Bezirksgericht Brugg

Streit wegen Erbschaft: Bruder in rund 100 Whatsapp-Nachrichten wüst beschimpft

Der Eingang zum Bezirksgericht Brugg. (Archivbild)

Der Eingang zum Bezirksgericht Brugg. (Archivbild)

Irgendwann wurden die Handy-Nachrichten seinem Bruder zu viel, darum landete Romano vor dem Bezirksgericht Brugg.

Romano und Francesco (Namen geändert) sind Brüder aus der Region, die seit Anfang Jahr keinen Kontakt mehr ­haben. Kürzlich sind sie sich vor dem Bezirksgericht Brugg wieder begegnet. Francesco hat ­seinen Bruder Romano nämlich angezeigt.

Angezeigt wegen mehrfacher Beschimpfung und Missbrauchs einer Fern­mel­de­anlage. Eine Vergleichsverhandlung, die Gerichtspräsident Sandro Rossi zu einem früheren Zeitpunkt veranlasst hatte, scheiterte. Und so kam es zu einer Hauptverhandlung.

Romano soll seinen Bruder innerhalb von vier Monaten per Whatsapp mit den Aus­drücken «Drecksohn», «Ihr sind chrank», «schiss Mensche», «Schmarotzer» und «Scheiss, falsch igebildeti Mensche» beschimpft haben. Zudem habe er seinem Bruder im Zeitraum von über viereinhalb Monaten rund 100 Whatsapp-Nachrichten geschickt, obwohl Francesco deutlich gemacht hat, dass Romano ihn nicht mehr kontak­tieren solle.

Die Staatsanwaltschaft Brugg- Zurzach forderte eine bedingte Geldstrafe von fünf Tagessätzen à 170 Franken bei einer Probezeit von zwei ­Jahren sowie eine Busse von 400 Franken.

Erbschaft führt zum Streit zwischen Brüdern

Die Anklageschrift ist kurz gefasst. Länger ist aber die Geschichte dahinter, die vor Gericht zu erfahren war. So kam her­aus, dass Romano seit Jahren psychisch krank ist. Gemäss seinen Aussagen wurde er als kleiner Bub vom Onkel sexuell missbraucht und mit Alkohol abgefüllt, von seiner Mutter sei er regelmässig geschlagen worden. Sein Bruder hingegen nicht.

Später kamen Drogenpro­bleme dazu. Erst jetzt, im mittleren Alter, hat Romano eine Psychotherapie angefangen, in der er das Erlebte zu verarbeiten versucht. Inzwischen wurde ihm auch ADHS diagnostiziert. Romano bezieht IV-Gelder, es ist seine einzige Einkunft.

Der Tod des Vaters führte ­ zu einem Erbschaftsstreit zwischen den beiden Brüdern. Gegenseitig machten sie sich Vorwürfe. Romano aber be­nutzte in seinen Nachrichten Schimpfwörter.

Die Anzeige seines Bruders enttäuscht ihn

Er erscheint ohne Anwalt vor Gericht, beteuert, dass er das alles gar nicht böse gemeint habe und bezieht sich auf die freie Meinungsäusserung. Währenddessen schüttelt sein Bruder, der im Publikum sitzt, immer wieder den Kopf und nestelt an seinen Schuhbändeln herum. Romanos Ausführungen sind lange und ausschweifend, Gerichtspräsident Rossi muss ihn immer wieder ermahnen, langsamer und deutlicher zu sprechen. Geduldig beantwortet er dem Beschuldigten alle Fragen zum Ablauf der Verhandlung.

Romano gibt zu, dass er die Nachrichten geschickt hat und seinen Bruder sowie seine Mutter gemeint hat, wenn er beispielsweise «schiss Mensche» geschrieben hatte. Leider habe er sich nie mit seinem ­Bruder und seiner Mutter austauschen können. Der ganze Streit tue ihm weh. Und er sei enttäuscht, dass sein Bruder Anzeige erstattet hat, obwohl Francesco wisse, dass er, Romano, psychisch krank sei.

Gericht streicht die Busse von 400 Franken

Letztlich verurteilt das Gericht Romano wegen mehrfacher Beschimpfung zu fünf Tagessätzen à 30 Franken bei einer Probezeit von zwei Jahren. Gestrichen wird die Busse, dafür muss er die Gerichtskosten sowie die weiteren Verfahrenskosten übernehmen. Freigesprochen wurde der Beschuldigte vom Vorwurf des Missbrauchs einer Fernmeldeanlage.

Grund dafür: Es mangelte an einem gültigen Strafantrag. Heisst: Die Staatsanwaltschaft klagte den Zeitraum von Mitte Juli 2018 bis Ende November 2018 – zu diesem Zeitpunkt erstattete Francesco Anzeige – ein.

Weil es sich dabei aber beim Missbrauch einer Fern­melde­anlage um ein Antragsdelikt mit einer Frist von drei Monaten handelt, kam nur der Zeitraum ab dem 28. August 2018 in Frage. In dieser Zeit hat Romano ­lediglich 20 Nachrichten an ­seinen Bruder verschickt. Von einem Missbrauch könne also nicht die Rede sein, sagte Gerichtspräsident Sandro Rossi. «Lassen Sie die Finger von Ihrem Handy. Dass Sie das ­können, haben Sie ja bereits bewiesen», gab Rossi Romano mit auf den Weg. «Nutzen Sie Ihre Energie für sich selber.»

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