Hingucken. Am liebsten würde man zur Leinwand fliegen und von dort den betagten, weisshaarigen Mann runterholen, dessen Arbeit am Webstuhl so mühselig erscheint. Dann würde auch dieses zwar nicht eben laute, aber gleichwohl enervierende Geräusch aufhören.

Wer oder was ist Verursacher desselbigen? Eine Haspel. Normalerweise hat eine solche im Cinema Odeon nichts verloren. Diesmal schon, ist sie doch Bestandteil eines Sammelsuriums, zu dem etwa Klavier, Akkordeon, Keyboard, Gitarre sowie Schlag- und Blasinstrumente gehören.

Damit erzeugt Markus Dürrenberger Musik und Geräusche, die er für den Stummfilm «Die Weber» (1927) massgeschneidert hat. Der Multiinstrumentalist aus dem Appenzell gastierte schon einmal im Odeon mit dem Stummfilm «Sunrise»: «Wer Dürrenberger damals erlebt hat, wird seine Vertonung nicht so schnell vergessen», sagt Stephan Filati, zuständig für das Odeon-Kinoprogramm.

Publikum ist begeistert

Filati setzt regelmässig auf Stummfilme: «Sie passen wunderbar an einen Ort, der einst ein Stummfilmtheater war.» Perfekt passen jetzt auch «Die Weber» ins Odeon. Der Bezug zur nahen, einstigen Spinnerei Kunz in Unterwindisch ist gegeben, was auch fast alle Besucherinnen und Besucher betonen, die ins Odeon strömen. Viele von ihnen sind dem Stummfilm mit seinen schwarz-weissen, aussagekräftigen Bildern auf den Geschmack gekommen.

Thomas Mayr, Goldschmied, Brugg «Eine Geschichte erzählen ohne Text, aber mit Live-Musik? Das ist doch der Ursprung von Kino. Diese Kombination ist für mich heute Abend eine Premiere. Apropos: Ich gehe sehr gerne ins Odeon.»
6 Bilder
Markus Dürrenberger, Multiinstrumentalist, Gais «Ich habe im Odeon schon den Stummfilm ‹Sunrise› begleitet. An der Vertonung für ‹Die Weber› habe ich ein Jahr lang gearbeitet; jetzt möchte ich diesen gehaltvollen Film an etwa 30 Orten in der Schweiz, auch in Schulen, aufführen.»
Eva und Rolf Schmid; ehemaliger Betriebsleiter der Spinnerei, Windisch «Uns führt natürlich der Gwunder ins Odeon. (Eva Schmid zu ihrem Mann): «Aber wieso ‹Die Weber›? Du warst doch in der Spinnerei tätig.» (Rolf Schmid, lacht): «Ja, und?»
Nadine Basler, Lehrerin/Schulleiterin, Aarau «Weshalb ich hier bin? Mein Partner kennt Markus Dürrenberger. Das ist ein Grund, nach Brugg zu kommen. ‹Die Weber› haben wir als Drama von Hauptmann in der Schule durchgenommen.»
Mathias Pfister, Umiken, ehemals Lehrer «Ein Stummfilm mit Live-Musik? Das ist wunderbar. Ich habe schon einmal den ‹Panzerkreuzer Potemkin› gesehen. Auf die heutige Aufführung bin ich sehr gespannt; ‹Die Weber› liegen mir nahe, denn ich denke da an Windisch und die Spinnerei.»
Tobias Wittmer, Produktmanager SBB, Aarau «Markus Dürrenberger kenne ich schon länger. Ich habe mit ihm bereits ‹Sunrise› im Odeon erlebt. Wie er das macht, ist faszinierend. Und nun gibts ‹Die Weber› mit ihm – das ist für mich eine ganz neue Produktion; da muss ich einfach dabei sein.»

Thomas Mayr, Goldschmied, Brugg «Eine Geschichte erzählen ohne Text, aber mit Live-Musik? Das ist doch der Ursprung von Kino. Diese Kombination ist für mich heute Abend eine Premiere. Apropos: Ich gehe sehr gerne ins Odeon.»

Michael Hunziker

Markus Dürrenberger steht im Foyer und heisst jeden Neuankömmling mit Neugier willkommen. Seine Arbeit – und eine solche ist die Live-Begleitung des 90-minütigen Stummfilm – wird anstrengend sein. Da braucht es zuvor eine Aufwärmrunde. Plötzlich ist der Musiker verschwunden – die Vorstellung wird in Kürze beginnen; die letzten Besucher hasten ins Parkett.

Nach Filatis Begrüssung erlischt das Licht langsam – auf der Leinwand erscheinen Gesichter und kurze Erklärungen dazu. Was sehen wir? Fabrikant Dreissiger – ein unsympathischer Mann, der die Weber unterjocht. Schlimm, schlimm.

Oben flimmern die in der digitalisierten Fassung taufrisch wirkenden Bilder – 24 pro Sekunde – vorüber; unten, in der linken Ecke auf der Bühne, brummt, grummelt, wispert, seufzt, ächzt und scheppert es in allen nur erdenklich normalen oder künstlichen Tönen und Geräuschen.

Und schliesslich singt der Urheber all dessen auch noch. Gibt es etwas, was der Mann nicht kann? Im Nu hat der Multiinstrumentalist sein Publikum erobert. Das Urteil in der Pause ist klar: «Fantastisch, toll, genial.» Schliesslich bringt ein Fan auf den Punkt, was wohl alle denken: Markus Dürrenberger muss wiederkommen.

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