Severin Hallauer hat für Aufsehen gesorgt im Rekrutierungszentrum in Windisch: Seine Rekrutierung für das Militär absolvierte er als «unbekleidete und ungeschlechtliche» Kunstfigur – von Kopf bis Fuss weiss bemalt, die Genitalien mit Latex und Schminke verdeckt und unkenntlich gemacht.

Seit etwa einem Jahr befasse er sich mit der Fragestellung der Diskriminierung der Geschlechter, sagt der 19-Jährige Student an der Zürcher Hochschule der Künste zu seinen Beweggründen. Er habe sich dazu entschlossen, eine Kunstfigur zu kreieren, mit der er in bestimmten Situationen auftreten und die Reaktionen beobachten könne – «und um auf die Problematik der binären Geschlechter-Diktatur unserer Gesellschaft und Politik hinzuweisen».

Durch die morgendliche Rushhour

Die Aktion sei als stiller Protest gedacht gewesen, fährt Hallauer fort. «Sie begann beim Verlassen meiner Wohnung in Zürich und führte mich durch die morgendliche Rushhour mit dem öffentlichen Verkehr nach Windisch.» Der Student trug einzig einen Militärmantel und hielt sein Dienstbüchlein und den Marschbefehl in der Hand.

Bei der Rekrutierung habe er «die visuelle Präsenz» in den Vordergrund gestellt und sich nur wenn nötig geäussert, führt Hallauer aus. Er habe eine Nummer – die 127 – entgegennehmen müssen. Zunächst durchlief er die medizinischen Abklärungen und nach dem Mittagessen die Sportprüfung. «Mein Konzept des unantastbaren, geschlechtslosen Individuums begann sich jedoch zu wandeln, da ich auf keinen Widerstand gegenüber meinem Äusseren stiess», stellt er fest. «So verliess ich mehr und mehr meine Rolle und bestritt schliesslich den zweiten Tag in Kleidern, die von meinen Vorgängern zurückgelassen wurden.»

Das Gegenteil war der Fall

Schon kurz nach seinem Eintreffen in Windisch habe das gesamte Rekrutierungszentrum Bescheid gewusst und in Gruppen-Chats im Internet hätten Fotografien vom «Schneemann» oder der «Friedenstaube» die Runde gemacht, blickt er zurück. «Erstaunlicherweise wurde ich bis zur medizinischen Untersuchung vonseiten der Leiter nicht auf mein sonderbares Erscheinen angesprochen», sagt Hallauer. Die meisten der anderen Stellungspflichtigen hätten verhalten reagiert. Allgemein sei eine Konfrontation gemieden worden. «Sobald mich jedoch jemand befragte, beschloss ich, meine unterkühlte Rolle aufzugeben. Vom Putzpersonal bis zur Oberärztin hatte ich wunderbare Gespräche.»

Die visuell starke Kunstfigur, fasst der Student zusammen, sei nicht dafür angelegt, mit anderen Menschen auf einer persönlichen Ebene in Kontakt zu treten und zu kommunizieren und habe – entgegen seinem ursprünglichen Konzept – nur den ersten Tag überlebt: Aber: «Mein Ziel, Diskussionen zu dieser Thematik zu führen, habe ich erreicht.» Eigentlich habe er damit gerechnet, abgewiesen zu werden und sofort mit dem nächsten Zug nach Hause fahren zu müssen. «Ich bin generell von einer unterkühlten Stimmung ausgegangen, das Gegenteil war der Fall.»

Übrigens: Hallauer hat die Sportprüfungen sowie die medizinischen und psychologischen Tests erfolgreich bestanden. Er wurde schliesslich als zivilschutztauglich eingestuft.

Keine weiteren Fälle bekannt

Aktionen wie diejenigen von Severin Hallauer scheinen die Ausnahme zu sein im Rekrutierungszentrum. Weitere Fälle seien ihm nicht bekannt, sagt Walter Frik, stellvertretender Informationschef Verteidigung beim Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). An der Rekrutierung werde grundsätzlich von Spezialisten abgeklärt, welche Fähigkeiten und Talente ein Stellungspflichtiger habe. «Im Zentrum stehen dabei Gesundheitszustand, körperliche Leistungsfähigkeit, Gesundheit der Psyche sowie die Sicherheit in Bezug auf das Anvertrauen der persönlichen Waffe», führt der Armeesprecher aus. Der Stellungspflichtige unterstehe dem Militärgesetz und habe den Anweisungen während des Rekrutierungsprozesses Folge zu leisten. Dies habe Hallauer auch gemacht. Werde der Rekrutierungsprozess aber gestört, würden «die nötigen» Massnahmen getroffen.