Windisch/Brugg
Stummfilm über Anfänge des Kapitalismus mit hochaktuellen Themen

Die Spinnerei gehört zu Windisch wie das Amen zur Kirche. Kein Wunder, setzt das Brugger Cinema Odeon den Stummfilmklassiker «Die Weber» – nach Gerhart Hauptmanns sozialem Drama – aufs Programm.

Elisabeth Feller
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Die Weber proben den Aufstand: Szene auf Friedrich Zelniks Stummfilmklassiker aus dem Jahr 1927. ZVG

Die Weber proben den Aufstand: Szene auf Friedrich Zelniks Stummfilmklassiker aus dem Jahr 1927. ZVG

Deutschland, im 19. Jahrhundert. Die Fäuste sind geballt, die Münder weit aufgerissen: Die Weber rasen auf die Villa des Fabrikanten Dreissiger zu. Die Wut über einen Arbeitgeber, der sie unter menschenunwürdigen Umständen schuften lässt, bestimmt Fühlen und Handeln der aufgebrachten Menge.

Die aufständischen Weber stürmen die Villa und ziehen danach weiter ins nächste Dorf. Dort steht eine mechanische Weberei, wo der Lohn der Arbeiter ebenfalls halbiert wird. Auch diese Fabrik wird von den zornigen Arbeitern gestürmt . . . dann ist das Militär im Anzug.

Emotionale Achterfahrt

Das Publikum kann an der emotionalen Achterbahnfahrt der Protagonistinnen und Protagonisten am Sonntag-Abend im Brugger Cinema Odeon teilnehmen. Es sieht schwarz-weisse Bilder; es hört zwar keine Schreie, da es sich ja um einen Stummfilm handelt, dafür aber Klänge, die verschiedenen Instrumenten entlockt werden, sowie Geräusche, die aus dem Orchestergraben des Kinos ans Ohr dringen.

Dort sitzt Multiinstrumentalist Markus Dürrenberger, der sich ein halbes Jahr lang auf die Untermalung von Friedrich Zelniks Stummfilmklassiker «Die Weber» aus dem Jahr 1927 vorbereitet hat. Für Stephan Filati – zuständig fürs Odeon-Filmprogramm – passt Zelniks, offenkundig von Sergej Eisensteins «Panzerkreuzer Potemkin» beeinflusstes Werk, zu Windisch mit seiner grossen Spinnerei-Vergangenheit..

«1956 kam ich als junger Meister nach Windisch. Hier verarbeiteten wir acht Sortimente von Baumwollqualitäten. Ab 1962 kamen Mischgarne hinzu. Wir machten Garn und Zwirn. Es gab in den Fünfzigerjahren noch verhältnismässig kleine 500-Kilo-Aufträge. Zu etwa 90 Prozent kamen diese von kleineren Webereien aus der Schweiz, später ging fast alles ins Ausland.» Rolf Schmid, Spinnerei Windisch

Für Stephan Filati ist der stumme, aber umso beredtere, neu digitalisierte Film über seinen künstlerischen Wert hinaus «vor allem ein Dokument über die Anfänge des Kapitalismus». Es gehe um einen Fabrikanten, der die Mitarbeitenden ausbeute; miese Arbeitsbedingungen, Lohndumping, Menschenverachtung sowie Gewinnoptimierung um jeden Preis.

«Ich arbeitete ungefähr 60 Stunden pro Woche und begann morgens jeweils um 6.30 Uhr, manchmal schon um 5 Uhr. Offiziell war die Mittagszeit von 11 bis 13 Uhr. In den Fünfzigerjahren gab es noch Schweizerinnen als Arbeiterinnen, die nach Hause mussten, um zu kochen. Später konnten keine Schweizer mehr gewonnen werden. Die wollten einen Beruf erlernen.» Rolf Schmid, Spinnerei Windisch

Der Film «Die Weber» werfe viele Fragen auf, betont Stephan Filati. Zu denen gehörten beispielsweise jene nach der Verteilung von Last und Lohn oder der Schere zwischen Arm und Reich. Es gehe um Gerechtigkeit; weiter um Fragen nach der Veränderbarkeit von unhaltbaren Umständen und natürlich auch um die Zukunft. «All dies beschäftigt uns auch heute.»

«Ich arbeitete bis 1993 in der Fabrik und erlebte die starke Automatisierung. 1956 waren wir noch 450 Personen und machten 4 Tonnen Garn pro Tag. Später machten wir das Doppelte mit vielleicht 180 Personen. Gegen Ende lief die Produktion mit drei Schichten, auch am Wochenende, um möglichst viel zu produzieren. Den Niedergang erkläre ich mit den Löhnen. In Asien zahlte man konkurrenzlos tiefe Löhne. Da konnte man in Europa nicht mithalten.» Rolf Schmid, Spinnerei Windisch

Wie wird das Publikum in Brugg auf einen Film reagieren, dessen Thema – «Die Weber» – im Umfeld noch sehr präsent ist? Stephan Filati ist gespannt.

«Die Weber» So., 26. Januar, 20 Uhr, Cinema Odeon gegenüber vom Bahnhof. Die Zitate von Rolf Schmid sind dem Büchlein «Wasser- und Spinnereigeschichten – Zeitzeugen erzählen von Unterwindisch» entnommen. Zu beziehen ist es bei Irene Wegmann; E-Mail: airini@gmx.net

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